«Zwei verschiedene Personen»: Viraler «Finance Bro» täuscht
Hass und Spott erntet «Sales Guy» Roman bei seinem Auftritt im viralen SRF-Clip. Dies jedoch zu Unrecht.
00:00 / 00:00
Das Wichtigste in Kürze
- Roman stellt sich als «Sales Guy» vor und wirft mit Business-Slang um sich.
- Doch der selbstbewusste Klischee-«Finance Bro» aus dem viralen SRF-Clip täuscht.
- Kommunikationsprofi Ferris Bühler vergleicht zwei verschiedene Auftritte von ihm.
Viele User könnten ihn ohrfeigen und noch mehr verspotten ihn: «Sales Guy» Roman. Mit geschleckter Frisur, Ray-Ban-Sonnenbrille und Airpods in den Ohren erzählt er an der Zürcher Bahnhofstrasse kurz aus seinem Leben.
Besonders auffällig: Der Business-Slang, mit dem er um sich wirft.
Er höre sich gerade Podcasts an, «The Market Huddle», sagt er. Darin gehe es um «Finance». Als Beispiel erwähnt er «Street of Hormuz, AI, private credits – Everything that makes markets go round.»
Sales Guy sei er, bei einem «amerikanischen Asset Manager» und verkaufe ETFs – «Exchange Traded Funds», so Roman.

Roman schwärmt von seinem Job: «Markets ist einfach eine evolving Story». Man habe mit Kunden zu tun, er sei deshalb relativ «chatty».
Auch finanziell läuft es bei ihm. «Multiple Hundert», antwortet er auf die Frage nach seinem Verdienst.
Kein Showman
Im viralen Video aus der SRF-Serie «Donat auf Achse» hinterlässt Roman einen bleibenden Eindruck als Klischee-«Finance Bro» aus Zürich.
Doch der Eindruck täuscht. Dies zeigt ein Interview, das er vor zwei Monaten einem Finanz-Podcast gegeben hat. Zum Schutz seiner Privatsphäre verzichten wir, die Quelle zu nennen.
Im Podcast sitzt Roman in einem Hemd vor dem Mikrofon und beantwortet Investmentfragen zum Hype um das Raumfahrtunternehmen SpaceX.
Das Auffälligste an seinem Look mag höchstens die weisse Uhr mit dem rosa Zifferblatt an seinem Handgelenk sein.
Auch im Podcast bringt er zwar kaum einen Satz ohne englischen Ausdruck über die Lippen.
Schnell wird aber klar: Hier muss ein englischer Muttersprachler sprechen – und kein Showman, der sich ein paar Wörter in akzentfreiem Business-Slang antrainiert hat.
Denn: Sein englischer Akzent ist in seinen deutschen Antworten unüberhörbar.
«Kontrolliert und unaufgeregt»
Kommunikationsprofi Ferris Bühler hat das virale Video mit dem Auftritt im Podcast verglichen. «Für mich wirken das auf den ersten Blick fast wie zwei verschiedene Personen», sagt er zu Nau.ch.
Im Podcast erlebten wir Roman in seinem natürlichen beruflichen Habitat, so Bühler. «Ruhig, fachlich, kontrolliert und unaufgeregt.» Im kurzen Strasseninterview sehe das Publikum nur einen Ausschnitt, der Kontext zur Person fehle komplett.
Im Ausschnitt bleiben laut Bühler vor allem die auffälligen Elemente hängen. «Wie ‹Sales Guy›, ‹chatty›, ‹evolving Story›, sein Englisch und seine sehr selbstbewusste Art.»
Dies zeige sehr schön die Macht und auch die Gefahr von Social Media auf, sagt der Kommunikationsprofi. «Ein Mensch wird in wenigen Sekunden auf seine auffälligsten Eigenschaften reduziert.» Aus einer Persönlichkeit werde eine Figur, aus der Figur ein Klischee und aus dem Klischee schliesslich ein Meme.
«Wenn man den Podcast kennt, bekommt das Ganze deshalb für mich eine andere Färbung.» Was im kurzen Clip wie eine bewusst inszenierte «Finance-Bro»-Sprache wirken könne, scheine bei Roman wesentlich natürlicher zu sein.
Wechsel klinge natürlich
Die Generation Z spickt ihre Sätze oft mit englischen Ausdrücken. «Cringe», «random» oder «literally» sind nur ein paar Beispiele dafür. Warum kriegt ausgerechnet Roman sein Fett weg?
Bei Roman klingt der Wechsel ins Englische laut Ferris Bühler dagegen sehr natürlich. Paradoxerweise könne genau dies inszeniert wirken, wenn man seinen sprachlichen Hintergrund nicht kenne.
«Das Spannende ist: Je authentischer sein Englisch klingt, desto eher halten es manche für Show.» Roman passt zudem beruflich und sprachlich perfekt in die Schublade «Zürich Finance Guy».
Roman klingt für manche zu sehr nach «Finance Guy», um echt zu sein. Dies ist laut Bühler vielleicht die schönste Pointe der Geschichte. «Dabei ist er möglicherweise einfach genau das: Ein echter Finance Guy.»
SRF steht mit Roman in Kontakt
Roman erntet in den Kommentarspalten auf Social Media unzählige negative Kommentare. Das SRF musste die Kommentarfunktion zum Video auf Social Media deshalb deaktivieren.
Der Protagonist scheint sich schützen zu wollen. Das Profilbild auf seinem LinkedIn-Profil hat er entfernt. Auch war sein Profil zwischenzeitlich nicht mehr abrufbar.

