Dieser Berner macht aus Holz Kunstwerke

Peter Widmer
Peter Widmer

Bern,

Baptiste Gass ist ausgebildeter Primarlehrer und Holzbildhauer aus Leidenschaft. Der BärnerBär besuchte ihn in seiner Werkstatt im alten Stellwerk in Gümligen.

Baptiste Gass in seiner Werkstatt in Gümligen.
Baptiste Gass in seiner Werkstatt in Gümligen. - Daniel Zaugg

Ein kleiner, versteckter Fussweg führt zum alten Stellwerk am Bahnhof Gümligen. Es dient seit einigen Jahren als Werkstatt für den Holzbildhauer Baptiste Gass. Auf einer schmalen Holztreppe gelangt man in den ersten Stock in einen hellen Raum, der den Blick freigibt auf die Bahngleise.

Hier stellt Baptiste Gass einige seiner (kleineren) Werke aus: Ein Weingestell mit Eidechse aus Nussbaum, ein menschlicher Körper, der an die plastinierten Körper in den «Körperwelten»-Ausstellungen des kürzlich verstorbenen Leichenpräparators Gunther von Hagens erinnert.

Besonders ästhetisch der nackte Frauen-Torso aus Nussbaum. Mit welchen Arbeiten beschäftigt sich der Holzbildhauer aktuell? «Nächstens beteilige ich mich an einem Schauschnitzen in einer Bibliothek am Guisanplatz. Soeben haben wir das mögliche Sujet besprochen», antwortet Baptiste Gass.

Gass
Baptiste Gass, ausgebildeter Primarlehrer, wählte die Grundbildung zum Holzbildhauer EFZ als Zweitberuf. - Daniel Zaugg

Aus eigenem Antrieb schnitzt er zurzeit an einem Fussballspiel wie Tipp-Kick mit zehn Spielern pro Team. Auftragsarbeiten hat er momentan keine. Das sei weiter nicht tragisch, denn er müsse nicht von der Holzbildhauerei leben, sagt der 43-jährige Familienvater.

Als er noch keine Familie hatte und in Norditalien lebte, reichten die Einkünfte aus den verkauften Werken. Als Baptiste Vater wurde, war für ihn der Sicherheitsaspekt aber wichtiger und er kehrte in den Lehrberuf zurück.

Über E-Bässe zum Holzbildhauer

Bei Baptiste Gass zeigte sich schon früh das Talent zum Zeichnen. Als er vor der Berufswahl stand, fand er aber nicht den Mut, diese Begabung beruflich umzusetzen.

Seine Kindergartenzeit hatte er in bester Erinnerung und so kehrte er buchstäblich in den Kindergarten zurück – als Student zum Lehrer für Kindergarten und Unterstufe an der Pädagogischen Hochschule! Dennoch: Das Gestalterische, das Handwerkliche fehlte ihm.

«In jener Zeit machte ich viel Musik und spielte Kontrabass und E-Bass und so kam mir die Idee, E-Bässe zu bauen, aber eine spezifische Ausbildung dazu gab es nicht.» Er suchte nach Grundbildungen mit Holz und fand sie in der Holzbildhauerei.

Die Werkstatt des Holzbildhauers Baptiste Gass.
Die Werkstatt des Holzbildhauers Baptiste Gass. - Daniel Zaugg

«Hier konnte ich auch meine zeichnerischen Fähigkeiten umsetzen», begründet Baptiste Gass seine Berufswahl. So absolvierte er die (verkürzte) Grundbildung zum Holzbildhauer an der Schule für Holzbildhauerei in Brienz.

Als er sein Leben noch von den Erträgen der Holzbildhauerei bestritt, waren es fast ausschliesslich Auftragsarbeiten, die Baptiste Gass ausführte. Nach wie vor nimmt er gerne Aufträge entgegen, mehrheitlich sind es heute Kreationen aus seiner eigenen Ideenküche.

PERSÖNLICH

Baptiste Gass wurde am 26. April 1983 geboren und wuchs in Bern auf. An der Pädagogischen Hochschule in Bern liess er sich zum Lehrer ausbilden. Von 2006 bis 2009 arbeitete er als Lehrperson und Kindergärtner. Von 2009 bis 2012 absolvierte er die Grundbildung zum Holzbildhauer EFZ an der Schule für Holzbildhauerei in Brienz.

Seit 2012 ist er selbstständiger Holzbildhauer in Gümligen. Hauptberuflich ist er als Werklehrer an der Primarschule Kleefeld in Bern-Bümpliz tätig. Baptiste Gass ist verheiratet, hat zwei Kinder und wohnt mit seiner Familie in Bern.

Dabei bevorzugt er Menschenfiguren. «In der Ausbildung konnte man wählen zwischen Ornamentik, Tierfiguren oder Menschenfiguren, ich wählte Letztere», blickt er zurück.

Zuerst die Skizzen

Baptiste Gass erinnert sich an Kunden, die kaum eigene Vorstellungen hatten oder diese nicht artikulieren konnten. «Sie sagten einfach, ‹machen Sie mal!› und liessen mich gewähren. Das kam selten gut», erzählt er. Er lernte, zuerst einige Skizzen zu zeichnen und diese mit den Kunden zu besprechen.

Es ging darum, dass das Produkt dann so aussah, wie man sich anhand der Zeichnung einigen konnte. Die zeichnerische Begabung betrachtet Baptiste Gass denn auch als unabdingbare Voraussetzung für den Beruf des Holzbildhauers.

