Nach Kritik: So will Publibike verlässlicher werden
Publibike will in Bern verlässlicher werden. Dafür setzt das Unternehmen auf mehr Velos, neue Technik und ein verstärktes Logistikteam.

Markus Bacher steuert das Publibike schwungvoll um die Ecke und stellt es zwischen die anderen Velos an der Station bei der Dampfzentrale. Auf den ersten Blick sieht es aus wie immer. Doch beim genauen Hinsehen fällt uns etwas auf.
«Premiere!», sagt der Publibike-Chef und deutet auf das Schloss am Hinterrad. «Dieses Velo hat unser neues, vollständig digitales Schloss.» Statt die Ausleihe zu starten und danach noch einen Riegel von Hand zu bedienen, reicht künftig der QR-Code in der App oder der Swisspass.
Ein kurzer Kontakt, das Schloss öffnet sich, und man kann losfahren. Noch sind in Bern erst fünf solcher Velos unterwegs. Bald kommen rund 600 dazu.
«Die Velos für Bern werden in der PubliBike-Hauptwerkstatt in Biel zusammengebaut. Die Wartung und Reparaturen erfolgen in Bern durch PubliBike in Zusammenarbeit mit dem Kompetenzzentrum Arbeit der Stadt Bern (KA). Die bestehende Berner Flotte soll schrittweise auf den neuen Standard gebracht werden.»

Das digitale Schloss vereinfacht nicht nur die Ausleihe: «Das Velo verfügt über mehrere Sensoren. Stellen sämtliche Sensoren während zehn Minuten keinerlei Bewegung fest, schliesst sich das Schloss automatisch, auch wenn es vom Kunden vergessen wurde. Die Verrechnung endet dabei nur, wenn sich das Velo an einer Station befindet. Ausserhalb einer Station läuft sie trotz geschlossenem Schloss weiter.»
Seit diesem Frühling lassen sich Publibikes in Bern auch direkt mit dem SwissPass ohne Kundenkonto öffnen. Gleichzeitig wächst das Netz: Seit Anfang 2026 umfasst «Velo Region Bern» 17 Gemeinden und mehr als 300 Stationen.
Bis Ende Oktober 2026 kommen rund 600 zusätzliche Velos hinzu. Damit stehen anschliessend rund 2600 Velos an 325 Stationen zur Verfügung.
Das Problem mit den leeren Stationen
Mehr Velos sind auch dringend nötig. Denn so selbstverständlich die Publibikes inzwischen zum Berner Stadtbild gehören, so laut war zuletzt die Kritik. Wer an einer leeren Station stand, hatte wenig Verständnis für Ausbaupläne und neue Technik.
Besonders häufig wurde bemängelt, dass an beliebten Orten entweder gar keine Velos standen oder die «falschen».
Unten im Marzili oder bei der Dampfzentrale sind E-Bikes gefragt, weil viele von hier hinauf in die Stadt wollen. In Quartieren wie der Länggasse hingegen wären mechanische Velos begehrt, weil man damit günstiger Richtung Zentrum rollen kann.

