Forscher warnt: Wichtiges Know-How geht mit KI verloren
Künstliche Intelligenz ist auf dem Vormarsch. Was macht dies mit traditionellem und lokalem Wissen, das von Generation zu Generation weitergegeben wird?

Das Wichtigste in Kürze
- Lokales und traditionelles Wissen gerät immer mehr unter Druck.
- Künstliche Intelligenz fördert das Verschwinden dieses Wissens, findet ein Experte.
- Andere sehen Chancen, wenn das lokale und traditionelle Wissen digitalisiert wird.
Sie dringt im Alltag immer weiter vor und wird wohl bald nicht mehr wegzudenken sein: Die Künstliche Intelligenz (KI).
In vielen Bereichen erleichtert sie das Leben. Sei es im Arbeitsalltag, in der Schule oder zu Recherchezwecken.
Doch die KI bringt auch Tücken mit sich. Es stellen sich Datenschutz- und Urheberrechtsfragen. Auch ist längst klar: Künstliche Intelligenz verursacht astronomische CO₂-Emissionen.
«Mündliche Weitergabe bricht wegen KI ab»
Zudem verändert sich die Vermittlung von Wissen durch die KI. Das kann negative Folgen haben – vor allem auf traditionelles und lokales Wissen.
Dazu gehören beispielsweise Hausmittel bei Krankheiten oder Wetterbeobachtungen anhand von Wolken und Wind. Aber auch natürliche Schädlingsbekämpfung, landwirtschaftliche Fruchtfolgen oder regionale Rezepte.
Das bestätigt gegenüber Nau.ch auch Generationenforscher Rüdiger Maas: «Ja, es besteht ein reales Risiko für den Verlust von traditionellem und lokalem Wissen durch KI.»
«Wenn sozialen Strukturen schwächer werden, verschwindet Wissen»
Denn, so Maas: «Mündliche Weitergabe bricht wegen Künstlicher Intelligenz auf Dauer ab.»
Konkret bedeutet das: Man fragt heute immer weniger bei älteren Generationen, Nachbarn und Bekannten nach Wissen, sondern immer mehr bei KI.
Doch vor allem lokales Wissen lebe von persönlicher Weitergabe: In Familien, Dorfgemeinschaften, Handwerksbetrieben. «Wenn diese sozialen Strukturen schwächer werden, verschwindet das Wissen oft still.»
Künstliche Intelligenz führt zu «Autoritätsverschiebungen»
Zudem würde KI Standardwissen bevorzugen, erklärt Maas. «Sie liefern also meist verallgemeinertes und globalisiertes Wissen.»
Ein Problem, denn: «Lokale Varianten, aber auch Dialekte, regionale Praktiken, ‹Insider-› oder ‹inoffizielle› Lösungen sind selten gut dokumentiert und werden daher immer unsichtbarer.»
Zudem komme es durch die Künstliche Intelligenz auch zu sogenannten «Autoritätsverschiebungen». Die KI löse nämlich erfahrene Personen als Wissensquelle ab.
Grund dafür sei, dass externes und «objektiv wirkendes» Wissen höher bewertet werde. Selbst dann, wenn es lokal unpassend sei.
«Keine Gefahr» durch KI
Ein weiteres Problem, so Maas: «Das Wissen wird oft ohne Kontext geteilt und genutzt.»
Traditionelles Wissen sei eingebettet in Kultur, Landschaft, Jahreszeiten und Werte. Ein Wetterphänomen führt in den Alpen zu einer anderen Folge als im Jura. Und ein bestimmtes Getreide wächst je nach regionaler Bodenbeschaffenheit besser oder schlechter.
«Die digitalen Antworten jedoch trennen Information häufig vom sozialen und ökologischen Kontext.»
Anders sieht es Zukunftsforscher Georges T. Roos. Er sieht «keine Gefahr, dass traditionelles und lokales Wissen durch KI verloren geht».
Man muss der KI die richtigen Fragen stellen
Denn, so Roos: «Ich gehe nicht davon aus, dass KI und Google alle Ratschläge von Eltern oder Freunden ablösen werden. Persönliche Empfehlungen bleiben wichtig, denn sie stammen von Personen, denen man vertraut.»

Wichtig sei, den Umgang mit künstlicher Intelligenz zu lernen. Denn es sei wichtig, die Fragen richtig zu stellen.
Roos erklärt: «Ich sehe dank KI eher eine Chance dafür, dass traditionelles und lokales Wissen eher aufgefunden wird.»
Fehlende Digitalisierung von traditionellem Wissen ist das Problem
Dem pflichtet KI-Experte Mike Schwede bei. Er sagt: «Traditionelles und lokales Wissen stirbt aus, weil es mündlich nicht mehr übermittelt wird. Und weil viele Leute heutzutage nur noch über Social Media kommunizieren.»
Das Problem sei, dass das Wissen nicht digitalisiert sei. «Wenn es das nämlich wäre, würde es von der KI auch gelesen, gespeichert und erlernt werden.»
Die Folge, so Schwede: Das Wissen würde zugänglich und wäre online anzutreffen. Ausserdem würde KI – anders als klassische Suchmaschinen wie Google – standardisiertes Wissen weniger bevorzugen.
«Der Vorteil von KI ist, dass sie sich sehr viel unterschiedliches und detailliertes Wissen zusammensucht.» Es würden sehr viele Quellen berücksichtigt. Allerdings würden dabei seriöse und renommierte Quellen bevorzugt.














