«Stück Berner Geschichte»: BärnerBär begleitet Zytglogge-Zeitrichter

    Andrea Bauer
    Andrea Bauer

    Bern,

    Seit fast 500 Jahren gibt die Zytglogge-Uhr den Takt vor. Rechtsanwalt Mario Marti sorgt heute dafür, dass das historische Uhrwerk zuverlässig weiterläuft.

    Die Berner Zytglogge-Uhr.
    Die Berner Zytglogge-Uhr. - Daniel Zaugg

    Als wir uns mit Zytglogge-Richter Mario Marti beim Berner Wahrzeichen treffen, sind wir längst nicht die Einzigen, die hier warten. Nicht, weil die anderen ebenfalls verabredet wären, sondern weil sie das Figurenspiel sehen wollen, das um 12 Uhr besonders lange zu beobachten und zu hören ist.

    Denn am Zytglogge wird die Zeit nicht bloss angezeigt, sie wird inszeniert: Der Hahn kräht dreimal und kündigt die neue Stunde an. Sieben bewaffnete Bären drehen als Stadtwache ihre Runde.

    «Die Botschaft dahinter ist schön und sehr bernisch: Die Stadt wacht über ihre Bürger», sagt Mario Marti. Chronos mit Sanduhr und Zepter gibt das Kommando für den Stundenschlag, den der vergoldete Hans von Thann oben am Turm ausführt.

    Ob die Figur tatsächlich auf einen historisch belegten Mann dieses Namens aus dem Mattequartier zurückgeht, der möglicherweise als Zeitschläger gearbeitet haben könnte, ist nicht abschliessend geklärt. Ein Löwe bewegt bei jedem Stundenschlag den Kopf und erinnert symbolisch an Berchtold V. von Zähringen, den Gründer Berns.

    Rechtsanwalt Mario Marti sorgt dafür, dass die Zytglogge-Uhr die genaue Zeit zeigt.
    Rechtsanwalt Mario Marti sorgt dafür, dass die Zytglogge-Uhr die genaue Zeit zeigt. - Daniel Zaugg

    Der Narr wiederum schlägt bereits vor der vollen Stunde seine Glöckchen. «Er bildet den spielerischen Gegenpol zur exakt geregelten Zeit, er darf aus der Reihe tanzen.»

    Kurz gesagt: Bern wacht über sich selbst, während die Zeit unerbittlich weiterläuft. Öffentlich, zuverlässig und für alle gleich.

    Eine Tür in die Vergangenheit

    Wir folgen Mario Marti durch eine unscheinbare graue Türe links des Zytglogge und steigen über eine schmale Wendeltreppe hinauf in den Raum, in welchem sich das Innenleben der wohl berühmtesten Berner Uhr befindet.

    Wer die Schwelle zum Uhrwerk überschreitet, tritt gleichsam ein in die Vergangenheit. Empfangen werden wir von einem gleichmässigen Geräusch: Tick – Tack.

    Dabei begann die Geschichte des Zytglogge gar nicht mit der Zeit. Im 13. Jahrhundert als Stadttor und Wehrturm errichtet wurden, verlor er mit der Erweiterung Berns seine ursprüngliche Funktion und diente zeitweise als Gefängnis.

    Nach dem grossen Stadtbrand von 1405 wurde er zum zentralen Uhrenturm der Stadt. Ein erstes Uhrwerk schlug die Stunden selbstständig, allerdings nicht besonders genau.

    1525 beauftragten die Berner Stadtherren deshalb den deutschen Waffenschmied Kaspar Brunner mit einem präziseren Werk. Drei Jahre lang arbeitete er direkt im Innern des Turms daran.

    In einer Ecke ist noch heute die Feuerstelle zu sehen, die er zum Schmieden all der Teile und Zahnräder benutzte. Um 1530 war sein Werk fertig. Und es läuft bis heute äusserst genau. Tick – Tack.

    400 Kilo treiben die Zeit an

    «Das Werk funktioniert rein mechanisch und noch immer nach demselben Prinzip wie damals», erklärt Marti. Rund 400 Kilogramm schwere Steingewichte hängen in einem gut 20 Meter hohen Schacht im Innern des Turms an Seilen und setzen beim langsamen Absinken Trommeln und Zahnräder in Bewegung.

