FDP kämpft mit 14-Stunden-Tag gegen «Chaos-Initiative» der SVP
Bei Annahme der Zuwanderungsinitiative befürchtet die FDP kürzere Ladenöffnungszeiten. Dies würde vor allem junge Berufstätige treffen.

Das Wichtigste in Kürze
- Anna steht um fünf Uhr auf und arbeitet bis 19 Uhr.
- Die FDP warnt mit dem «realistisches Beispiel» vor der «Chaos-Initiative».
- Der dargestellte Tagesablauf stösst auf Kritik.
Bereits um fünf Uhr morgens klingelt bei Anna der Wecker. Eine Stunde später trainiert sie im Gym. Von Viertel nach sieben bis acht Uhr ist sie auf dem Weg ins Büro. Um acht Uhr beginnt Anna mit der Arbeit.
Elf Stunden später, um 19 Uhr, ist Feierabend. Um 19.30 Uhr muss sie «noch schnell was Znacht kaufen». Ihr 14-Stunden-Tag neigt sich dem Ende zu.
Die FDP kämpft mit diesem fiktiven Beispiel auf Instagram aktuell gegen die «Chaos-Initiative». So nennen die Gegner die SVP-Volksinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz».
FDP: Einkaufen werde unmöglich
Die Annahme der Initiative hätte laut der FDP «drastische Folgen für unseren Alltag und unsere Lebensqualität». Würde die Initiative angenommen, könnte Anna abends nicht mehr einkaufen gehen. «Aufgrund von Personalmangel mussten die Öffnungszeiten verkürzt werden», schreibt die Partei im negativen Szenario.
Damit schliesst sie sich Mario Irminger an. Der Migros-Chef warnte kürzlich, dass der Detailhandel das heutige Leistungsniveau nur mit einer gewissen Migration aufrechterhalten könne.
«Beim Beispiel handelt es sich um ein realistisches Beispiel vieler junger Menschen in der Schweiz.» Dies sagt Fanny Dietschi, Mediensprecherin der FDP, auf Anfrage von Nau.ch.
Diese machten zum Ausgleich Sport. Auch hätten sie einen längeren Arbeitsweg, träfen sich am Abend noch mit Freunden oder gingen mit Kollegen Mittag essen.
«Einfluss auf unsere Lebensqualität»
Arbeitnehmende sollten weiterhin die gleichen Möglichkeiten haben, sagt Fanny Dietschi. So sollten sie wie heute «zu normalen Öffnungszeiten» nach der Arbeit in die Apotheke gehen können. «Einen Kaffee im Gastronomiebereich trinken oder Lebensmittel kaufen.»
All dies könne bei einer Annahme der Chaos-Initiative nicht mehr sichergestellt werden, sagt Dietschi.
«Dies hätte einen direkten Einfluss auf unsere Lebensqualität und die Work-Life-Balance», sagt Dietschi. Zudem hätte die Initiative gravierende Konsequenzen für die Gesundheitsversorgung, beispielsweise in Spitälern oder Altersheimen.
«Haben sehr lange Arbeitszeiten»
Von linker Seite bekommt der Post Zustimmung. Das Beispiel sei etwas zugespitzt, aber nicht ganz unrealistisch, sagt SP-Nationalrätin Andrea Zryd.
«Der Alltag von vielen – jungen und auch älteren Menschen – ist geprägt von einem fordernden, mehr als achtstündigen Arbeitstag.» Dazu komme oft auch ein langer Arbeitsweg. «Mit etwas Sport und den täglichen Besorgungen ist der Tag mehr als voll.»

Viel Lebensqualität und Zeit zum Durchatmen bleibt laut Zryd im Beispiel der FDP nicht. «Wir haben in der Schweiz sehr lange Arbeitszeiten. Hier wäre auch anzusetzen.» Zudem berücksichtigt die Partei im Post nicht, dass viele Leute zudem Freiwilligenarbeit leisteten.
«Bus fährt halt gerade nicht»
Andrea Zryd erachtet das Beispiel der FDP nicht als ideal. «Es ist nicht der Arbeitsalltag, den man per se suchen soll», sagt sie. Sie wünsche sich mit der Gesundheit verträgliche Arbeitsstrukturen. «Umso mehr sind wir auf ausländische Mitarbeitende angewiesen.»
In der Schweiz brauche es nicht nur höchstqualifizierte Fachkräfte, wie die SVP-Initiative weismachen wolle.
Stattdessen braucht es laut der SP-Nationalrätin Dienstleistende in vielen Branchen. «Wenn uns die Menschen fehlen, dann merken wir das nicht nur an geschlossenen Geschäften oder Restaurants.»
Auch die Arztpraxis sei zu, oder die Spitex könne wegen fehlendem Personal nicht mehr kommen. «Oder der Bus fährt halt gerade nicht.»
Ablauf sei auf Dauer unmöglich
Bei Grünen-Nationalrätin Meret Schneider kommt der FDP-Post schlecht an. «Klassischer Tag bei der FDP», schreibt sie auf Instagram. «Um 6:00 Uhr im Gym, um 19:00 Uhr müde von der Arbeit nach Hause.»
Trocken hält sie fest: «Das sind unsere Leistungsträger.» Ironisch fügt sie an: «Nehmt das, ihr Lifestyle-Teilzeit-Schneeflöckchen.»

Psychologin Renata Merz bietet unter anderem Coachings für Work-Life-Balance an. Das Beispiel von Annas 14-Stunden-Tag sieht sie kritisch.
«Wir haben in der Schweiz eine extrem hohe Burnout-Rate und eine noch höhere von gefährdeten Personen», sagt sie. Da sei der Griff zu rezeptpflichtigen Medikamenten oder Drogen aufgrund der grossen Verfügbarkeit einfacher als eine Selbstreflexion.
Von fünf Uhr morgens bis abends um sieben Uhr zu funktionieren, sei auf Dauer unmöglich. «Und dann soll man abends nach dem Einkaufen noch etwas Gesundes kochen: Dies ist für viele nicht machbar.»
Bei den meisten Menschen nehme die Konzentration nachmittags ab, insbesondere, wenn sie seit fünf Uhr morgens auf den Beinen seien. «Es sei denn, sie machen eine bewusste Mittagspause mit einem kurzen Nickerchen.»
«Viele wollen Teilzeit arbeiten»
Renata Merz warnt davor, 14-Stunden-Tage als Modell für den täglichen Einsatz zu propagieren. Für die mentale Gesundheit sei auch wichtig, die Sinnhaftigkeit des Lebens zu spüren. «Mit einem solchen Tagesrhythmus ist dies auf Dauer nicht mehr möglich.»
Auch entspreche dies nicht dem Bedürfnis junger Menschen. «Viele wünschen, Teilzeit arbeiten.»
Im Trend liege Work-Life-Integration. Ziel dieses Modells ist, berufliche Aufgaben und private Verpflichtungen harmonisch miteinander zu verbinden.



















