Fitnessuhren fördern Essstörungen und Sportsucht

Riccardo Schmidlin
Riccardo Schmidlin

Bern,

Für Personen mit einer Essstörung sind Fitnessuhren oft der «Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt». Laut einer Expertin ist Vorsicht geboten.

Fitnessuhr
Fitnessuhren boomen und können zur Belastung werden. - pexels

Das Wichtigste in Kürze

  • Fitnessuhren und Smartwachtes boomen in der Schweiz.
  • Das ständige Tracking kann psychisch instabile Personen zusätzlich stressen.
  • Eine Expertin für Essstörungen sagt, wie Personen im Umfeld darauf reagieren sollen.

Wie viele Schritte fehlen mir heute noch? Habe ich mein Kalorienziel erreicht? Und wie lange sollte ich heute Nacht schlafen?

Fragen wie diese beantworten Fitnessuhren und Smartwatches innert Sekunden. Die kleinen Geräte am Handgelenk messen Schritte, Puls, Schlaf und Kalorienverbrauch. Sie versprechen ihren Trägerinnen und Trägern mehr Kontrolle über Gesundheit und Alltag.

Fitnessuhren boomen – ständiges Tracking wird zur Belastung

Die Nachfrage nach Smartwatches und Fitnessuhren wächst seit Jahren kontinuierlich, wie Digitec Galaxus gegenüber Nau.ch bestätigt.

2025 verzeichnete der Online-Händler ein Absatzplus von 22 Prozent. Zwischen Januar und April dieses Jahres wurden zudem 16 Prozent mehr Geräte verkauft als im Vorjahreszeitraum.

Auch Interdiscount verzeichnet ein jährliches Wachstum von rund zehn Prozent.

Doch genau diese permanente Selbstvermessung kann zur Belastung werden.

Das ständige Tracking, die Benachrichtigungen und die vorgegebenen Ziele setzen manche Menschen unter Druck. Und können so problematisches Ess- oder Bewegungsverhalten verstärken.

Schon Schulkinder auf Schrittziele fixiert

Nau.ch wurden gleich mehrere solche Fälle zugetragen. «Eine Freundin von mir kämpft mit einer Essstörung. Seit sie eine Fitnessuhr benutzt, scheint sich die Situation weiter verschlechtert zu haben», erzählt ein Berner.

Eine andere Person beobachtet ähnliche Entwicklungen bei Kindern: «Schon Primarschüler tragen solche Uhren. Nach der Schule laufen sie extra Runden ums Haus, nur damit am Ende genug Schritte auf dem Display stehen.»

Martina Papadellis, Fachberaterin bei der «Arbeitsgemeinschaft Ess-Störungen», bestätigt im Gespräch mit Nau.ch, dass Fitnessuhren Essstörungen und Sportsucht begünstigen können.

Martina Papadellis
Martina Papadellis ist Fachberatung bei der «Arbeitsgemeinschaft Ess-Störungen»: «Für viele erfüllt die Fitnessuhr eine Kontrollfunktion.» - zvg

«Die Uhren machen etwas messbar, das sonst verborgen bleibt. Ziele zu setzen ist nicht das Problem – problematisch wird es, wenn dadurch Zwangsverhalten verstärkt wird», sagt sie.

Denn ohne Uhr würde man oft gar nicht merken, dass ein Ziel angeblich nicht erreicht wurde.

«Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt»

Gleichzeitig betont Papadellis: «Die Uhren selbst lösen keine Essstörung aus. Dahinter steckt meist eine psychische Problematik, die sich schleichend entwickeln kann.»

Bei psychisch belasteten Menschen könnten die Signale der Geräte jedoch negativen Druck erzeugen. «Dann kann die Uhr ein zusätzlicher Auslöser sein – ein Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.»

Laut Papadellis tragen rund 90 Prozent ihrer Klientinnen und Klienten eine solche Uhr. «Für viele erfüllt sie eine Kontrollfunktion.»

Hast du eine Fitnessuhr?

In stationären Therapien zieht man deshalb Konsequenzen. «In den meisten Einrichtungen sind Tracker und Smartwatches verboten. Ziel ist es, wieder ein gesundes Körpergefühl zu entwickeln und sich vom Perfektionismus zu lösen.»

Die eigentliche Ursache von Essstörungen sieht Papadellis allerdings nicht in den Geräten selbst. «Das Problem ist vielmehr, dass Schlanksein gesellschaftlich noch immer positiv bewertet wird, während Übergewicht negativ besetzt ist.»