    Eine Hemmung sorgt dafür, dass diese Energie dosiert abgegeben wird. Das sogenannte Kuhschwanzpendel gibt das Räderwerk Schritt für Schritt frei.

    «Dieses ständige Stoppen und Freigeben ist das, was wir als Tick-Tack hören.» Über Achsen wird die Bewegung nach aussen übertragen: auf Zeiger, astronomische Anzeige, Figuren und Glockenschläge. «Alles hängt miteinander zusammen. Rein mechanisch, ganz ohne Strom.»

    Nur zweimal im Jahr wird die Mechanik von einem Metallbauer gewartet, nachgerichtet wird die Uhr hingegen täglich. Metall reagiert auf Wärme und Kälte, zudem weicht die lokale Sonnenzeit der astronomischen Uhr von der offiziellen Zeit ab.

    Besonders sichtbar wird die Handarbeit bei der Zeitumstellung. Im Herbst muss Marti eine Stunde warten, im Frühling lässt er die Zeit rasen: «Innert etwa fünf Minuten lasse ich die Zeiger eine Stunde durchlaufen.»

    Somit ist diese Zeitumstellung weitaus schneller gemacht als diejenige, die Ende Oktober bevorsteht. Tick – Tack.

    Mehr als nur eine Uhr

    Für die Berner Obrigkeit war der Zytglogge jedoch nie bloss ein technisches Meisterwerk. Der Turm war auch Machtdemonstration und Statussymbol. Eine monumentale öffentliche Uhr zeigte Wohlstand, technisches Wissen und handwerkliche Fähigkeiten.

    Vor allem aber brachte sie Ordnung in den Alltag. «Heute hat jeder die genaue Uhrzeit am Handgelenk oder auf dem Telefon», sagt Marti. «Früher war eine öffentliche Uhr etwas völlig anderes. Ihr Schlag gab den Menschen den Takt vor.»

    Arbeitszeiten, Verwaltungsabläufe und das öffentliche Leben orientierten sich daran. Die Zeit des Zytglogge wurde zum Referenzpunkt für Bern und das Umland. Selbst auf den Strassen hinterliess diese Ordnung Spuren: Vom Zytglogge aus wurden Wegstunden gemessen, Stundensteine zeigten die zeitliche Distanz zu Bern.

    Warst du schon einmal beim Berner Zytglogge?

    Auch offizielle Masse waren am Turm angebracht. Zeit, Entfernung, Masse: Der Zytglogge war der Nullpunkt eines ganzen Systems. Tick – Tack.

    Ein Familienerbe

    Mario Martis Verbindung zum Zytglogge reicht weit zurück. Sein Vater Markus Marti, Elektroingenieur beim damaligen Berner Telekommunikationsunternehmen Hasler, kam beruflich mit öffentlichen Uhren in Berührung.

    Zum Aufgabenbereich des Unternehmens gehörte auch das Richten der Berner Stadtuhren, darunter auch jene des Zytglogge. Als Mario Marti ein Jahr alt war, zog die Familie an die Kramgasse und damit in die unmittelbare Nähe des Turms.

    Als sein Vater Markus Marti pensioniert wurde, übernahm er im Auftrag der Stadt das tägliche Richten der Uhr. Sohn Mario war schon als Jugendlicher und später als Student immer wieder dabei und half beim Aufziehen.

    «Auch mich faszinierte die Mechanik, zudem konnte ich mir damit mein Taschengeld verdienen», erzählt Marti. «Aber Uhrmacher zu werden, war dennoch nie mein Plan.» Er studierte Jura und ist heute Leiter der Berner Niederlassung der Anwaltskanzlei Kellerhals Carrard.

    Zeitrichter Mario Marti bei seiner täglichen Arbeit: Aufziehen der Turmuhr.
    Zeitrichter Mario Marti bei seiner täglichen Arbeit: Aufziehen der Turmuhr. - Daniel Zaugg

    Weil die Zytglogge-Uhr damals nur unzureichend erforscht war, durchsuchte Markus Marti selbst die Archive, veröffentlichte mehrere Artikel, schrieb zwei Bücher und teilte sein grosses Wissen immer auch mit seinem Sohn.

