Hydrologe warnt: «Kennen unsere Wasser-Belastungsgrenze nicht»
Die Schweiz kämpft mit zunehmender Wasserknappheit, sagt Experte Klaus Lanz in einem Interview. Flüsse und Seen führen teils so wenig Wasser wie selten zuvor.

Das Wichtigste in Kürze
- Der Wasserforscher Klaus Lanz sagt: «Die Schweiz weiss nicht einmal genau, wie viel Wasser verbraucht wird.»
- Grundwasser erholt sich nur langsam. Trotzdem bewässert die Landwirtschaft ihre Felder mit Trinkwasser.
- Die Schweiz befände sich heute klimatisch in einer anderen Zone als früher, «eher wie in Mittelitalien», so der Experte.
Die Schweiz leidet unter anhaltender Trockenheit. Flüsse und Seen haben rekordtiefe Pegel. Gleichzeitig sinkt das Grundwasser. Wasserforscher Klaus Lanz erklärt in einem Interview gegenüber «Watson», warum das Land dringend handeln muss.
Lanz stellt fest: Die Schweiz wisse nicht einmal, wie viel Wasser sie verbrauchen würde. Anders als die meisten europäischen Länder erhebe die Schweiz diese Daten nicht systematisch.

Das bedeutet: «Wir kennen unsere eigene Belastungsgrenze nicht.» Das sei in der aktuellen Situation «extrem gefährlich». Lanz sagt: «Was wir machen, ist fahrlässig.»
Dennoch ist eines klar: «Wir leben momentan auf Pump und entnehmen viel mehr Wasser, als sich nachbildet.»
Das Grundwasser erholt sich nur langsam
Grundwasser brauche lange, um sich nach einer Trockenperiode zu erholen. «Nach dem Hitzesommer 2003 dauerte es teilweise mehrere Jahre, bis die Grundwasserpegel wieder anstiegen», sagt Lanz.
Mindestens 70 Schweizer Flüsse führen derzeit so wenig Wasser wie noch nie in einem Sommer seit Beginn der Messreihen. Das hat Folgen für Schifffahrt und Tierwelt, wie Nau.ch bereits berichtete.

Besonders heikel: «Wir haben im Moment die Situation, dass Bauern ihre Felder mit Trinkwasser bewässern», sagt Lanz gegenüber «Watson». Dabei sei die öffentliche Trinkwasserversorgung eigentlich für Haushalte und Kleinbetriebe gedacht.
Auch melden müssten sie diesen Wasserbezug nicht. «Im Moment herrscht tatsächlich Wilder Westen.»
Wie viel Trinkwasser tatsächlich für die Bewässerung von Feldern verwendet werde, ist unklar. Genaue Zahlen fehlen – selbst bei den Kantonen.
Der Mythos vom Wasserschloss bremst das Handeln
Die Schweiz gilt traditionell als «Wasserschloss Europas». Lanz halte diesen Mythos jedoch für gefährlich. «Wir denken, wir hätten Wasser im Überfluss. Das stimmt aber schon lange nicht mehr», sagt er.
Auch die Hoffnung auf die Schweizer Seen trüge, sagt Lanz. «Seen haben zwar ein riesiges Wasservolumen – aber nur etwa zwei Prozent davon sind nutzbar.»

Nun sorgt die Wasserknappheit bereits für grenzüberschreitenden Ärger. Der Lago Maggiore steht kurz vor einem historischen Tiefstand. Im Piemont wächst der Unmut – denn die Bauern sind dringend auf Wasser für ihre Felder angewiesen.
Wegen der anhaltenden Trockenheit lässt das Tessin seit Wochen weniger Wasser Richtung Italien abfliessen. Für die Landwirtschaft im Piemont wird die Situation damit zunehmend angespannt.
Kantone fehlen die rechtlichen Mittel
An der Erarbeitung der Wasserstrategie des Kantons Bern sei Lanz selbst beteiligt gewesen. Dabei habe er erlebt, wie sich Vertreter der Landwirtschaft geweigert hätten, ihren Wasserverbrauch offenzulegen.
«Es braucht eine nationale Rechtsgrundlage», sagt Lanz.
Alle EU-Länder hätten ein solches Messsystem bereits vor 25 Jahren eingeführt. Technisch sei die Umsetzung einfach: Kostengünstige Wasserzähler könnten an jeder Entnahmestelle angebracht werden.
Eine nationale Wasserstrategie muss her
Lanz fordere deshalb seit Jahren eine nationale Wasserstrategie. Diese müsse drei Punkte umfassen.
Erstens: «Es bräuchte ein Gesetz auf nationaler Ebene, mit dem der Bund die Kantone dazu verpflichten kann, ihren Wasserverbrauch offenzulegen.»

Zweitens müsse geregelt werden, welche Wassernutzungen bei Knappheit Vorrang hätten. Habe Trinkwasser Vorrang oder die Bewässerung von Feldern – müsste die Industrie ihre Produktion drosseln?
Drittens müsse der Schutz des Grundwassers verbessert werden. Rund 80 Prozent des Schweizer Trinkwassers stamme aus dem Grundwasser. «Grosse Teile des Grundwassers sind im Moment aber nicht nutzbar, weil sie zu stark verschmutzt sind», so Lanz.
Die Landwirtschaft muss umdenken
Innerhalb der Schweiz werde der grösste Wasserkonflikt laut Lanz die Landwirtschaft betreffen. Ein nationales Forschungsprogramm kam bereits 2014 zum Schluss: «Die Landwirtschaft kann angesichts des Klimawandels nicht weitermachen, wie bisher und einfach mehr Wasser auf die Felder schütten.»
Das Bundesamt erklärt, der Bund unterstütze die Landwirtschaft mit früheren Direktzahlungen und der Aufhebung der Heu-Importzölle per 1. August. Zudem wurde eine Senkung der Einfuhrzölle auf Futtermais per 15. August angekündigt.
Die Schweiz befände sich heute klimatisch in einer anderen Zone als früher. «Das Klima entspricht mittlerweile jenem Mittelitaliens», so der Forscher.
Probleme für Fische
Die anhaltende Hitze und Trockenheit führen aber auch bei Wassertieren zu Problemen. Im Mittelland sind wegen der anhaltenden Hitze zahlreiche Bäche und Flüsse ausgetrocknet. Ein Experte schlägt Alarm: Forellen und Äschen sind am Aussterben.
Auch ein Zürcher Fischer warnt gegenüber Nau.ch, dass Forellen nicht einfach wieder ausgesetzt werden könnten. Denn die Fische im Bach hätten eine eigene Genetik, die auf das jeweilige Gewässer angepasst sei. «Wenn sie weg ist, ist sie weg. Es ist 1 vor 12! »