Expertin rät, Uhr auch mal wegzulegen

Dadurch entstehe ein Wettbewerb: «Menschen pushen sich gegenseitig dazu, weniger zu essen oder noch mehr Sport zu treiben. Tracker können diesen Druck zusätzlich verstärken – genauso wie Social Media.»

Trotzdem sieht die Expertin kein generelles gesellschaftliches Risiko durch Fitnessuhren. «Für die meisten Menschen sind sie unproblematisch. Wichtig ist einfach, auf den eigenen Körper zu hören und die Uhr auch einmal bewusst weglegen zu können.»

Zudem seien die Empfehlungen der Geräte nur Richtwerte. «Die Angaben basieren auf mathematischen Berechnungen. Die Individualität eines Menschen wird dabei nicht vollständig berücksichtigt.»

Wer merkt, dass jemand stark auf Fitnessdaten fixiert ist, sollte das Gespräch mit der Person suchen, rät Papadellis.

Fitnessuhr-Fixierte ansprechen

«Wenn wir sehen, dass jemand traurig ist, sprechen wir die Person ja auch darauf an. Essstörungen sollten kein Tabuthema mehr sein – oft steckt dahinter der Wunsch, gesehen zu werden.»

Wichtig sei dabei, in Ich-Botschaften zu sprechen. Etwa: «Mir fällt auf, dass du oft auf deine Uhr schaust. Möchtest du darüber reden?»

Auch ehrliche Komplimente könnten helfen. «Menschen mit Essstörungen haben oft ein verzerrtes Selbstbild. Da kann es guttun zu hören: ‹Du siehst toll aus.›»

Kinder
Schon viele Kinder haben heutzutage eine Smartwatch am Arm. - pexels

Bleibt die Frage: Ab welchem Alter sollten Kinder überhaupt Fitnessuhren tragen?

Papadellis gibt zu bedenken: «Heute haben schon Zehnjährige eine Smartwatch am Arm. Für viele gehört sie inzwischen einfach zum Outfit.»

Von pauschalen Verboten hält sie dennoch wenig. «Entscheidend ist, dass Eltern ihre Verantwortung wahrnehmen und ihre Kinder begleiten.»

Denn die Geräte könnten durchaus auch positive Effekte haben. «Bei einem adipösen Kind kann eine Fitnessuhr beispielsweise helfen, mehr Bewegung in den Alltag zu bringen.»

Immer mehr Minderjährige haben Smartwatch

Daten von Digitec Galaxus zeigen: Die grösste Käufergruppen von Smartwatches sind die 35- bis 44-Jährigen.

Der Online-Händler stellt aber fest: «Bei den 18-24 Jährigen haben sich die Verkäufe mehr als verdoppelt.»

Smartwatches
So liegt die Altersverteilung bei den Verkäufen von Smartwatches. - zvg

Exakte Angaben, wie viele Minderjährige tatsächlich eine Smartwatch tragen, kann Digitec Galaxus keine machen. Denn in der Regel läuft die Bestellung über das Kundenkonto der Eltern.

Eltern kaufen Kinder-Smartwachtes für die Erreichbarkeit

Interdiscount bestätigt: «Einen klaren Wachstumstrend stellen wir auch bei Kindern und Jugendlichen fest. Besonders gefragt sind derzeit Kinder-Smartwatches – etwa Modelle von TCL.»

Für viele Eltern stünden dabei Aspekte wie Erreichbarkeit und Sicherheit im Vordergrund. Nicht die Fitness.

Sollten Kinder Smartwatches tragen?

Grundsätzlich könnten diese Uhren für viele Menschen einen Mehrwert bieten, sagt Interdiscount. Wichtig sei jedoch ein bewusster Umgang mit den Daten und Benachrichtigungen.

«Personen, die sich durch permanente Erreichbarkeit oder Gesundheitsmessungen eher unter Druck setzen lassen, sollten die Funktionen gezielt und bewusst nutzen. Oder Benachrichtigungen entsprechend einschränken», rät Interdiscount.

Brauchst du Hilfe?

  • Menschen mit Essstörungen und ihr Umfeld finden in der Schweiz kostenlose Unterstützung:

Kommentare

User #5325 (nicht angemeldet)

Pferdesalbe ist wie Fitness, die Frequenz macht das Gift.

User #6212 (nicht angemeldet)

für fitness brauche ich keine uhr und kein handy, ab in natur der körper sagt wenns gfnug ist, wie vor 50 jahren

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