    Rund 45 Jahre lang stand er im Dienst der Berner Zeit. Nach seinem überraschenden Tod im Jahr 2023 übernahm Mario Marti diesen ungewöhnlichen Nebenjob. Der 53-Jährige sorgt gemeinsam mit drei weiteren Zeitrichtern dafür, dass das jahrhundertealte Uhrwerk zuverlässig läuft.

    «Dabei hilft mir natürlich, dass ich diese Mechanik so gut kenne, eigentlich schon fast seit ich denken kann! Und dass ich dank meines Vaters so viel darüber weiss.» Tag für Tag steigt jemand aus seinem Team hinauf, kontrolliert die Uhr und zieht die Gewichte wieder nach oben. Tick – Tack.

    Heute ist Mario Marti an der Reihe. «So habe ich das tägliche Krafttraining bereits hinter mir», sagt er schmunzelnd. Wer ihm beim Aufziehen zuschaut, versteht sofort, was er damit meint! Wird das Aufziehen einmal vergessen, läuft die Uhr 29 Stunden lang – fünf Stunden also hat sie Reserve – danach muss sie neu eingestellt werden.

    Schwieriger als die tägliche Routine seien deshalb vor allem Feiertage unter der Woche. «Dann kommt man aus dem Rhythmus.»

    Die nächste Generation kennt den Takt

    Auch die nächste Generation ist längst mit dem Zytglogge vertraut. Martis 17-jähriger Sohn hilft beim Richten der Uhr und verdient sich damit – wie einst sein Vater – ein Taschengeld. Auch seine Tochter und seine Frau könnten die Aufgabe übernehmen, sagt Marti.

    Dass dieses Wissen weitergegeben werden kann, ist für ihn auch der Stadt Bern zu verdanken. Sie habe nicht nur die Uhr als historisches Kunstdenkmal erhalten, sondern auch das tägliche manuelle Aufziehen als lebendigen Brauch bewahrt.

    Um Betrieb und Unterhalt langfristig zu sichern, gründeten Vater und Sohn noch vor Markus Martis Tod gemeinsam eine GmbH, die diese Aufgabe im Auftrag der Stadt Bern weiterführt.

    «Man hält hier nicht einfach eine alte Maschine am Laufen», sagt Mario Marti. «Man sorgt dafür, dass ein Stück Berner Geschichte weitergeht.» Tick – Tack.

    Wo der Stress draussen bleibt

    Trotz aller Routine hat der Zytglogge für Mario Marti nichts von seiner Faszination verloren. «Die Idee zu so einem Meisterwerk ist einfach absolut genial. Und die Verarbeitung hält seit bald 500 Jahren.»

    Hier oben, zwischen Zahnrädern, Gewichten und dem gleichmässigen Takt, werde er ruhig.

    EIN BLICK HINTER DIE ZEIGER

    Zytglogge besichtigen

    Wer den Zytglogge nicht nur von aussen bestaunen möchte, kann den berühmten Berner Zeitglockenturm im Rahmen einer Führung besichtigen.

    Zu sehen sind das jahrhundertealte Uhrwerk, das Figurenspiel und – nach dem Aufstieg – die Aussicht über die Dächer der Altstadt.

    Dauer: ca. 60 Minuten

    Teilnehmende: max. 19 Personen pro Gruppe

    Reservation: empfohlen

    Infos und Buchung: [email protected] oder telefonisch unter: 031 328 12 12

    «Hier ist immer alles gleich und der Stress fällt sofort von einem ab.» Ausserdem spüre er hier die Nähe zu seinem Vater. In diesem Moment raschelt und klappert es im Uhrwerk, kurz darauf hören wir den Hahn krähen.

    Wie die Turmuhr all die Menschen sieht, die sich jeweils vor ihr versammeln.
    Wie die Turmuhr all die Menschen sieht, die sich jeweils vor ihr versammeln. - Daniel Zaugg

    «Er kündigt das Ende der Stunde an und erinnert uns daran, dass die neue bald anbricht», sagt der Zeitrichter lächelnd. Für uns heisst das: Unsere Zeit in der Vergangenheit ist abgelaufen.

    Wir steigen wieder hinunter und treten hinaus in die Gegenwart. Dort stehen bereits die nächsten Menschen vor dem alten Berner Zeitmahner und halten ihn mit ihren modernen Handys fest. Das beruhigende Tick – Tack ist hier längst nicht mehr zu hören.

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