Die Hamas schiesst Hunderte Raketen auf Israel, Israel reagiert mit Luftangriffen. Die Lage im Nahen Osten scheint zu eskalieren. Dies steckt dahinter:
Konflikt raketen Israel
10.05.2021, Israel, Gaza: Raketen werden aus Gaza-Stadt in Richtung Israel abgefeuert. - dpa

Das Wichtigste in Kürze

  • Israel und Palästinenser beschiessen sich seit zwei Tagen dauerhaft mit Raketen.
  • Die Eskalation folgt auf einen Monat voller Spannungen zwischen den beiden Lagern.
  • Hinter der Eskalation stehen mehrere Auslöser.

Der Konflikt zwischen Israel und Palästinensern eskaliert: Nach Angaben der israelischen Armee haben militante Palästinenser im Gazastreifen bis Mittwochmorgen über 1000 Raketen auf Israel abgefeuert. Israels Luftwaffe reagierte nach eigenen Angaben mit dem umfangreichsten Bombardement des Gazastreifens seit dem Gaza-Krieg von 2014.

Die wichtigsten Fragen und Antworten zur aktuellen Lage:

Was hat zur neuen Eskalation geführt?

Seit rund einem Monat sind die Spannungen zwischen den beiden Lagern stetig am Steigen. Das hat mehrere Gründe. Der Ausgangspunkt dabei ist Jerusalem.

Zu Beginn des muslimischen Fastenmonats Ramadan am 12. April verwehrten Sperrzäune der israelischen Polizei am Damaskustor Palästinensern den Zugang zu den Treppen des dortigen Vorplatzes. Die Stufen gelten als beliebtester Treffpunkt während des Ramadans.

Konflikt in Jerusalem
10.05.2021, Israel, Jerusalem: Israelische Sicherheitskräfte halten einen palästinensischen Demonstranten (M) am Damaskus-Tor fest. - dpa

Zudem werfen Palästinenser der israelischen Polizei vor, auf dem Tempelberg gewaltsam gegen Muslime vorzugehen. Die dortige Al-Aksa-Moschee gilt als drittheiligste Stätte im Islam. Auch die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie und die Absage der für den 22. Mai vorgesehenen palästinensischen Wahlen tragen zum Unmut der Palästinenser bei.

Ein wichtiger Punkt ist ausserdem die von Israel angekündigte Räumung von vier palästinensischen Familien aus ihren Häusern. Diese stehen gemäss israelischem Recht jüdischen Siedlern zu. Laut internationalem Recht dürfen aber keine Menschen aus besetzten Gebieten zwangsumgesiedelt werden.

Konflikt in Jerusalem
04.05.2021, Israel, Jerusalem: Eine palästinensische Frau und ein israelischer Grenzpolizist geraten aneinander während eines Protestes gegen die geplante Räumung von palästinensischen Familien im Stadtteil Sheikh Jarrah im Osten Jerusalems. - dpa

Die Räumung wurde zwar angesichts der zunehmenden Spannungen gerichtlich vertagt. Doch es kam in der Al-Aksa-Moschee zu Zusammenstössen zwischen israelischer Polizei und Palästinensern mit Hunderten Verletzten. Nach israelischer Darstellung haben Palästinenser die Krawalle lange vorbereitet und in der Moschee auch Steine gehortet.

Wieso ist Jerusalem für beide Seiten so wichtig?

Der Status von Jerusalem ist schon seit jeher einer der zentralen Streitpunkte im Nahost-Konflikt. Israel kontrolliert sowohl den West- wie auch Ostteil der Stadt.

Für beide Seiten ist der Tempelberg im Osten heilig: Für die Juden, weil dort früher zwei jüdische Tempel standen. Für die Palästinenser, weil dort die Al-Aksa-Moschee steht. Auch die wichtigste heilige Stätte des Judentums, die Klagemauer, befindet sich in Jerusalem.

