«Bärndütsch»-Serie: Zwischen weiblichem Mundartrock und Rap
In einer Serie erforscht der BärnerBär die Popularität des Berndeutschen. Hier kommt der vierte Teil.

Züri West fängt das wilde Lebensgefühl der 80er-Jahre ein, Stiller Has gibt 1989 «die blaue Kassette» heraus und Patent Ochsner veröffentlicht 1991 ihr erstes Album «Schlachtplatte», als eine junge Burgdorferin die Mundartbühne betritt, mit der die «Giele» nicht gerechnet haben: Natacha.
Mit ihrer Stimme mit dem dunklen Timbre, Mundarttexten, die von ihrer Lebenswirklichkeit als junge Frau und Mutter, von Freiheit und Sehnsucht erzählen, und mit wuchtigen Gitarren im Gepäck, singt sie sich in die Herzen des Publikums.
«Mein Vater war Direktor von Chalet Käse. Wir Kinder sollten vor dem Weihnachtsbaum alle ein Instrument spielen», erinnert sich Natacha. Sie nimmt Klavierunterricht, erfüllt die Pflicht mit Liebe, aber nicht mit Leidenschaft.
Eine Tante, die irrtümlich davon ausgeht, dass Natacha Gesangsunterricht nimmt, fragt, ob sie nicht bei der Hochzeit des Cousins singen könne. Natacha, mit drei Brüdern aufgewachsen, kennt keine Scheu und singt bei jener Hochzeit in der Kirche.

Ihre Stimme fällt auf. Daraufhin erhält sie tatsächlich Gesangsunterricht bei der Opernsängerin Jolanda Rodeo an der Musikschule in Burgdorf. Natacha spricht mit ihrer Lehrerin über Gott und die Welt, die Liebe und darüber, wie Songs entstehen.
Die Lehrerin findet, viel lernen müsse das Mädchen nicht, sie habe eine superschöne Stimme. Sie sprechen darüber, wie Jolanda Rodeo Opernsängerin geworden sei, und am meisten fasziniert Natacha Frau Rodeos Porsche: «Am Ende der Lektion haben wir im Sommer jeweils ein Fährtli gemacht, das dünkte mich cool.»
Fast ein halbes Jahrzehnt später fängt sie dieses Lebensgefühl im Song «Meer» mit dem Refrain «Chum mir fahre ad’s Meer, i has scho fiu z lang nüme gseh» wieder ein. Coole Beats, Gitarren, Synthies und Natachas warme Stimme vermitteln das Gefühl vom Fahrtwind, der im offenen Cabrio durchs Haar streicht.
Den Zeitgeist einfangen
Zurzeit stellt Natacha gerade ihr neues Album fertig, das in Kürze erscheint. «Zeig mir wär Du bisch», heisst es. Der gleichnamige Titelsong drückt die Sehnsucht nach Authentizität aus, in einer Welt, in der alle ständig abgelenkt sind und tiefe Begegnungen selten geworden sind.
«Ich will Songs machen, die den Zeitgeist einfangen», sagt Natacha. Dieser Zeitgeist sprüht vor jugendlicher Abenteuerlust. Natacha hat das Glück, jeweils im richtigen Moment jene Leute zu treffen, die mit ihr «einen neuen Garten betreten».
Das neue Album produziert Dr. Mo von Lo & Leduc. Als sie sich kennenlernten, war für beide sofort klar, dass sie zusammenarbeiten wollen. Mit an Bord ist auch Natachas Erfolgsproduzent Daniel Platisa mit dem sie seit 2000 zusammen arbeitet.
Während das letzte Album, das sie dank ihres langjährigen Drummers Roman Roth, der bei Simply Red spielt, in den Abbey-Road-Studios aufgenommen hat, sehr Gitarren-lastig ist, setzt sie beim neuen Album ganz auf Stimme und Beats, als ob sie immer schon im Elektropop zu Hause gewesen wäre.
Die Geschichten, die sie in ihren Songs erzählt, sind zeitlos, wobei sie der Zeit musikalisch stets einen Schritt voraus ist. So besingt sie bereits 1993 im Song «Orlando» eine lesbische Liebe. 2002 wird der weltläufige R’n’B-Song «Sorry» vom Album «Kuss» zum Ohrwurm.
Es dauert danach noch Jahre, bis R’n’B im Schweizer Musikschaffen einen festen Platz erhalten sollte. Nach ihrem ersten Auftritt im Schweizer Fernsehen 1991 mit ihrer Band «Big Trouble with Natacha» bekommt die ausgebildete Grafikerin ein Angebot von Universal, ein Album mit englischen Songs zu produzieren.
Natacha, damals bereits Mutter von zwei kleinen Buben, lehnt dankend ab. Sie will auf Mundart singen. Kurz darauf unterschreibt sie einen Vertrag beim Zytglogge Verlag.

