Jeder fünfte Guggenmusiker riskiert einen Hörschaden

Simon Ulrich
Simon Ulrich

Bern,

Messungen zeigen: Schon 30 Minuten bei 105 Dezibel können das Gehör gefährden. Viele Guggenmusiker tragen inzwischen Ohrstöpsel – doch längst nicht alle.

Fasnacht
An Fasnachtsbällen erreichen die Lautstärken Werte wie bei einem Presslufthammer. Experten raten dringend zu Gehörschutz – denn Schäden am Innenohr sind irreversibel. (Archivbild) - Nau.ch / Ueli Hiltpold

Das Wichtigste in Kürze

  • An Fasnachtsbällen werden oft 100–105 Dezibel gemessen.
  • Hörschäden sind irreversibel, warnen Suva und HNO-Experten.
  • Viele Guggenmusiker tragen Gehörschutz, draussen oft weniger als in Innenräumen.

Während der fünften Jahreszeit wird es laut. Sehr laut.

Messungen der Suva zeigen: An Fasnachtsbällen liegen die Mittelwerte zwischen 100 und 105 Dezibel. Zum Vergleich: Eine Kreissäge kommt auf rund 95 Dezibel, ein Presslufthammer auf etwa 110.

Bereits ab 100 Dezibel gilt eine Stunde pro Woche als potenziell gehörgefährdend, schreibt die Suva in einer aktuellen Mitteilung. Bei 105 Dezibel reichten bereits 30 Minuten.

Werte, die an Proben, Umzügen oder Bällen schnell erreicht werden – insbesondere für aktive Guggenmusikerinnen und -musiker.

Die Versicherung betont: Hörschäden blieben oft lange unbemerkt – und seien irreversibel: «Was einmal verloren ist, kommt nicht zurück.»

Die Suva rät daher Fasnächtlerinnen und Fasnächtlern, ihre Ohren konsequent mit einem Gehörschutz vor der hohen Lärmbelastung zu schützen.

«Haarsinneszellen können sich beim Menschen nicht regenerieren»

Doch wie gross ist die Gefahr aus medizinischer Sicht?

Cristian Setz, Oberarzt an der HNO-Klinik des Basler Unispitals, ordnet gegenüber Nau.ch ein: «Das Risiko bleibender Hörschäden bei mehrtägiger Beschallung bis 105 Dezibel ist nicht zwingend hoch.» Das gilt jedoch nur, «wenn regelmässige Pausen eingehalten und ausreichende Abstände zu Lärmquellen gewahrt werden».

Cristian Setz
Cristian Setz ist Oberarzt an der HNO-Klinik des Universitätsspitals Basel. - Unispital Basel

Entscheidend seien Dauer der Belastung, Distanz zur Schallquelle und konsequenter Gehörschutz, so Setz.

Kritisch werde es bei längerer Belastung ohne Unterbrüche oder bei noch höheren Pegeln. Denn: «Der Schalldruckpegel wirkt logarithmisch: Kleine Zunahmen bedeuten oft erheblich grössere Belastungen.»

Tinnitus kann Lebensqualität deutlich beeinträchtigen

Kurzfristig könne starke Lärmeinwirkung zu beidseitigem Tinnitus führen, sagt Setz. Meist verschwinde dieser innert Stunden oder spätestens nach ein bis zwei Tagen.

Hält das Ohrgeräusch länger an, kann es die Lebensqualität, den Schlaf und die Konzentration deutlich beeinträchtigen.

Und: «Bei wiederholter oder langandauernder Lärmexposition kann die Hörfähigkeit dauerhaft geschädigt sein.»

Wie die Suva warnt auch der Ohren-Spezialist: «Haarsinneszellen können sich beim Menschen nicht regenerieren – einmal erlittene Schäden bleiben bestehen oder verschlechtern sich.» Umso wichtiger sei ein frühzeitiger, konsequenter Gehörschutz.

