Gen-Z-Buben mit Sexisten-Haltung: Sind Eltern schuld?
Eine Studie zeigt: Ausgerechnet die Jüngsten haben oft gleichstellungsfeindliche Haltungen. Social Media ist ein Grund. Doch können auch die Eltern mehr tun?

Das Wichtigste in Kürze
- Jeder dritte junge Mann in der Schweiz hat ausgeprägt dominante Vorstellungen von Männlichkeit.
- Verbreitet sind radikale Geschlechterbilder vor allem unter den 18- bis 24-Jährigen.
- Die Eltern haben nur einen begrenzten Einfluss. Einige Dinge können sie trotzdem tun.
Eine neue Studie der Universität Zürich lässt aufhorchen: Fast jeder dritte junge Mann in der Schweiz hat ausgeprägt dominante Vorstellungen von Männlichkeit.
In der Studie ging es in erster Linie um den sogenannten «Faktor M». Die Forschenden bezeichnen damit ein Einstellungsmuster, das verschiedene strikte Auffassungen von Männlichkeit und Geschlechterbeziehungen beinhaltet.
Studienleiter Denis Ribeaud, Kriminologe und Soziologe an der Uni Zürich, erklärt in einer Mitteilung: «Faktor M steht für eine Haltung, die ‹echte Männlichkeit› bedroht sieht. Verbunden mit männlichen Überlegenheitsansprüchen, Gewaltbereitschaft, Frauenfeindlichkeit, der Verachtung sexueller Minderheiten und der Ablehnung von Gleichstellung.»
Insgesamt werden 20 Prozent der befragten Männer und sieben Prozent der Frauen zur Gruppe mit hohen Faktor-M-Werten gezählt. Sie gelten als besonders anfällig für problematisches oder gewalttätiges Verhalten.
Am weitesten verbreitet sind diese dominanten Männlichkeitsvorstellungen in der jüngsten Gruppe. Fast jeder dritte Mann zwischen 18 und 24 Jahren (31 Prozent) gehört zur Gruppe mit den höchsten Werten.
Erst im Frühling zeichnete eine weltweite Studie ein ähnliches Bild: Besonders die ganz jungen Männer hatten dominante Männlichkeitsideale. So gab jeder dritte Gen-Z-Mann (Jahrgänge 1995 bis 2010) an, er finde, Frauen sollten ihrem Mann gehorchen.
Warum verbinden ausgerechnet die ganz jungen Männer Männlichkeit mit Dominanz und Gewalt? Welche Verantwortung tragen die Eltern und was können sie tun, wenn ihr Bub in die Szene abrutscht?
Darum feiern ausgerechnet die Jüngsten Gender-Extreme
Vorneweg: Die Generation X (Jahrgänge 1965-1980) kann wenig dafür, dass ausgerechnet ihre Söhne einen Gender-Rückschritt tun, sagt Generationenforscher Rüdiger Maas.
«Ich bin mir sicher, dass es die X-ler nicht versäumt haben, Gleichberechtigungs-Werte an ihre Kinder weiterzugeben.»
Die Gründe sieht er eher in Männlichkeitsbildern, die tief in unserer Gesellschaft verankert sind – und den vieldiskutierten sozialen Medien. «Der Unterschied zu früher: Im Netz kann nahezu jeder eine Zuhörerschaft für seine Anliegen und Vorstellungen über Geschlechterrollen finden.»
Heisst: Wer Gleichberechtigung gut findet, findet im Netz problemlos Gleichgesinnte. Aber eben auch, wer findet, nur Muskelprotze, die Frauen dominieren, seien echte Männer.
Und weil so viele Menschen mit demselben radikalen Gedankengut sich an den selben Orten im Netz treffen, entsteht ein Trugschluss: «Likes, Kommentare, Views und Klicks suggerieren den Usern, dass ihre Stimme Gewicht hat. Das kann im Alltag zu einer dominanteren Zurschaustellung der eigenen Meinung führen», sagt Maas bei Nau.ch.
Die Rollenbilder gab es also schon – aber die digitale Welt bietet den Verstärkungsmechanismus.
Buben lernen schon zweijährig, sich mit Dominanz zu behaupten
Inzwischen ist es ein bekanntes Phänomen: Influencer, die Buben eintrichtern, ein Mann sei nur ein Mann, wenn er reich und muskelbepackt ist und andere dominiere.