Für Natacha ist es ein Mix, der die Popularität des Berndeutschen ausmacht: «Wir haben eine warme Sprache und gelten als langsame und höfliche Leute.» Durch die offenen Vokale und das gerollte «R» eigne sich das Berndeutsche besonders gut zum Singen.
Ihr drittes Album «Stärntaler» (1995), produziert von Tony Carey, landet als erstes Mundart-Album von 0 auf Platz 1 der Schweizer Albumcharts und erhält Doppel-Platin. Ein Jahr darauf folgt das Album «Venezia» mit «Banderas», einem englisch-berndeutschen Duett mit Tony Carey.
Bis heute veröffentlichte Natacha 14 Alben, zehn wurden mit Gold, vier mit Platin ausgezeichnet. Trotz des Verzichts auf eine internationale Karriere soll es Natacha an Glam und internationalem Austausch dennoch nicht fehlen.
1996 bringt Erwin Bach, der Mann von Tina Turner, Natacha zu EMI Music, heute Universal Music. Dadurch ergeben sich Kollaborationen wie jene mit Edo Zanki, Produzent der Söhne Mannheims oder das Engagement als UNO-Botschafterin (2002).
Damit weckt sie auch die Missgunst der männlichen Kollegen, die heute längst zu Freunden geworden sind. Sie sei damals als «Märlitante» belächelt worden, da sie Songs für ihre Buben geschrieben habe. «Damals zeigten die Männer ihre Kinder nicht in der Öffentlichkeit oder sie wurden erst spät Vater», so Natacha.
Polo Hofer habe ihr anfangs bei gemeinsamen Auftritten den Zugang zu seiner Garderobe verwehrt. Später seien sie alle vor ihr auf die Knie gegangen und hätten sich entschuldigt.
Der Anfang sei schwierig gewesen, meint Natacha, auch weil ihr als junge Mutter das Netzwerken in Beizen gefehlt habe. Aber heute ist sie von den alten Querelen als First Lady des Mundartrocks und dreifaches Grosi «Galaxien entfernt».
Die Hinwendung zu Rhymes und Beats
Eine Männerdomäne bleibt lange der Berner Hip-Hop, der in den 90er-Jahren zum Siegeszug ansetzt. «Es rumorte damals in Bern. Die Bands sind wie Pilze aus dem Boden geschossen», so Baldy Minder, Manager der Crew «Chlyklass», die mit Wurzel 5, PVP, Baze und Greis in der Berner Szene für Jahre den Ton angibt.
Für sein langjähriges Engagement für das Kultur- und Nachtleben in Bern sowie seine Verdienste um die Hip-Hop-Szene erhält Minder den diesjährigen Bürgi-Willert-Preis.
Seinen Anfang nimmt die Erfolgsgeschichte 1998 mit dem gemeinsamen Bandraum und Equipment, das sich die beiden Bands Wurzel 5 und PVP teilen, um Miete zu sparen. Baze kommt hinzu und es entsteht ein erster gemeinsamer Song.

