Jeder zweite grosse Schweizer Fluss hat historisch tiefen Pegel
Mindestens 70 Flüsse führen so wenig Wasser wie noch nie im Sommer. Das trifft Fische, Schifffahrt und Wasserkraft – teils massiv.

Das Wichtigste in Kürze
- Mindestens 70 Schweizer Flüsse führen sommerliches Rekord-Niedrigwasser.
- Betroffen sind besonders kleinere Gewässer im Mittelland und Jura.
- Fische, Schifffahrt, Wasserkraftwerke und Transporte geraten unter Druck.
Die Trockenheit in der Schweiz verschärft sich weiter. Mindestens 70 Flüsse führen derzeit so wenig Wasser wie noch nie in den Sommermonaten seit Beginn der jeweiligen Messreihen.
Dies berichtet der «Tagesanzeiger» unter Berufung auf neue Daten des Bundesamts für Umwelt (Bafu). Bei knapp einem Dutzend Flüssen liegen die Pegel sogar so tief wie noch nie seit Messbeginn.
Betroffen sind etwa die Ergolz bei Liestal, die Thur bei Jonschwil, die Wigger bei Zofingen und die Langete bei Huttwil. Besonders kleinere Flüsse trocknen rasch aus.
Doch auch in grossen Flüssen wie dem Rhein, der Reuss und Limmat sind die Abflussmengen für den Sommer historisch tief.
Flüsse sinken auf historische Tiefstände
Edith Oosenbrug, Hydrologin beim Bafu, sagt, Flusspegel seien bessere Trockenheitsindikatoren als Seen, weil viele Seen reguliert würden. Besonders betroffen seien Fliessgewässer im Mittelland und im Jura.
Auf der Alpennordseite herrsche an vielen Stationen Niedrigwasser, wie es «nur alle 2 bis 10 Jahre, alle 30 bis 100 Jahre oder noch seltener» vorkomme, so Oosenbrug gegenüber dem «Tagesanzeiger».
Ursache seien der Niederschlagsmangel seit dem Frühling, der schneearme Winter, wenig Schmelzwasser und starke Verdunstung während der Hitzewellen.
In alpinen Einzugsgebieten führen einzelne Flüsse dagegen noch relativ viel Wasser, weil Hitze die Schnee- und Gletscherschmelze verstärkt.
Niedrigwasser trifft Tiere und Schifffahrt
Die Folgen treffen unter anderem Tiere und Schifffahrt. Wegen kritischer Bedingungen müssen Fische umgesiedelt werden, Hunderttausende sind bereits gestorben.
Auf dem Rhein können Schiffe weniger laden, was Transporte verteuert. An der Thur mussten mehrere Wasserkraftwerke im Kanton Thurgau abgestellt werden.
Auch in Europa sind viele grosse Flüsse sehr tief, darunter Donau und Po. Laut Bafu dürften solche Sommerlagen durch den Klimawandel häufiger und länger werden.
Die Schweiz verfüge zwar weiterhin über grosse Wasserressourcen, sagt Oosenbrug. Künftig werde aber im Winter tendenziell mehr und im Sommer weniger Wasser in den Gewässern verfügbar sein. Der Bund arbeitet deshalb an einer nationalen Wassermanagement-Strategie.
Solarstrom verhindert bisherigen Engpass
Eine weitere Folge der tiefen Flusspegel: Laufwasserkraftwerke produzieren derzeit klar weniger Strom als im langjährigen Vergleich.
Repower, Stromversorger aus Graubünden, hält gegenüber SRF fest: «In unseren Wasserkraftwerken lag die Stromproduktion in den Monaten Mai bis Juli aufgrund der geringen Wasserzuflüsse rund 25 Prozent unter dem langjährigen Durchschnitt.»
Auch Alpiq, Energiekonzern aus Lausanne, registriert an Laufwasserkraftwerken entlang der Aare sehr geringe Zuflüsse und rund 15 Prozent weniger Produktion.
Trotzdem ist es bisher zu keinem Stromengpass gekommen. Grund dafür sind vor allem die vielen Sonnenstunden und der starke Ausbau der Photovoltaik seit Beginn des Ukraine-Kriegs.
Solaranlagen liefern diesen Sommer einen deutlich grösseren Beitrag als noch vor wenigen Jahren.