Gehörschutz ist abhängig von Örtlichkeit und Instrument

Anfragen von Nau.ch bei mehreren Guggenmusiken zeigen: In vielen Vereinen gehört Gehörschutz heute zum Standard – Zumindest in Innenräumen.

Bei den Berner Bäregrabe-Schränzern etwa tragen in der Rhythmus-Sektion alle Mitglieder Ohrstöpsel oder dämpfende Spezialanfertigungen. Bei den Bläsern sind es laut Präsident Philipp Münger rund 80 Prozent.

Beim Sousaphon-Spielen seien Ohrstöpsel eher hinderlich, sagt Philipp Münger, Präsident der Bäregrabe-Schränzer Bern. (Symbolbild) - keystone

Ähnlich klingt es bei der Basler Stenzer Gugge 63: In Innenräumen trage «praktisch jedes Mitglied einen Gehörschutz», sagt Obmann Boris Gotsch. Draussen werde dagegen oft darauf verzichtet, weil der Schall weniger intensiv wahrgenommen werde.

Dass sich auch drinnen nicht alle schützen, hat meist praktische Gründe. Besonders bei tiefen Instrumenten wie dem Bass seien Ohrstöpsel hinderlich, erklärt Münger.

Münger selbst spielt Sousaphone und trägt wie die anderen beiden Bassstimmen keinen Gehörschutz.

«Man hört sich zu schlecht und weiss nicht, ob man in der korrekten Tonhöhe spielt», sagt er. Sicher gebe es auch Guggenmusiker, die die Ohrstöpsel schlicht als störend empfänden.

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Die Aussagen der beiden Vereinspräsidenten decken sich mit den Beobachtungen von Heinz Hegetschweiler, Präsident des Helvetischen Fasnachtsrings Hefari.

Er stellt fest: «Das Thema Lärmschutz ist seit längerer Zeit eine Thematik, mit der sich viele Fasnächtlerinnen und Fasnächtler intensiv beschäftigen.»

Der oberste Fasnächtler der Schweiz schätzt, dass «80 Prozent plus» der Guggenmusiker mit Gehörschutz ausgerüstet seien. An vielen Anlässen würden zudem Ohrstöpsel für das Publikum abgegeben.

Heisst im Umkehrschluss aber auch: Etwa jeder fünfte Gugger setzt seine Lauscher schutzlos der fasnächtlichen Dauerbeschallung aus.

Auf Kinderohren wird besonderes Augenmerk gelegt

Besonders aufmerksam zeigen sich die Vereine bei Kindern. Hegetschwiler beobachtet, dass «sehr viele (Klein-)Kinder bereits spezielle Gehörschutz-Muscheln tragen».

Auch bei den Bäregrabe-Schränzern achten die Eltern laut Münger darauf, dass je nach Nähe zur Gugge junge Ohren geschützt sind.

fasnacht
Keine Ausnahme: Viele Kinder tragen bei Fasnachtsumzügen einen Gehörschutz. - keystone

Manchmal brauche es dafür allerdings Überzeugungsarbeit, wie etwa bei seiner siebenjährigen Tochter: «In ihren Augen sieht es doof aus mit Pamir.» Ein Pamir ist ein Kapselgehörschutz, wie ihn beispielsweise Förster tragen.

Eine Pflicht zum Gehörschutz gibt es kaum – die meisten Vereine setzen auf Eigenverantwortung.

Gleichzeitig signalisieren sie Offenheit für weitere Sensibilisierungsangebote. Gotsch könnte sich vorstellen, dass «eine zentral durchgeführte Aktion über das Comité oder einen Dachverband auf positive Resonanz stossen würde».

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Kommentare

User #2180 (nicht angemeldet)

In Zukunft wird es nur noch Schneeflocken geben.

User #1731 (nicht angemeldet)

Wieder ein nau Experte kaum zum aushalten all die Experten

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