Immer mehr Job-Bewerber verschweigen ihr Alter
Früher war klar: In eine Bewerbung gehört neben Lebenslauf und Föteli auch das Geburtsdatum. Darauf verzichten immer mehr Bewerber – einige gehen noch weiter.

Das Wichtigste in Kürze
- Immer mehr Bewerberinnen und Bewerber verschweigen in ihren Unterlagen ihr Alter.
- Die Gründe sind verschieden – einige befürchten Altersdiskriminierung.
- Die meisten Schweizer Firmen betonen: Sie wollen das Alter im Bewerbungsprozess erfahren.
Aaron B.* stutzt, als er das Bewerbungsdossier einer Kandidatin öffnet, die sich für eine Stelle in seiner Firma bewirbt. Foto, Lebenslauf, Motivationsschreiben – alles da.
B. hat den Auftrag, für den Job jemanden mit Lebenserfahrung zu suchen. Zu wissen, wie alt die Bewerberin ist, wäre da wichtig. Doch genau das verrät sie in ihren Unterlagen nicht.
Kein Einzelfall. Solche Bewerbungsunterlagen bekommen Chefinnen und Chefs, die neue Mitarbeitende suchen, inzwischen öfter zu sehen.
Was erhoffen sich die Bewerber davon – und wie reagieren Firmen darauf?
Bewerbungen ohne Geburtsdatum «gibt es vermehrt»
Bewerbungsunterlagen ohne Geburtsdatum oder Jahrgang: Mehrere grosse Schweizer Unternehmen beobachten den Trend in ihren Personalabteilungen, wie eine Umfrage von Nau.ch zeigt.
«Es ist tatsächlich so, dass es heute auch bei Swisscom vermehrt CVs ohne Altersangaben gibt», sagt Swisscom-Sprecherin Sabrina Hubacher.
Ähnliches beobachtet das Beratungs- und Wirtschaftsprüfungsunternehmen KPMG Schweiz: «Der Anteil der Bewerbenden, die das Geburtsdatum bei Bewerbungen nicht angeben, hat punktuell leicht zugenommen.»
Und auch Schoggi-Hersteller Lindt & Sprüngli erhält inzwischen «punktuell Bewerbungen ohne Altersangabe», wie eine Sprecherin sagt.
Bewerber befürchten Vorurteile
Doch was steckt dahinter?
Der Leiter Rekrutierung für KPMG in der Schweiz, Patric Lenherr, erklärt: Viele Bewerbende würden den Fokus auf ihre Kompetenzen legen wollen. «Also auf das, was sie für die jeweilige Position qualifiziert.»
Doch «manchmal steht dahinter auch die Sorge vor unbewussten Vorurteilen im Selektionsprozess», erklärt Lenherr.
Das Phänomen kennt auch HR-Expertin und Professorin Nathalie Amstutz. Sie ist Dozentin für Diversity Management und Organisation an der Fachhochschule Nordwestschweiz.
Eine Studie mit konkreten Zahlen dazu ist ihr nicht bekannt. Sie bestätigt gegenüber Nau.ch aber, dass es sich um einen Trend aus dem angelsächsischen Raum handelt, Bewerbungen anonymer zu halten. Der Trend werde in der Schweiz ebenfalls schon seit längerem ausprobiert.
Firmen, die Wert auf Diversität legen, anonymisieren Bewerbungen auch selbst, ehe sie an Kadermitarbeitende für die Kandidaten-Auswahl weitergereicht werden.
«Merkmale wie Nationalität, Geschlecht oder auch Namen werden dabei geschwärzt», erklärt Amstutz.
Die Idee dahinter: «Es ist bekannt, dass wir uns von solchen persönlichen Merkmalen beeinflussen lassen, dass wir Vorurteile haben. Fallen die persönlichen Merkmale weg, kann man sich nur auf die Kompetenzen, die Erfahrung und das Interesse konzentrieren.»
Amstutz weiss von mehreren Schweizer Unternehmen, die das so handhaben.
Es gibt auch Bewerbungen ohne Geschlecht
Kandidatinnen und Kandidaten, die etwa ihr Geburtsdatum weglassen, würden diese Anonymisierung einfach gleich selbst in die Hand nehmen.
«Sie erhoffen sich, im ersten Auswahlprozess nicht aufgrund von persönlichen Merkmalen aussortiert zu werden. Dass sie ihr Alter früher oder später im Bewerbungsprozess preisgeben müssen, ist ihnen bewusst», erklärt Amstutz.
Einige gehen dabei sogar noch weiter, als nur das Alter in der Bewerbung zurückzuhalten. «Es gibt auch Bewerbungen, in denen beispielsweise das Geschlecht oder der Name nicht genannt wird», sagt die Expertin.
Sie begrüsst das Phänomen – und rät Firmen, auch solche Kandidatinnen und Kandidaten zum Bewerbungsgespräch einzuladen.
«Auch, wenn man beispielsweise eine Person in einem gewissen Alter sucht. Vielleicht kann jemand, der dem nicht entspricht, eine neue Perspektive einbringen. Das kann sehr interessant sein.»
Amis bekämpfen Diversitätsprogramme in der Schweiz aktiv
Nun, wo die USA mit Donald Trump als Präsident konservativer geworden ist, ist unklar, wie verbreitet solche Anonymisierungen noch sind. Sowohl seitens der Firmen, wie Amstutz sagt, als auch der Bewerbenden.
Bereits vergangenen Frühling forderte die US-Botschaft in Bern Schweizer Firmen Briefe, in denen sie sie aufforderte, auf Diversitätsprogramme zu verzichten.

