Nadine macht am Tag 20'000 Schritte auf Büro-Laufband
Eine Bernerin hat seit Corona ein Laufband unter ihrem Homeoffice-Pult. Ihr Rekord liegt bei 50'000 Schritten am Tag. Der Bund sieht den Trend kritisch.

Das Wichtigste in Kürze
- Laufbänder unter dem Bürotisch erleben seit Corona einen regelrechten Boom.
- Die Bernerin Nadine Aegerter schwört seit fünf Jahren darauf und schwärmt davon.
- Der Bund sieht den Trend kritisch und warnt vor Tippfehlern, Lärm und Sturzgefahr.
Herr und Frau Schweizer sitzen im Durchschnitt 5,5 Stunden pro Tag. Fast ein Fünftel sogar länger als 8,5 Stunden täglich. Zu viel, warnen Experten.
Viele haben Mühe, ihr Schrittziel nach Feierabend zu erreichen.
Nicht so die Bernerin Nadine Aegerter (28) – sie erreicht dieses bereits während des Arbeitstags. Und das um Längen.
Ihr Geheimnis: Seit über fünf Jahren nutzt die Sachbearbeiterin ein Laufband unter ihrem Stehpult zu Hause.
Ein Relikt aus der Corona-Homeoffice-Zeit, das sie bis heute beibehalten hat, wie sie im Gespräch mit Nau.ch erzählt.
«Im Gegensatz zu meinem früheren Job war ich plötzlich den ganzen Tag lang nur noch am Sitzen», sagt sie.
«Schon nach drei bis vier Monaten meldeten sich die ersten Rückenschmerzen. Da dachte ich: ‹Nein, darauf habe ich keinen Bock.›»
Laufbänder für Büro erleben Boom
Ein Stehpult allein war für Aegerter keine Lösung. «Da steht man verkrüppelt da und verlagert das Gewicht. Am Ende des Tages tun einem dann die Beine weh.»
Ihre Konsequenz: «Laufen ist viel natürlicher. Ein Laufband musste her!»
Damals waren sogenannte Walking Pads fürs Büro noch kaum verbreitet.
Heute sieht das anders aus: Der Online-Versandhändler Digitec Galaxus meldete letzten Oktober einen regelrechten Boom – Der Verkauf verzwölffachte sich seit 2022.
00:00 / 00:00
«Es brauchte etwas Angewöhnungszeit», erinnert sich Nadine Aegerter. «Heute brauche ich das Laufband durchschnittlich vier bis sechs Stunden am Tag.»
«Rekord lag bei 50'000 Schritten»
Alle zwei Stunden legt sie eine Pause ein. «Aber nicht weil ich eine nötig hätte, sondern um zu verhindern, dass das Gerät überhitzt.»
Im Schnitt kommt die 28-Jährige so auf rund 20'000 Schritte täglich.
«Mein persönlicher Rekord lag bei 50'000 Schritten», erzählt sie stolz. «Damals machte ich Überstunden und spornte mich an, einen neuen Spitzenwert zu erreichen.»
Meist bewegt sie sich im Schritttempo. «Gerade in einem Telefonat oder in einer Besprechung soll man nicht hören, dass ich mich bewege.»
Bei reiner Sachbearbeitung dreht sie auf: «Dann fordere ich mich heraus und laufe zackig im Takt der Musik. So geht alles ring.»
Mehr Tippfehler auf dem Laufband
Skeptischer sieht das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) die Laufbänder. Dieses stellt Checklisten zum verpflichtenden Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz bereit.
Mediensprecher Fabian Maienfisch sagt zu Nau.ch: «Wissenschaftliche Studien zeigen, dass Bildschirmarbeit während des Gehens auf einem Laufband das Schreibtempo verlangsamen kann. Zudem kann es die Anzahl von Tippfehlern erhöhen.»
Gerade Präzisionsarbeiten seien betroffen, «da durch das Gehen stabile Bezugspunkte verloren gehen».
Laufband-Fan Nadine Aegerter entgegnet: «Die Studien will ich nicht infrage stellen, aus eigener Erfahrung kann ich diesen Befund aber nicht bestätigen.»
Ihre Vermutung: «Vielleicht kommt das auch daher, dass ich aus einer Generation komme, in der man mit dem Handy herumläuft und tippt. Auch dort mache ich kaum Tippfehler.»
Seco: «Laufbänder bieten keinen klaren Mehrwert»
Das Seco warnt vor weiteren Risiken wie Lärm, Sturzgefahr oder erhöhtem Platzbedarf.
Fabian Maienfisch stellt klar: «Nach dem aktuellen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse bieten Laufbänder insgesamt keinen klaren Mehrwert gegenüber Sitz-Steh-Arbeitsplätzen.»
Grundsätzlich sei es sinnvoller, wenn Beschäftigte ihre Arbeitsposition regelmässig wechseln und sich zwischendurch bewegen.
Als Beispiele nennt er höhenverstellbare Arbeitsflächen für den Wechsel zwischen Sitzen und Stehen. Auch Drucker im Flur können Bewegung fördern.
Telefonate oder Online-Meetings liessen sich zudem im Stehen durchführen. Entscheidend sei eine Arbeitsorganisation, die den Wechsel von Positionen und Tätigkeiten ermögliche.
Langes Sitzen erhöht Sterberisiko
Klar ist jedoch: Ständiges Sitzen im Büro ist ungesund.
«Bewegungsmangel ist mit zahlreichen Gesundheitsproblemen verbunden und kann diese auch verursachen», sagt er.

Maienfisch zählt auf: Ein erhöhtes Sterberisiko, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes, bestimmte Krebsarten, Übergewicht, muskuloskelettale Beschwerden (MSD) sowie mögliche Zusammenhänge mit psychischen Beeinträchtigungen.
Umso wichtiger sei es, Arbeitnehmende zu sensibilisieren. «Dies ist insbesondere im Homeoffice von Bedeutung. Dort ist die ununterbrochene Arbeitsdauer oft länger und die Ergonomie des Arbeitsplatzes nicht immer optimal gestaltet.»
Auch langes Stehen belastet den Rücken
Gleichzeitig warnt Maienfisch: «Auch langes Stehen birgt Risiken: Durchblutungsstörungen, Rückenschmerzen sowie Schmerzen in den unteren Gliedmassen und Füssen.»
Sein Fazit: «Es wird daher empfohlen, die Arbeitsposition regelmässig zu wechseln.»

Bei höhenverstellbaren Arbeitsplätzen sei zudem eine korrekte ergonomische Einrichtung entscheidend.
Denn: «Ein schlecht eingerichteter Sitz-Steh-Arbeitsplatz kann seinerseits gesundheitliche Risiken mit sich bringen.»
Keine Laufbänder im Grossraumbüro
Eine Umfrage von Nau.ch bei grösseren Schweizer Unternehmen zeigt: Höhenverstellbare Arbeitsplätze sind vielerorts Standard – Laufbänder hingegen nicht.
Im Homeoffice bleibt die Einrichtung Privatsache. Ob dort Laufbänder genutzt werden, wird nicht erfasst. Zuschüsse gibt es dafür keine.

Laufband-Fan Nadine Aegerter findet das zwar schade, sieht aber auch ein: «Wenn jeder ein Laufband unter dem Pult hat, führt das wohl nur zu Lärm und Ablenkung.»
Um dem entgegenzuwirken, bringt sie eine alternative Idee ins Spiel: «Firmen könnten in Einzelbüros oder Sitzungszimmer ein Laufband aufstellen. Interessierte Mitarbeitende könnten dann den Raum stundenweise buchen – und so auf ihre Schritte kommen.»