Anita Richner, Angebotsverantwortliche von SRF, bestätigt auf Anfrage, dass Reporter Donat Hofer in Kontakt mit Roman stehe.
Richner bezieht sich auf einen telefonischen Austausch. «Es ging vor allem darum, wie es Roman mit der medialen Aufmerksamkeit und der Viralität des Clips geht.» Rechtliche Forderungen von Roman an SRF gebe es keine.
SRF lässt Clip ohne Einordnung viral gehen
Das Bundesgesetz über Radio und Fernsehen schreibt vor, dass redaktionelle Sendungen mit Informationsgehalt Tatsachen und Ereignisse sachgerecht darstellen. «So dass sich das Publikum eine eigene Meinung bilden kann.»
Der Clip von Roman geht aber weiterhin ohne Einordnung von SRF viral. Mehr über Roman erfährt auch das Publikum nicht, wenn es sich die gesamte Sendung anschaut.
Der Ausschnitt sei nicht aus dem Kontext gerissen worden, sagt Anita Richner. «Die veröffentlichte Passage zeigt das Gespräch so, wie es stattgefunden hat.» Der Inhalt sei nicht verändert oder verfälscht worden.

Die Reaktionen hat SRF im Blick. «Dass Menschen aufgrund von Ausschnitten in sozialen Medien auf einige wenige Merkmale reduziert werden, beobachten wir kritisch.» Ihr Ziel mit «Donat auf Achse» sei es, Menschen möglichst unvoreingenommen zu begegnen und ihre Geschichten sichtbar zu machen.
«Nicht auf Kosten einer Person»
Inzwischen geht der Clip bereits seit einer Woche viral. «Dass gerade dieser Ausschnitt eine solche Verbreitung und Resonanz auslösen würde, war für uns nicht absehbar», sagt Anita Richner.
Auch Donat Hofer nimmt Stellung. «Hätte ich gewusst, welche Dynamik dieses Video entfacht und wie viele abwertende Kommentare es auslösen würde: Dann hätte ich es nicht gepostet.»
Das Gespräch dürfe amüsieren, so Hofer. «Aber nicht auf Kosten einer Person.» Deshalb habe er die Kommentarfunktion nach kurzer Zeit deaktiviert.
Die negativen Kommentare entsprächen nicht dem, was sie mit der Sendung hätten erreichen wollen. «Nämlich Einblicke und Verständnis für unterschiedliche Lebensrealitäten.»