Das Phänomen hat auch nicht alle HR-Abteilungen der grossen Schweizer Firmen erreicht. Pharma-Riese Novartis, Molkereikonzern Emmi und die Detailhandels-Riesen Migros und Coop beispielsweise bemerken keine Zunahme von Bewerbungen ohne Altersangabe.
Die Migros zeigt jedoch Verständnis für den Trend: «Die Gründe hinter Bewerbungsunterlagen ohne Jahrgang können wir nachvollziehen», sagt eine Sprecherin zu Nau.ch. Die Migros setze sich als Arbeitgeberin gegen Diskriminierung ein.
Arbeitgeber Coop: Geburtsdatum oder Jahrgang «gehört dazu»
Viele Firmen möchten das Alter der Kandidatinnen und Kandidaten nach wie vor bereits im Bewerbungsprozess erfahren. Ein Coop-Sprecher zum Beispiel betont: «Für die weitere Prüfung bevorzugen wir ein vollständiges Bewerbungsdossier. Dazu gehört auch die Angabe des Geburtsdatums oder des Jahrgangs.»
Bei Swisscom und Post ist das Geburtsdatum beim Bewerbungsformular ein Pflichtfeld. Ohne Altersangabe kann man sich also gar nicht bewerben.
Die SBB stellt ebenfalls klar, dass die Nennung des Geburtsdatums «wichtig» sei. «Nicht als Selektionskriterium, sondern aus Effizienzgründen», erklärt eine Sprecherin.
«Wenn wir das Geburtsdatum von Beginn weg kennen, können wir frühzeitig im Prozess weitere, den jeweiligen Berufsfeldern entsprechenden, Abklärungen tätigen. Das können beispielsweise medizinische oder psychologische Tauglichkeitsuntersuchungen beim Lokpersonal sein.»
Post: Alter zwar Pflicht, aber «nicht ausschlaggebend»
Eine «untergeordnete Rolle» im Bewerbungsprozess spielt die Altersangabe für Wirtschaftsprüfer KPMG. HR-Mann Lenherr sagt: «Persönliche Angaben wie das Geburtsdatum sind für die fachliche Beurteilung nicht ausschlaggebend.»

Doch auch bei der KPMG muss man das Alter früher oder später im Bewerbungsprozess angeben. «Kommt es zu einem Vertragsangebot, werden die entsprechenden Daten selbstverständlich abgefragt», sagt er.
Auch die Post betont, dass der Jahrgang – obwohl aus «formalen Gründen» eine Pflichtangabe – «nicht ausschlaggebend» sei. Lindt & Sprüngli gibt an, «keine Präferenz» zu haben.
*Name von der Redaktion geändert


