Bei Baptiste Gass zeigte sich schon früh das Talent zum Zeichnen.
Bei Baptiste Gass zeigte sich schon früh das Talent zum Zeichnen. - Daniel Zaugg

Grundsätzlich könne man jedes Holz schnitzen, sagt er. «Wenn ich eine Skulptur schnitze, die draussen zu stehen kommt, nehme ich Eiche, Esche oder Lärche. Nussbaum oder Arve wären zu schade und zu teuer, um diese der Witterung auszusetzen und verderben zu lassen.»

Linde sei das klassische Schnitzholz, weil es durchgehend weich ist. Nicht so bei Fichte, wo es weiche und harte Stellen gibt. Am liebsten bearbeitet Baptiste Gass Nussbaumholz, «weil es praktisch zum Schnitzen ist, eine wunderschöne dunkelbraune Farbe und eine wilde Maserung hat», begeistert er sich für das einheimische Holz.

Es biete sich an für nicht allzu lebendige Figuren. «Wenn die Figur selbst schon lebendig ist und noch eine ebensolche Maserung dazukommt, ‹beisst› sich das. Da eignet sich Linde besser, die sich sehr einheitlich präsentiert», fachsimpelt er.

«Gesellenstück» steht in Brienz

Gibt es ein Objekt, worauf Baptiste Gass besonders stolz ist?

Er überlegt eine Weile: «Stolz bin ich auf eine Skulptur, die eigentlich ein Gemeinschaftswerk ist. Während meines zweiten Lehrjahres 2011 beauftragte die Gemeinde Brienz die Schule für Holzbildhauerei, eine grosse Skulptur für den Standort Schiffländte zu schnitzen. Den Entwurf führte meine Mitschülerin Regula Schöneberger aus und ich durfte ihn umsetzen.»

Die Skulptur mit der Bezeichnung «Last Island, Mammutbaum» ist 220 Zentimeter hoch und steht nun an der Schiffländte. Zurück zur Ausbildung in Brienz: Baptiste Gass bezeichnet sich als Draufgänger, der stets «radikal» ans Werk gegangen ist.

«Ich lotete stets die Grenzen aus», lacht er. Andere Schülerinnen und Schüler seien vorsichtiger gewesen, um nichts zu beschädigen. Baptiste erinnert sich an eine (hölzerne) Ziege, deren Hals er zu dünn schnitzte und als Folge der Kopf dreimal abbrach, bevor er ihn richtig bearbeitete!

«Dabei lernte ich zu reparieren und mit Leim umzugehen, wobei es nicht so einfach ist, weil man nicht zwei parallele Flächen hat. Man muss Druck ausüben, damit die Teile halten.»

Grundsätzlich könne man jedes Holz schnitzen, so Gass.
Grundsätzlich könne man jedes Holz schnitzen, so Gass. - Daniel Zaugg

Indem er unbeschwert und angstfrei vorging, habe er viel gelernt und auch mehr Objekte realisieren können als seine eher zögerlichen Kolleginnen und Kollegen. «Wichtig ist, dass man die geflickten Stellen nicht als solche wahrnimmt», schmunzelt er.

INFO

Holzbildhauer/in EFZ

Als Holzbildhauerin oder Holzbildhauer gestaltest du aus Holz Figuren und künstlerisch gestaltete Gegenstände oder Schmuckstücke. Du zeichnest und planst deine Arbeiten, fertigst Rohlinge an und schnitzt Verzierungen sowie Inschriften.

Ausbildungsdauer

4 Jahre

Betrieb

Praktische Ausbildung in einem Holzbildhauer-Atelier

Schule

Blockkurse von 8 Wochen pro Jahr an der Schule für Holzbildhauerei, Brienz.

Überbetriebliche Kurse

Schule für Holzbildhauerei, Brienz: 27 Tage während 4 Jahren.

Zulassung

Obligatorische Schule abgeschlossen

Anforderungen

• Manuelles Geschick

• Selbstständige Arbeitsweise

• Künstlerisches Talent

• Zeichnerische Begabung

• Kreativität

• Räumliches Vorstellungsvermögen

• Sorgfältige und exakte Arbeitsweise

Abschluss

Holzbildhauer/in EFZ

Weiterbildungsmöglichkeiten

• Verkürzte Lehre als Schreiner/in EFZ oder Holzhandwerker/in EFZ

• Berufsprüfung: Gestalter/in im Handwerk oder Handwerker/in in der Denkmalpflege mit eidg. Fachausweis

• Höhere Fachprüfung: Eidg. dipl. Holzbildhauermeister/in

• Höhere Fachschule: Bildende/r Künstler/in HF

• Fachhochschule: Bachelor of Arts in Konservierung, Restaurierung; Bachelor of Arts in Bildende Kunst; Bachelor of Arts in Innenarchitektur.

Arbeitsumgebung

Als Holzbildhauer/in arbeitest du meistens allein. Hauptsächlich bist du in Werkstätten tätig und nimmst häufig an Messen und Ausstellungen teil. Du führst in der Regel ein eigenes Atelier. Oft übst du den Beruf nicht in Vollzeit aus, sondern hast noch einen anderen Beruf. In der Schweiz bestehen rund 30 Lehrverhältnisse, über zwei Drittel davon an der Schule für Holzbildhauerei in Brienz. Die übrigen Lehrstellen sind über die ganze Schweiz verteilt, vor allem im Berner Oberland.

Infos

Artiligno Holzkünste Schweiz, Brienz,

www.artiligno.ch

Quelle

berufsberatung.ch

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