Prominentestes Beispiel ist Andrew Tate, doch das Internet erhebt ständig neue Muskelprotze mit derselben Botschaft in Promisphären.
Die Akte Andrew Tate
Andrew Tate ist der wohl berühmteste radikale Männlichkeits-Influencer der westlichen Welt. Bekannt ist der US-britische Staatsbürger für frauenverachtende und rechtsextreme Aussagen, aber inzwischen auch wegen zahlreicher Verfahren.
Gegen Andrew Tate, seinen Bruder Tristan und zwei Komplizinnen wird in Rumänien wegen Menschenhandel ermittelt. Die ehemalige rechte Aktivistin Lauren Southern wirft ihm zudem vor, sie in Rumänien mehrmals bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt und sie sexuell missbraucht zu haben. Der Bericht eines Spitals in Kanada, wo sie sich danach untersuchen liess, beschreibt unter anderem Symptome einer Strangulation. Tate streitet die Vorwürfe ab.
Mehrere Frauen werfen ihm Vergewaltigung vor, in Grossbritannien laufen entsprechende Ermittlungen. 2024 wurde zudem bekannt, dass gegen Tate und seinen Bruder Tristan ein Verfahren wegen Steuerhinterziehung in Grossbritannien läuft. Er soll umgerechnet mehr als 22 Millionen Franken Einkommen nicht versteuert haben. Ein Gericht hat bereits entschieden, das mehrere Millionen aus seinen Konten beschlagnahmt werden sollen. Die britische Staatsanwaltschaft ermittelt auch wegen Menschenhandel gegen Tate.
Eine Ex-Freundin von Tate beschuldigt ihn, sie während dem Geschlechtsverkehr geschlagen und gewürgt zu haben, so, dass sie um ihr Leben fürchtete. Sie reichte eine Klage in den USA gegen ihn ein.
Andrew Tate verbreitet antisemitische und rechtsextreme Verschwörungstheorien.
Erste Schulen werden bereits aktiv und schicken Jungs in Kurse, in denen sie über solche Influencer aufgeklärt werden. Doch das Problem beginnt bereits früher.
Für Markus Theunert, Co-Geschäftsleiter der progressiven Männer- und Väterorganisation Männer.ch, ist klar: Selbst wenn die Kids noch klein sind, haben die Eltern nur einen beschränkten Einfluss darauf, welche Rollenbilder sie verinnerlichen.
Theunert erklärt: «Jungen lernen ab 2-3 Jahren, wie sie sich verhalten müssen, um Anerkennung in der Gruppe der ‹richtigen Jungen› zu finden.»
Jahrhunderte alte Prägungen wirken bis heute nach – darum erlernen kleine Buben dabei auch Muster dominanter Männlichkeit, erklärt Theunert. Heisst: Reisst ein Bub seiner Schwester das Spielzeugauto aus der Hand, stösst er bei Gleichaltrigen eher auf Anerkennung als ein Meitli.

«Die Frage ist also eher: Was brauchen Jungen, um nicht angewiesen zu bleiben auf starre Rollenkorsette und Fantasien eigener Überlegenheit?», sagt Theunert.
Anerkennung bei anderen Buben holen könne man sich auch, indem man sich selbst gut wahrnehme, akzeptiert sei und Freundschaften pflege.
«Das gilt es zu fördern und den Jungs immer wieder zu vermitteln: Du darfst so oder anders Junge sein und Mann werden!»
Fähigkeiten statt Gewalt für Buben: Das können Eltern tun
Eltern älterer Jungs, die bereits in die Manosphere abgerutscht sind, rät Theunert: «In den Austausch gehen und echtes Interesse zeigen.»
Den Buben Vorwürfe zu machen oder an ihren Anstand zu appellieren, bringe nicht viel. «Ab einem bestimmten Zeitpunkt perlt das einfach ab», sagt er.
Besser sei es, sie dazu anzuregen, die Werte zu hinterfragen – mit Fragen wie: «Was genau fasziniert dich an diesen Männlichkeitsbildern? Was ziehst du daraus? Was gäbe es dafür an Alternativen?»
Ab einem gewissen Punkt könne man einen Buben oder jungen Mann nicht mehr mit Argumenten erreichen. «Dann ist es umso wichtiger, ganz konkrete Kompetenzen zu fördern», sagt Theunert.
