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Coop und Co: Sogar Bio-Produkte haben gleich viel Zucker wie Dessert

Rowena Goebel
Rowena Goebel

Basel,

Grüne Verpackung, Bio-Label und hoher Preis: Wer denkt, diese Ketchupflasche bei Coop sei viel gesünder als die Prix-Garantie-Version, irrt. Kein Einzelfall.

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Der gesünder wirkende Bio-Ketchup enthält fast gleich viel Zucker wie die Billigversion. Kein Einzelfall. Doch die Detailhändler verteidigen sich. - Nau.ch

Das Wichtigste in Kürze

  • Konsumentenschützer kritisieren, dass zuckerhaltige Produkte als gesund verkauft werden.
  • Bio-Label, Ballaststoff-Versprechen und Co. heissen nicht, dass etwas weniger Zucker hat.
  • Brisant: Teils enthalten solche Produkte sogar mehr Zucker als herkömmliche.

Viele Schweizerinnen und Schweizer greifen regelmässig zu Fertiglebensmitteln wie Tiefkühlpizza, Chips, Müsliriegel und Mikrowellengerichten: Laut der schweizerischen Herzstiftung ernähren wir uns aktuell zu rund 26 Prozent von hochverarbeiteten Lebensmitteln.

Doch genau vor diesen Lebensmitteln warnen Forscherinnen und Forscher. Immer wieder zeigen Studien, dass eine solche Ernährung das Risiko von zahlreichen Krankheiten erhöht. Darunter etwa Fettleibigkeit, Diabetes und Herzkrankheiten.

Ein Grund: Viele hochverarbeitete Lebensmittel enthalten zu viel Zucker. Aber auch ungesunde Fette, zu wenig Proteine und Ballaststoffe sind ein Problem.

Kaufst du möglichst gesund ein?

Studien, die sich viele zu Herzen nehmen. Ein Shopping-Trend-Report von der Einkaufslisten-App Bring zeigte 2025: Im deutschsprachigen Raum gaben vor allem jüngere Menschen an, dass Gesundheit zunehmend einen Einfluss auf ihren Lebensmitteleinkauf hat.

Die Lebensmittelindustrie reagiert mit «gesunden» Fertigprodukten: Grüne Verpackungen, Hinweise auf enthaltene Früchte und Gemüse, Bio-Versprechungen.

Doch all das heisst noch lange nicht, dass das, was drin ist, gesund ist.

Hersteller gaukeln Kunden «gesund» vor

Josianne Walpen vom Konsumentenschutz warnt bei Nau.ch: Sogenannte «Healthclaims», also Angaben, die auf gesunde Eigenschaften eines Produkts aufmerksam machen, seien ein bekanntes Phänomen.

«Die Lebensmittelindustrie weiss sehr gut: Sie gewinnt die Kinder mit viel Zucker und einer bunten Verpackung, die Erwachsenen hingegen mit ‹positiven› Claims.»

Einige Beispiele für solche Angaben: «Ohne Farb- oder Konservierungsstoffe», «kein Zuckerzusatz» oder «mit Ballaststoffen».

«Damit werden unausgewogene Produkte mit einem gesunden Image versehen», kritisiert Walpen. Das fällt auch beim Shoppen in der Migros oder bei Coop auf.

Coop verkauft Desserts mit weniger Zucker als Bio-Ketchup

Zwei Beispiele aus den Regalen der grössten Schweizer Lebensmittelhändler: Eine Flasche Ketchup und ein Joghurt.

Bei Coop findet sich eine Ketchup-Flasche in grüner, nachhaltig anmutender, schlichter Verpackung. Das Produkt sei Bio, verspricht die Flasche.

Sie kostet deutlich mehr als die Prix-Garantie-Version daneben. 2.95 Franken für die Bio-Version, 45 Rappen für die Prix-Garantie-Version.

coop
Links der Bio-Ketchup von Coop, rechts die Prix-Garantie-Version. Beide enthalten fast gleich viel Zucker. - Nau.ch

Wendet man die beiden Flaschen, sticht ins Auge: Der deutlich «gesünder» aussehende Bio-Ketchup hat fast genau gleich viel Zucker wie die Billigvariante. Er enthält 16 Gramm Zucker, der Prix-Garantie-Ketchup 17 pro 100 Gramm.

Das ist viel: Coop bietet sogar Desserts mit weniger Zucker an. Etwa eine Schoggi-Pudding-Mischung mit 15 Gramm Zucker pro 100 Gramm.

Bio-Joghurt von Migros hat sogar mehr Zucker als herkömmliche Version

Noch erstaunlicher ist der Zuckergehalt eines Bio-Joghurts bei der Migros. Die Bio-Variante des Mokka-Joghurts enthält mit 13 Gramm Zucker sogar ein Gramm mehr als die herkömmliche Version.

Auch hier: Das entspricht fast gleich viel Zucker, wie in manchen Desserts bei der Migros enthalten ist. Ein Schoko-Coupe im Becher hat nur zwei Gramm mehr.

Für Konsumentenschützerin Walpen ist klar: «Solche Beispiele würde man vermutlich viele finden.»

Darum mixen Hersteller Zucker auch in «gesunde» Produkte

Nachhaltig aussehende Verpackungen und Bio-Labels können täuschen.