Der Chef des Bikesharing-Anbieters widerspricht allerdings der Vorstellung, Publibike könne den Flottenmix beliebig nach der Nachfrage einzelner Quartiere ausrichten.
«Der Anteil von rund 30 Prozent mechanischen Velos wurde in der Ausschreibung für ‹Velo Region Bern› vorgegeben. Über diesen Flottenmix entscheidet somit nicht PubliBike. Wir verstehen, dass Kundinnen und Kunden je nach Strecke einen bestimmten Velotyp bevorzugen. Mit einer gezielten Umverteilung wollen wir innerhalb dieser Vorgaben möglichst gut auf die unterschiedlichen Bedürfnisse eingehen.»
Entscheidend sei weniger, ob an jeder Station genau der gewünschte Typ stehe, sondern dass überhaupt ein Fahrzeug verfügbar sei. «Mit den zusätzlichen Velos und dem verstärkten Logistikteam wollen wir diese Vorgabe zuverlässig erfüllen», ist der CEO überzeugt. «Welcher Typ dort steht, ergibt sich hingegen stark aus dem Nutzungsverhalten.»
Und das hält sich nicht immer an Modelle. Morgens bewegen sich die Velos Richtung Stadt, abends wieder hinaus, an schönen Tagen zur Aare und bei Veranstaltungen zu Stadien oder Festivals.
Zudem habe Publibike festgestellt, dass deutlich mehr Velos als erwartet aus der Stadt in die Agglomeration gefahren würden. Umso wichtiger wird die Frage, wie sie wieder dorthin gelangen, wo sie gebraucht werden.
Wenn der Algorithmus den YB-Match nicht kennt
Genau hier beginnt die Ausgleichslogistik. Bacher hat das zuständige Team inzwischen aufgestockt. 17 Mitarbeitende verschieben Velos zwischen den Stationen, tauschen leere Akkus aus und nehmen Fahrzeuge zur Wartung aus dem Verkehr.
Dabei hilft künstliche Intelligenz: Sie erkennt Muster, berechnet Routen und prognostiziert mögliche Engpässe.
Blind darauf verlassen will sich der CEO aber nicht. «Wenn es zweimal kurz hintereinander einen YB-Match mit ausserordentlich grossem Interesse gibt, vielleicht weil ein internationaler Club zu Gast ist, heisst das noch lange nicht, dass wir künftig bei jedem YB-Match derart viele Velos bereitstellen müssen.»
Ein Algorithmus erkenne Wiederholungen, ein Mensch kenne den Anlass dahinter. Deshalb würden die Vorschläge weiterhin mit Wetter, Veranstaltungen und Erfahrungswissen abgeglichen. Wie viel Planung nötig ist, zeigt sich an Grossanlässen.
Beim Gurtenfestival etwa wurden zeitweise rund 700 Velos abgestellt. Publibike organisierte zusätzliche Abstellflächen und hatte Mitarbeitende vor Ort, die sich um die Velos kümmerten.
«Morgens um vier waren dann praktisch alle Velos wieder weg», erzählt Bacher. Für ihn ist das die erfreuliche Seite desselben Problems: Wenn das System funktioniert, wird es intensiv genutzt.
Zwischen Stadt, Kundschaft und Betrieb
Zur Debatte gehört inzwischen noch eine zweite Frage: Wem gehört Publibike und wohin fliessen die Beiträge der Städte? Denn Anfang August wurde bekannt, dass der britische Investor VisionEdgeOne die Aktienmehrheit übernommen hat.
Markus Bacher bleibt CEO und Minderheitsaktionär. Er betont, dass sich an den vertraglichen Pflichten gegenüber Bern nichts ändere.

«Die Beiträge der Stadt fliessen grossmehrheitlich zurück nach Bern: in die Reparatur und den Unterhalt der Velos, unter anderem beim Kompetenzzentrum Arbeit. Sie unterstützen zudem die Weiterentwicklung der Flotte, beispielsweise das neue digitale Schliesssystem. Der Einstieg von VisionEdgeOne gibt PubliBike deshalb insgesamt mehr finanziellen Spielraum.»
Die vertraglichen Verpflichtungen gegenüber der Stadt würden aber unverändert bleiben. «Wir bewegen uns immer in einem Dreieck zwischen uns als Dienstleister, der Stadt als Auftraggeberin und den Kundinnen und Kunden», sagt Bacher.
Mit der grösseren Flotte, mehr Personal in der Logistik und der neuen Technik soll es künftig besser gelingen, diese unterschiedlichen Ansprüche unter einen Hut zu bringen. Bei der Dampfzentrale steht das neue Testvelo inzwischen ordentlich eingereiht zwischen seinen älteren Kollegen.
Bald sollen Hunderte weitere davon durch Bern rollen. Und wenn Markus Bachers Rechnung aufgeht, soll künftig vor allem eines auffallen: dass dann, wenn man ein Publibike braucht, auch tatsächlich eines dasteht.