«Nämlich die, die notwendig sind, um seine Lebensziele zu erreichen, aber als vermeintlich ‹unmännlich› abgewertet werden: Einfühlsamkeit beispielsweise oder die Fähigkeit, sich auch in seiner Unsicherheit mitzuteilen, Unterstützung anzunehmen und sich gewaltfrei selbst zu behaupten.»
Hilft ein Social-Media-Verbot für Kinder?
Es gibt also Kurse für Schüler und Ratschläge für Eltern. Doch derzeit wird noch eine weitere Massnahme diskutiert, die einen Einfluss haben könnte: Ein Social-Media-Verbot für Kinder.
SVP-Nationalrätin Nina Fehr Düsel hat vor einigen Monaten eine entsprechende Motion eingereicht. Erst ab 14 Jahren sollen Jugendliche auf Plattformen wie Tiktok oder Snapchat gelangen können.
Auch Fehr Düsel beunruhigt es, dass sich Buben und junge Männer Andrew Tate und Co. zum Vorbild nehmen. «Allerdings müssen wir die Zahlen genau anschauen und evaluieren, wie hoch hier der Migrationshintergrund* ist», sagt sie zu Nau.ch.

In vielen Kulturen sei die Frau schliesslich weniger wert.
Nationalität und Migrationshintergrund wurden bei der Studie nicht thematisiert. Was bekannt ist: In der Deutschschweiz ist der Faktor M stärker ausgeprägt als in der West- und italienischsprachigen Schweiz. In Agglomerations- und ländlichen Gemeinden tritt er häufiger auf als in Kernstädten.
Nichtsdestotrotz: Eine Social-Media-Altersgrenze helfe «sicherlich, dass Junge nicht zu früh mit Gewaltvideos, Pornos und so weiter konfrontiert werden.»
Alle Probleme können die Altersgrenze nicht lösen, sagt Fehr Düsel. Aber ein Teil der Jungen werde abgehalten. «Auch sinkt der Peer-Druck und die Eltern haben es mehr in der Hand», ist sie überzeugt.
Wichtig sei, dass Buben möglichst viel Zeit in der realen Welt verbringen, nicht auf Social Media oder bei Ballerspielen.
«Jugendliche müssen lernen, Inhalte kritisch zu hinterfragen»
«Ich sehe das bei unseren beiden Jungs», sagt Fehr Düsel. «Natürlich dürfen sie mal was schauen, aber sie sind viel draussen, haben noch kein eigenes Handy und machen Sport. Sie sehen, dass ihre Mutter gleichberechtigt ist und arbeitet. Und dass auch der Vater mal zuhause ist.»
Gefragt seien sowohl die Eltern als auch die Schulen: Kinder müssen auf die Gefahren im Netz hingewiesen und begleitet werden, sagt Fehr Düsel.
«Ich bin absolut für ein Handyverbot auf dem Schulareal und im Klassenzimmer. Wichtig ist auch Prävention in der Schule, also Medienschulung. Die Kinder und Jugendlichen müssen lernen, Inhalte kritisch zu hinterfragen.»
Experte beobachtet: Eltern haben «kaum Zeit» für Jugendliche
Erziehungswissenschaftler Walter Herzog von der Universität Bern betont zudem: Gute Vorbilder als Vorbeugung für problematische Einstellungen reichen aus pädagogischer Sicht nicht aus.
«Ein Vorbild muss eigentlich nichts tun, ausser Vorbild zu sein. Viel wichtiger ist die aktive und engagierte Auseinandersetzung mit Kindern und Jugendlichen», sagt er. «Ein Interesse an ihnen, eine Beschäftigung mit ihnen, echte Gespräche, gemeinsame Aktivitäten und so weiter.»
Nur so könne sich bei jungen Männern – und Frauen – eine eigene Meinung herausbilden. «Und hier besteht meiner Meinung nach weit eher ein Defizit als an Vorbildern.»
Herzog kritisiert: «Es scheint mir, dass die Erwachsenen – oft gerade die Eltern – kaum noch genügend Zeit haben, um sich mit der nachwachsenden Generation ernsthaft auseinanderzusetzen.»
Funktionierende Beziehungen könnten vieles wettmachen, das sonst schieflaufen könne.

