Walpen warnt: «Es gibt bei Bio-Produkten keine Garantie, dass sie in der Zusammensetzung gesünder oder ausgewogener sind als konventionelle Produkte.»

Der Konsumentenschutz fordert ein Verbot von solchen «Health Claims» für Produkte, die nicht den WHO-Richtlinien für eine ausgewogene Kinderernährung entsprächen.

Sehen das Bio-Joghurt und der Bio-Ketchup für dich auf den ersten Blick gesund aus?

Doch warum haben Hersteller und Detailhändler überhaupt ein Interesse dran, gar nicht so gesunde Produkte als gesund darzustellen? Könnte man nicht einfach weniger Zucker in den Ketchup oder das Joghurt mischen, um wirklich Gesünderes zu verkaufen?

«Natürlich», sagt Josianne Walpen. «Das wäre sehr wichtig und richtig. Aber mit viel Zucker bindet man Kinder viel stärker an Produkte.» Die Vorliebe für Süsses sei schliesslich angeboren und werde so noch verstärkt.

Aus gesundheitlicher Sicht wäre es aber «dringend notwendig», weniger Zucker zu verwenden, sagt Walpen.

«Aber die Lebensmittelindustrie befürchtet, dass eine Reduktion dem Absatz schaden würde. Was die Folgeschäden des Zuckerkonsums für die Gesundheit der Kinder bedeutet, blenden die Anbieterinnen aus.»

Coop: Bio-Ketchup hat «weniger Zucker und Salz»

Und was sagen Coop und Migros zu Ketchup und Joghurt?

Eine Coop-Sprecherin erklärt gegenüber Nau.ch: «Das Bio 365 Ketchup enthält weniger Salz und Zucker sowie mehr Nahrungsfasern als das Prix Garantie Ketchup.»

Auf die Frage, warum nur ein Gramm weniger Zucker enthalten ist, sagt sie: «Der Zuckergehalt orientiert sich am typischen Geschmacksprofil von Ketchup, das von vielen Konsument:innen erwartet wird.»

Coop wolle auch bei Bio-Produkten «ein vergleichbares Geschmackserlebnis» bieten. Den Vorwurf der Konsumentenschützer, mit Zucker Kinder an Produkte binden zu wollen, weist der Detailhändler «entschieden zurück».

Und: Coop biete auch zuckerreduzierte Ketchup-Varianten an, die entsprechend gekennzeichnet sind. Etwa bei den Marken Naturaplan oder Jamadu.

Migros verspricht: Bio-Joghurts haben bald weniger Zucker

«Das Bio-Mokka-Joghurt der Migros zeichnet sich durch die strengen Anforderungen der Bio-Produktion aus. Die Zutaten stammen aus biologischem Anbau», betont ein Migros-Sprecher.

Die Qualität beziehe sich also auf die ökologische Herkunft der Zutaten. Oder im Klartext: Nicht auf den Zuckergehalt. Welches Joghurt gesünder ist, lasse sich «nicht pauschal beantworten».

Der Migros-Sprecher gibt aber zu: «Das Bio-Mokka-Joghurt enthält mehr Zucker als das M-Classic-Mokka-Joghurt. Wir arbeiten jedoch bereits an Lösungen.» Man nehme die Kritik des Konsumentenschutzes ernst.

Migros Coop
Die Migros verspricht: Sie ist dabei, den Zucker in Bio-Joghurts zu reduzieren. - keystone

Die Migros sei dabei, schrittweise den Zucker in verschiedenen Bio-Joghurts zu reduzieren. Und: «Zwischen 2016 und 2024 haben wir den zugesetzten Zucker im nationalen Joghurt-Sortiment um 14,9 Prozent reduziert.»

Das sei im Rahmen der Erklärung von Mailand passiert. Die Erklärung von Mailand wurde 2015 bei einer Konferenz der Weltgesundheitsorganisation in Europa beschlossen. Mehrere Länder Europas einigten sich darin unter anderem, den Zucker in Lebensmitteln zu reduzieren.

«Diese Verpflichtung führen wir fort», verspricht der Migros-Sprecher. «Bis 2028 senken wir den zugesetzten Zucker in Joghurts um weitere fünf Prozent.»

Anbieter gehen nur «Minischrittchen» Richtung weniger Zucker

Friede, Freude, Eierkuchen also?

Keineswegs. Der Konsumentenschutz ist wenig beeindruckt. «Die Erklärung von Mailand zeigt, dass man mit freiwilligen Massnahmen kaum vom Fleck kommt», sagt Walpen.

Die Anbieter würden aufgrund einer freiwilligen Vereinbarung mit dem Bundesamt für Veterinärwesen und Lebensmittelsicherheit nur «Minischrittchen» unternehmen.

Konsumentenschützerin Walpen betont: «Wir finden es wichtig, dass es allgemein verbindliche Regelungen gibt – etwa für den Zuckerkonsum und den Zuckergehalt.»

Kommentare

User #4192 (nicht angemeldet)

Wer Ketchup isst, ist sowieso einen kulinarischen Tiefflieger.

User #4192 (nicht angemeldet)

Bio ist sowieso eine Lüge, es werden einfach andere Gifte gespritzt, die nicht auf der Liste sind. Glaubt was ihr wollt.

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