Auseinandersetzungen Tempelberg in Jerusalem
10.05.2021, Israel, Jerusalem: Palästinenser stossen mit israelischen Sicherheitskräften auf dem Gelände der Al-Aksa-Moschee in der Altstadt zusammen. Auf dem Tempelberg (Al-Haram al-Scharif/Das edle Heiligtum) in Jerusalem ist es am Montagmorgen zu neuen Auseinandersetzungen zwischen Palästinensern und israelischen Sicherheitskräften gekommen. - dpa

Israel beansprucht Jerusalem als «ewige und unteilbare Hauptstadt» für sich. Die Palästinenser halten am Anspruch auf Ost-Jerusalem als Hauptstadt eines unabhängigen Staates fest. Aus völkerrechtlicher Sicht gilt Ost-Jerusalem als besetzt. Auch die internationale Gemeinschaft pochte immer wieder auf eine Lösung mit Ost-Jerusalem als Hauptstadt eines palästinensischen Staates.

Warum beschiesst die Hamas Israel mit Raketen?

Der Gazastreifen wird seit der gewaltsamen Übernahme 2007 von der islamistischen Hamas kontrolliert. Sie wird von Israel, den USA und auch Europa als Terrororganisation eingestuft.

Die abgesagten palästinensischen Wahlen machen der Hamas einen Strich durch die Rechnung. Sie hatte sich gute Chancen bei den Wahlen ausgerechnet und gehofft, mit demokratischer Legitimierung Teil einer neuen Regierung zu werden. Obwohl Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas die Wahlen abgesagt hat, sieht die Hamas die Schuld dafür bei Israel.

Konflikt in Nahost
dpatopbilder - 11.05.2021, Palästinensische Autonomiegebiete, Gaza-Stadt: Rauch steigt aus dem Wohnhaus, nachdem es bei einem israelischen Luftangriff getroffen wurde. Die islamistische Hamas erklärte am Abend, 130 Raketen aus dem Gazastreifen nach Tel Aviv und Zentralisrael abgefeuert zu haben. - dpa

Mit den Raketenangriffen entlädt sie aber nicht nur die Wut auf die israelische Politik. Sie nutzt die Lage auch, um sich angesichts der gewaltsamen Proteste und Zusammenstösse als Verteidigerin der Palästinenserinteressen aufzuspielen.

Was steht für die politischen Kräfte auf dem Spiel?

Für die Hamas geht es auch um den Machtkampf mit der PLO: Durch die Reaktion mit dem Raketenbeschuss erhofft sie sich, Einfluss im Westjordanland zu gewinnen. PLO-Vorsitzender und Palästinenserpräsident Mahmud Abbas nannte als Grund für die Absage der Wahlen, dass Israel Wahlen in Ost-Jerusalem nicht zulasse. Manche sehen darin jedoch eine Ausrede, mit der der 85-Jährige eine Niederlage seiner zersplitterten Fatah-Bewegung verhindern will.

Für Israel fällt die neue Gewalt in eine Zeit starker interner Instabilität. Benjamin Netanjahu ist gerade erneut beim Versuch gescheitert, eine Regierung zu bilden. Der 71-Jährige kämpft ums politische Überleben. Sein hartes Vorgehen könnte ein Versuch sein, seine Position vor allem im rechten Lager zu stärken.

Konflikt in Nahost
HANDOUT - 12.05.2021, Israel, Akkon: Benjamin Netanjahu (M), Ministerpräsident von Israel, besucht eine Polizeistation zu einem Gespräch und einer Einschätzung der Situation inmitten des eskalierenden Nahost-Konflikts. - dpa

Seinen politischen Gegnern, die nun eine andere Koalition schmieden wollen, kommt die Eskalation nicht entgegen. Die Verhandlungen mit einer kleinen arabischen Partei, deren Unterstützung sie brauchen, liegen jetzt auf Eis.

Wie kann die Lage wieder beruhigt werden?

Nach Medienberichten bemühen sich ägyptische Unterhändler hinter den Kulissen um eine neue Waffenruhe zwischen Israel und der Hamas. In den vergangenen Jahren war das bereits mehrmals gelungen.

Eine langfristige Einigung zwischen Palästinensern und Israel scheint jedoch weiterhin in weiter Ferne.

Mehr zum Thema:

Benjamin Netanjahu Westjordanland Mahmud Abbas Regierung Luftwaffe Moschee Ramadan Gewalt Coronavirus Hamas Krieg Islam Fatah Schweizer Armee