Präparator erzählt: Wenn toter Tintenfisch plötzlich Tinte abgibt
In der BärnerBär-Serie «seltene Berufe» gibt Martin Troxler Einblick in die nicht alltägliche Arbeit der Zoologischen Präparation.

Seit 30 Jahren umgibt er sich mit toten Tieren und haucht ihnen neues Leben ein: Martin Troxler, Bereichsleiter Zoologische Präparation am Naturhistorischen Museum in Bern. Er gibt Einblick in seine nicht alltägliche Arbeit.
Da es keine Grundbildung zum Tierpräparator mit eidgenössischem Fähigkeitszeugnis (EFZ) gibt, folgte Martin Troxler dem Rat seiner Eltern und absolvierte die vierjährige Lehre zum Buchbinder EFZ (heute Bindetechnologe).
Obwohl er während der Lehrzeit nicht gelitten hatte und der Ausbildung durchaus wertvolle Inhalte abgewinnen konnte, wusste er, dass er dereinst als Präparator tätig sein wird.

So kam es dann auch. «Ich arbeitete schon als Jugendlicher vorzugsweise mit den Händen, hielt mich gerne in der Natur auf und hatte eine starke Affinität zu Museen», erzählt er.
Besonders faszinierten ihn die Tierpräparate. So liess er sich am Natur-Museum in Chur zum Präparator ausbilden.
Persönlich
Martin Troxler wurde 1968 in Schaffhausen geboren. 1988 schloss er die vierjährige Lehre als Bindetechnologe EFZ mit Schwerpunkt Handwerk ab. Von 1992 bis 1994 absolvierte er die Ausbildung zum Präparator, spezialisiert auf Knochenpräparation und Hautkonservierung, am Bündner Natur-Museum in Chur.
Seit 1996 ist er naturwissenschaftlicher Präparator am Naturhistorischen Museum Bern, seit 2005 Bereichsleiter Zoologische Präparation. Martin Troxler ist ledig und wohnt in Kräiligen.
Das Museum erhält die toten Tiere meist von der Wildhut oder vom Tierspital. Dazu Martin Troxler: «Von letzterem sind es meist Luchse. Weil es sich beim Luchs um ein ausgesetztes Tier handelt, wird damit viel Forschung betrieben. Im Spital werden die Tiere ausgenommen und untersucht.»
Bei den Tieren im «Originalzustand» zieht der Präparator im Sezierraum des Museums zuerst die Haut des Tieres ab, meist mit einem Rückenschnitt. Dann wird diese geborgen und im Haus gegerbt, sofern man sie für ein Hautpräparat verwendet, denn sie muss in «konservierfähigem» Zustand sein.
«Entscheidet man sich, kein Hautpräparat herzustellen, wird das Skelett ausgebeint – das ist dann eine für Auge und Nase recht gewöhnungsbedürftige Geschichte», schmunzelt Martin Troxler.
Kann man diese Tätigkeit mit dem Beruf des Metzgers vergleichen? «In gewisser Weise schon», antwortet Martin Troxler.
«Aber im Gegensatz zum Metzger legen wir keinen Wert auf das Fleisch. Der Knochen darf bei unserer Arbeit nicht verletzt werden. Das erfordert eine ganz andere Messerführung.» Das Fleisch gelange danach in die Kadaversammelstelle und werde verbrannt.
Archiv des Lebens
Was viele nicht wissen: Der Präparator des Naturhistorischen Museums arbeitet zu 90 Prozent für die grosse Sammlung; die ausgestellten Tiere bilden bloss die Spitze des Eisbergs. Während die Ausstellung einmal vollständig ist – die wissenschaftliche Sammlung ist es nie.
Sie müsse als «Archiv des Lebens» verstanden werden, so Martin Troxler. «Es interessiert zum Beispiel, das gleiche Tier aus verschiedenen Epochen in der Sammlung zu haben, um seine genetische Evolution im Laufe der Zeit feststellen zu können.»

