Diese Schweizer Notaufnahmen testen KI für bessere Diagnosen

Simon Ulrich
Simon Ulrich

Bern,

Spitäler nutzen künstliche Intelligenz bereits bei EKGs, Röntgenbildern und Berichten. Über die Dringlichkeit eines Falls entscheidet sie aber noch nicht mit.

Spital
KI wird hierzulande unter anderem bei EKGs und Röntgenbildern getestet. (Symbolbild) - keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • In einer Studie kam KI in der Notfall-Triage häufiger zur richtigen Diagnose als Ärzte.
  • In Schweizer Notaufnahmen steuert KI die Triage bisher nicht mit.
  • Genf und Lausanne testen KI bei EKGs, Röntgenbildern und Berichten.
  • Ärzte sehen Potenzial, betonen aber: KI soll unterstützen, nicht ersetzen.

Künstliche Intelligenz verbessert sich rasant. Das zeigt eindrücklich eine kürzlich im Fachjournal «Science» veröffentlichte Studie der Universität Harvard: Ein KI-System kam in Notfallsituationen häufiger zur richtigen Diagnose als Ärztinnen und Ärzte.

Getestet wurden Fälle aus einer Notaufnahme in Boston. Dabei erhielt die KI – ein sogenanntes «Reasoning»-Modell von OpenAI – dieselben elektronischen Patientendaten wie ihre menschlichen Konkurrenten. Zum Beispiel also Vitalwerte, Alter, Geschlecht und kurze Angaben zur Beschwerde.

Das Ergebnis: Die KI lag in 67 Prozent der Fälle richtig oder sehr nahe an der richtigen Diagnose. Die Vergleichsgruppe, die aus Hunderten von Ärztinnen und Ärzten bestand, kam auf 50 bis 55 Prozent.

Am grössten waren die Leistungsunterschiede dort, wo die wenigsten Informationen vorliegen und schnell entschieden werden muss: Bei der Triage, also der ersten Einschätzung darüber, wie dringend ein Fall ist.

Mit anderen Worten: In jenen Momenten, die in Notaufnahmen potenziell lebensbedrohlich sind, schnitt die Maschine klar besser ab als der Mensch.

Schweizer Notfallstationen: Noch keine KI bei Triage

Nau.ch wollte wissen: Wie weit sind Schweizer Notaufnahmen beim Einsatz von künstlicher Intelligenz?

Eine Umfrage bei sechs grossen Notfallzentren zeigt: Bei der eigentlichen Triage ist KI hierzulande noch nicht angekommen.

Weder an den Unispitälern Zürich, Basel, Bern, Lausanne und Genf noch am Kantonsspital St. Gallen entscheidet künstliche Intelligenz darüber mit, welche Patientinnen und Patienten zuerst behandelt werden.

Das heisst aber nicht, dass KI in der Notfallmedizin keine Rolle spielt. Im Gegenteil: Mehrere Spitäler testen oder nutzen Programme, die Ärztinnen und Pfleger entlasten sollen. Am weitesten fortgeschritten scheinen dabei die Westschweizer Universitätsspitäler zu sein.

Lausanne testet KI bei Herzinfarkt-Verdacht

Am Universitäts-spital Lausanne (CHUV) sind in der Notaufnahme derzeit zwei KI-gestützte Tools im Einsatz und werden gleichzeitig ausgewertet. Das erklärt François Bastardot, Spezialist für klinische Informationssysteme.

EKG
Am Unispital Lausanne wird ein KI-Tool getestet, das bei der Auswertung von EKGs hilft. - unsplash

Das erste hilft bei der Auswertung von EKGs bei Brustschmerzen. Ein EKG (kurz für Elektrokardiogramm) misst die elektrische Aktivität des Herzens. Die Anwendung soll helfen, «die Diagnose eines Herzinfarkts zu bestätigen und einen Eingriff schnellstmöglich einzuleiten», sagt Bastardot.

Das zweite Werkzeug ist eine Art digitaler Schreibassistent. Es kann ein Gespräch zwischen Ärztin und Patient aufzeichnen, strukturieren und daraus einen medizinischen Bericht fürs Patientendossier vorbereiten. Im Fachjargon heisst das «Ambient Scribing».

