Gemeindepräsident will Juso nach St. Moritz locken – für Protest!
Die Juso soll nach St. Moritz kommen, um zu stören. «Die Polizei freut sich, wenn endlich wieder etwas läuft», meint der Gemeindepräsident augenzwinkernd.

Das Wichtigste in Kürze
- Der Entertainer Christian Jott Jenny ist noch bis Ende Jahr Gemeindepräsi von St. Moritz.
- In einem NZZ-Podcast lädt er nun die Juso zum Protest ins Oberengadiner Bergdorf ein.
- Die Juso meint: «Vielleicht müssen wir wirklich mal vorbeikommen!»
- Sich an Pferde ketten oder den Flugverkehr stören, will die SP-Jungpartei aber nicht.
Christian Jott Jenny mag die Provokation. Noch bis Ende Jahr ist der Parteilose Gemeindepräsident von St. Moritz. Und bis dahin dürfte es noch einmal turbulent werden.
Denn der Zürcher Entertainer und Gründer des «Festival da Jazz» St. Moritz möchte die Jungsozialisten ins Engadiner Bergdorf locken. Wie bitte?

Im Podcast «NZZ Weekend» wird Jott Jenny gefragt, weshalb es in St. Moritz keine Störaktionen der Juso gebe. Schliesslich sei das Luxus-Bergdorf wie geschaffen für den Klassenkampf.
Dem NZZ-Moderator schweben etwa Graffiti vor – oder Jusos, die sich beim White Turf an Pferde ketten.
«Bequemen» Jusos sei St. Moritz zu teuer für Protest
Jott Jenny nimmt die Steilvorlage dankend auf – und lästert minutenlang über die Jusos.
Als Grund für die ausbleibenden Proteste nennt er den «Vorteil unserer dezentralen Peripherie».
Kein Ort sei weiter von einer Stadt entfernt als St. Moritz. Der Weg dorthin sei «relativ mühsam» und zudem nicht gerade günstig.
«Also sind die Jusos zu bequem?», hakt die NZZ nach. «Das sind sie sicherlich», antwortet der schillernde Politiker.
«Offenbar ist es nicht so wichtig, sonst wären sie schon längst da gewesen.»
Christian Jott Jenny: «Flughafen hat keinen Zaun»
Als mögliches Ziel für Störaktionen bringt Jott Jenny auch den Flughafen Samedan ins Spiel, wo besonders viele Privatjets landen.
Dieser habe keinen Zaun. «Da kann man einfach reinlaufen wie Kühe», meint er.
Das sei ja eine «Anleitung», erwidert der NZZ-Moderator. «Wenn jetzt ein Juso zuhört, dann haben wir alle auf dem Flughafen.»
Jott Jenny verneint – und verweist nochmals auf den Kostenfaktor, der vor Störaktionen schütze. «Wobei, es hätte gleich einen Zeltplatz nebenan. Ich habe jetzt die Anleitung gegeben.»
Das klinge fast schon nach einer «Einladung», meint die NZZ, damit in seiner restlichen Amtszeit noch etwas passiere.
«Ja natürlich. Auch die Kantonspolizei freut sich, wenn endlich wieder etwas läuft», sagt der Gemeindepräsident augenzwinkernd.
Juso-Präsidentin will sich nicht an Pferde ketten
Die Juso erfährt erst durch die Nau.ch-Anfrage von der Einladung. Und die provokante SP-Jungpartei reagiert mit Humor.
Juso-Präsidentin Mirjam Hostetmann schickt voraus: «Ich habe mich bisher noch nie an ein Pferd gekettet und werde dies auch in Zukunft zu unterlassen wissen.»
Die spöttischen Äusserungen über die Juso lässt sie aber nicht unwidersprochen. «Die Juso Kanton Graubünden hat Mitglieder im ganzen Kanton, so auch in St. Moritz», betont sie.
Und fügt an: «Also, wenn selbst der abtretende Gemeindepräsident findet, dass es in seiner Gemeinde mit so unrechten Dingen zugeht, dass die Juso kommen muss, dann müssen wir vielleicht wirklich mal vorbeikommen!»
Juso «enttäuscht» von «verantwortungslosen und unattraktiven Angeboten»
Von einer Störaktion auf dem Flughafen Samedan will sie aber nichts wissen. Schliesslich sei dieser einer der anspruchsvollsten Landeflughäfen der Schweiz.
«Da würde ich mich stark davor hüten, die Pilot*innen abzulenken, wenn man keine Menschenleben gefährden will», schreibt Hostetmann.

Sie sei «etwas enttäuscht, dass Herr Jott Jenny nur so verantwortungslose und unattraktive Angebote in petto hat».
Der Luxus-Skiort St. Moritz ist aber offenbar nicht die Hauptzielscheibe der klassenkämpferischen Politik.
«St. Moritz ist auch nicht mehr das, was es mal war», meint die Juso-Präsidentin.
«Herr Jott Jenny soll mal in die Zentralschweiz kommen. Dort könnte er lernen, noch mehr Politik für die Reichen und gegen die breite Bevölkerung zu machen!»
Zur Einordnung: Die Steuern in Kantonen wie Zug oder Nidwalden sind tiefer als in Graubünden. Gerade auch für Gutverdienende.
Geringverdiener fühlen sich vom System benachteiligt
Klassenkampf dürfte in der Schweiz wieder an Bedeutung gewinnen.
Das «Gerechtigkeitsbarometer» der Zeitschrift «Beobachter» im Auftrag des Forschungsinstituts GFS Bern zeigte kürzlich nämlich: Mehr als die Hälfte der Schweizerinnen und Schweizer empfinden die gesellschaftlichen Verhältnisse als eher oder sehr ungerecht.
Im Vergleich zur ersten Erhebung vor zwei Jahren ist die Unzufriedenheit deutlich gestiegen.
Auffällig ist: Wer weniger verdient, fühlt sich häufiger benachteiligt. Gleichzeitig glauben immer weniger Menschen daran, dass sich Leistung automatisch in Wohlstand auszahlt.
Ungleichheit kann Proteste fördern
Armutsforscher Maurizio Strazzeri kommentierte die Ergebnisse bei Nau.ch so: «Ich sehe Gerechtigkeitsempfinden grundsätzlich als eine wichtige Dimension gesellschaftlicher Entwicklungen.»
In einem stabilen Wohlfahrtsstaat wie der Schweiz habe Unzufriedenheit jedoch bisher selten zu grösseren Konflikten geführt. Ganz ausschliessen lasse sich das aber nicht.

Welche Form diese Unzufriedenheit annimmt, sei schwer vorherzusagen.
Strazzeri: «Unzufriedenheit kann sich grundsätzlich sowohl in Form politischer Mobilisierung als auch in Form von Rückzug aus dem politischen System äussern.»
Reiche und Migranten werden wegen Ungleichheit zum Sündenbock
Demonstrationen seien möglich, aber nicht die Regel. «In der Regel sind Proteste thematisch organisiert und werden häufig von Organisationen wie Gewerkschaften getragen.»
Und: Ein anhaltendes Ungerechtigkeitsempfinden könne dazu beitragen, dass komplexe Probleme einzelnen Gruppen zugeschrieben würden.
Das heisst: Menschen suchen einfache Antworten auf komplexe Probleme – und finden den Sündenbock daher schnell bei einzelnen Gruppen. Dazu gehören beispielsweise Wohlhabende oder Migrierte.






