Der Volksmund spricht oft von «ausgestopften Tieren». Das einzig Echte am präparierten Tier ist aber bloss die Haut, das Skelett bleibt nicht im Präparat.
«Am häufigsten arbeiten wir mit Gipsmischungen, weil diese sehr alterungsfähig sind», schildert Martin Troxler. Dabei müsse die Anatomie exakt stimmen, die Bewegung, die Muskulatur. Damit dies der Fall ist, orientiert sich der Präparator an Masszeichnungen, Röntgenbildern usw.
In der Ausstellung bleiben die Tiere mehrere Jahrzehnte. Der Elefant im Naturhistorischen Museum in Bern ist 100-jährig, der ausgestellte Bernhardiner «Barry» hat gar 200 Jahre auf dem Fell.
Die regelmässige Pflege der Exponate gehört ebenfalls zu den Aufgaben von Martin Troxler. Einmal jährlich streift er durchs Museum und «inspiziert» die Tiere, entfernt den gifthaltigen Staub, bessert Risse aus, fertigt ein Zustandsprotokoll an.
INFO
Zoologische/r Präparator/in
Zoologische Präparatorinnen und Präparatoren stellen Teil- oder Ganzpräparate von Tieren für Ausstellungen, Sammlungen und Unterrichtszwecke her. Dabei bearbeiten sie Felle und Skelette von toten Tieren in verschiedenen Reinigungs- und Konservierungsprozessen. Aufgrund von Masszeichnungen, Fotos und Skizzen bauen sie eine möglichst naturgetreue Form des Tierkörpers auf oder pflegen bzw. restaurieren bestehende Präparate.
Übliche/r Ausbildungsweg/e
Schuleigenes Diplom/Zertifikat
Es werden drei Fachrichtungen ausgebildet:
• Typ A: Präparator/in zoologische Fachrichtung
• Typ B: Präparator/in medizinische Fachrichtung
• Typ C: Präparator/in geowissenschaftliche Fachrichtung
Es bestehen derzeit keine Ausbildungsmöglichkeiten für die medizinische und geowissenschaftliche Fachrichtung. Eine Ausbildung ist in der Schweiz nur für die zoologische Fachrichtung möglich.
Ausbildungsmöglichkeiten
Es besteht kein SBFI-Reglement (Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation) für diesen handwerklich-gestalterischen Beruf. Es werden daher privatrechtliche Ausbildungsverträge gemäss Obligationenrecht abgeschlossen. Zur Ausbildung zugelassen sind aus rechtlichen Gründen junge Erwachsene ab 18 Jahren.
Der Berufsverband VNPS (Verband Naturwissenschaftliche Präparation Schweiz) fördert, unterstützt und beaufsichtigt die Ausbildung in der Schweiz. Die praktischen und theoretischen Bereiche werden in den Lehrbetrieben vermittelt. Die Ausbildung und die Lehrabschlussprüfung ist verbindlich an den Besuch der Berufsschule für Chemie, Grafik und gestaltende Berufe in Wien gekoppelt. Dort findet in Blockkursen zu jährlich 8 – 10 Wochen der schulische Unterricht statt. Der Lehrplan des VNPS orientiert sich an den schulischen Inhalten und ergänzt diese.
Lehrabschlussprüfung
Sie findet an der Berufsschule in Wien statt und wird durch die österreichische Berufsinnung abgenommen. Der Abschluss als Präparator/in ist in der Schweiz anerkannt und berechtigt zum Besuch weiterführender Schulen wie zum Beispiel die Berufsmaturitätsschule (BMS).
Vorbildung
• Abgeschlossene Volksschule, gute Leistungen in den gestalterischen, handwerklichen und naturwissenschaftlichen Fächern
• Eignungstest VNPS Vorbildung
Anforderungen
• Vollendetes 18. Altersjahr
• Gestalterische Begabung bzw. Sinn für Farben, Formen und Proportionen
• Gute Beobachtungsgabe
• Fähigkeit, sich Dinge plastisch vorzustellen
• Ausgeprägtes Interesse an Naturwissenschaften
• Handwerkliches Geschick
• Geduld und Ausdauer
• Keine Allergien gegenüber Tierhaaren und Kunststoffen
• Keine Farbsehstörung
• Keine Empfindlichkeit gegenüber Gerüchen und Arbeiten mit totem Tiermaterial
Infos
VNPS Verband Naturwissenschaftliche Präparation Schweiz
Alwin Probst, Präsident Ausbildungskommission
Naturhistorisches Museum Basel
Quelle
Nach Herausforderungen befragt, überlegt Martin Troxler nicht lange. Diese präsentierten sich immer wieder anders und bestimmten ein Präparatorenleben.
Zurzeit steht er vor einem neuen Rätsel: Ein seit etwa 20 Jahren in einer Formaldehyd-Lösung eingelegter Tintenfisch scheidet plötzlich Tinte aus!
Auch das Wechseln der Lösung brachte nichts, wieder wurde Tinte ausgeschieden.

«Vielleicht wurde das Tier vor 20 Jahren nicht vollständig ausgeblutet», vermutet der erfahrene Präparator. Er wird sich nun mit anderen Fachpersonen austauschen, um dem Rätsel auf die Spur zu kommen. Man darf gespannt sein …
Auch nach 30 Jahren hält der Beruf von Martin Troxler immer wieder neue Rätsel bereit. Gerade das macht seine aussergewöhnliche Arbeit zwischen Museum, Forschung und Handwerk so spannend.
Seine Präparate bewahren nicht nur Tiere, sondern auch Wissen für kommende Generationen.