Genf prüft KI für Röntgenbilder und Wartezeiten

Auch am Genfer Unispital (HUG) laufen mehrere Projekte mit Bezug zur Notaufnahme. In der Startphase befindet sich etwa eine KI-Lösung, die Röntgenbilder des Brustkorbs mit auswertet.

Solche Aufnahmen werden in Notaufnahmen häufig gemacht, etwa bei Atemnot, Brustschmerzen oder Verdacht auf Lungenentzündung.

Spital
Das Genfer Unispital hat ein Test gestartet, bei dem KI bei der Auswertung von Röntgenbildern hilft. - freepik

«Die Notaufnahme führt immer mehr Röntgenaufnahmen des Brustkorbs durch», sagt HUG-Sprecherin Sophie Simon. «Die Einführung von KI-Lösungen ist eine Möglichkeit, diesen Anstieg bestmöglich zu bewältigen und gleichzeitig die Patientenversorgung zu verbessern.»

Zudem arbeitet Genf an einer Vorhersage von Wartezeiten in der ambulanten Notfallstation. Ein weiteres Projekt ist ein intelligentes Stethoskop, das Atemgeräusche automatisch einordnen soll.

Basel und St. Gallen: KI zur administrativen Entlastung

In der Deutschschweiz sind die Spitäler derzeit noch zurückhaltender. Am Universitätsspital Basel wird KI in klar definierten Bereichen genutzt, etwa bei der Erstellung von Berichten. Die medizinische Verantwortung bleibe dabei immer beim Fachpersonal, betont Sprecherin Annick Wangler.

Man prüfe aber fortlaufend, ob KI auch in weiteren Bereichen sinnvoll sein könnte – «etwa im Sinne einer ergänzenden Zweitmeinung». Voraussetzung seien wissenschaftliche Belege und eine sichere Einbindung in bestehende Abläufe.

Arzt Händedruck Mann Anzug Patient
Mehrere Spitäler testen KI zur Aufzeichnung von Arzt-Patient-Gesprächen. - Pixabay

Auch das Kantonsspital St. Gallen testet KI aktuell vor allem dort, wo sie administrativ entlasten kann. Spitalübergreifend werde geprüft, ob Teile von Arzt-Patienten-Gesprächen automatisch verschriftlicht werden können, erklärt Sprecher Philipp Lutz.

In den kommenden Monaten sollen zudem Tests zur KI-gestützten Berichtserstellung folgen, etwa bei Austrittsberichten.

Bern: «KI könnte Triageprozess künftig sinnvoll unterstützen»

Das Berner Inselspital und das Zürcher Unispital setzen zwar ebenfalls noch keine KI in der Triage ein. Beat Lehmann, interimistischer Direktor der Klinik für Notfallmedizin am Inselspital, sieht für die Zukunft aber Potenzial – auch hinsichtlich Triage:

«Internationale Entwicklungen und wissenschaftliche Arbeiten zeigen, dass KI den Triageprozess künftig sinnvoll unterstützen könnte. Beispielsweise bei der Einschätzung der Dringlichkeit oder bei der Dokumentation des Triagegesprächs.»

Vorteile erwartet Lehmann zudem bei Standardisierung, Effizienz und administrativer Entlastung.

Vertraust du künstlicher Intelligenz?

Gleichzeitig müsse der Einsatz von KI sorgfältig erfolgen, mahnt Lehmann. Entscheidend seien die Akzeptanz bei Patientinnen und Mitarbeitenden sowie ein verantwortungsvoller Umgang mit Fehlpriorisierungen, technischen Grenzen und Fragen der Verantwortlichkeit.

Für Lehmann ist klar: «KI kann ärztliche und pflegerische Entscheidungen unterstützen – nicht aber ersetzen.»

KI soll Zweitmeinung sein – kein Ärzte-Ersatz

Das sehen auch die Autoren der Harvard-Studie so. Sie betonen, dass die KI nur Daten auswertete, die als Text vorlagen.

Der reale Klinikalltag ist dagegen komplexer: Ärztinnen und Ärzte hören Patientinnen zu, beurteilen ihr Aussehen, werten Röntgenbilder und EKGs aus und beziehen viele weitere Eindrücke ein.

Die Forscher sind deshalb überzeugt: KI wird keine Notfallärztinnen und Notfallärzte ersetzen. Sie kann aber als Zweitmeinung helfen – vor allem dort, wo das Personal unter Informationsmangel schnelle Entscheidungen treffen muss.

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