1999 tritt die Crew erstmals unter dem Namen Chlyklass auf. «Der Name steht symbolisch für Jungs mit erhöhtem Aufmerksamkeitsbedürfnis, die früher in sogenannten Kleinklassen unterrichtet wurden», so Minder augenzwinkernd.
Zusammen mit Diens und Serej besucht er die Laubegg Schule im Obstberg. Zu dritt wagen sie unter dem Namen Wurzel 3 ihre ersten Schritte im Hip Hop, Minder als DJ. «Ich habe geübt und geübt, aber meine Skills wurden einfach nicht besser».
DJ Link und Tiersch gehen zu dieser Zeit auch in die Laubegg Schule, respektive in den Muristalden und sie hängen oft zusammen ab. Minder bringt den Vorschlag, DJ Link und Tiersch in der Band aufzunehmen, die ihrerseits in ihrer Instrumental-Band nicht glücklich werden – und er mache das Management.
Damit ist Wurzel 5 geboren – für lange Zeit der kommerziell erfolgreichste Act von Chlyklass. 2018 kann Wurzel 5 den Einlaufsong von YB, «Hie», etablieren. Obwohl sich die Band 2011 auflöst, verzeichnet Spotify immer noch 20‘000 Hörern monatlich.
Mittlerweile führt jedoch Baze mit seinem grossen Output das Rennen. «Wir haben uns intern mega gebattelt», so Minder. Jeder in der Crew hat seine Rolle: «Eingängige Texte charakterisieren Wurzel 5, die in der Stadt und auf dem Land sehr erfolgreich waren», so Minder.
«PVP sind die, mit den perfideren Texten und versteckten Messages, mit mehr Selbstironie vielleicht». Greis bringt das Französische und den Polittouch rein. «Baze ist das Ass im Ärmel, das Nesthäkchen, bei dem sich früh abzeichnete, dass er flowtechnisch und textlich obenaus schwingt».
Durch die hohe Kadenz der Releases und das Management, stösst Chlyklass schnell auf grosse Resonanz. «Die Jungs konnten sich auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren, während ich im Hintergrund aufgeräumt habe», erinnert sich Minder.
«Die Deals sind uns von Anfang an zugeflogen.» Minder ordnet Chlyklass der zweiten Welle des Mundart-Raps zu, hervorgegangen aus den Fresh-Stuff-Samplern anfangs der 90er-Jahre mit E.K.R, Black Tiger, Luana und anderen.
Auch die Berner Three Tree Posse und die Burgdorfer Crew Freedom of Speech sind auf einer der Compilations vertreten. Über 30 Jahre später muten die Rhymes ziemlich brav an. Der Basler Black Tiger rappt 1992 auf Fresh Stuff 2 zum ersten Mal auf Mundart – vom Sprayen.
Das erste Festival
1999 tritt Chlyklass erstmals am Gurtenfestival auf. Philippe Cornu, der von 1991 bis 2018 fürs Musikprogramm des Gurtenfestivals zuständig ist, wird dank des Samplers «Rapresent» auf Chlyklass aufmerksam.
Er bucht sie 1999 neben Münsterkünstler und den Hobbitz fürs Festival, das zum ersten Mal unter der Flagge der Event-Agentur Appalooza productions GmbH stattfindet. Weil die beiden anderen Acts zeitlich überziehen, wird Chlyklass als letzter Act während des letzten Songs der Strom abgestellt.

Ein Skandal, findet die Crew. 2002 gibt Chlyklass ihre erste Vinyl, die Maxisingle «Hersh n’ Bersh», im eigenen Label heraus. «Die Nuller-Jahre waren die Monopolisierung des Berner Raps. Man kam fast nicht an uns vorbei», so Minder, der 20 Jahre lang das Ultimate MC Battle veranstaltet, wo sich die Besten der Szene batteln.
Lo von Lo & Leduc gewinnt das Ultimate MC Battle Ende der Nuller- Jahre dreimal nacheinander. «Das war die Geburtsstunde von Lo». Auch Tony Vercetti hat seinen Namen dem Battle zu verdanken. Zusammen mit Dezmond Dez macht er 2003/2004 mit den Cheftapes auf sich aufmerksam.
Für Chlyklass keine echte Konkurrenz, da die beiden keine eigenen Beats, sondern Instrumentals von Hits aus den Staaten verwenden, und darüber rappen. «Das klang teilweise viel geiler», so Minder. Eigene Beats zu produzieren bedeutete aber, mehr Geld in die Hände zu nehmen und diese abzumischen, um ein richtiges Album und nicht nur ein Tape zu produzieren.
«Entsprechend haben wir sie nicht ernst genommen.» Zehn Jahre später betritt die Chaostruppe – u. a. mit Iroas, Migo und Pit von der Fischermätteli Hood Gäng (FHG) – aus dem Umfeld der Berner Reitschule die Hip-Hop-Bühne.
Im April erschien das gemeinsame Album von PVP und FHG «Us üs wird nüt» – die erste generationenübergreifende Kollaboration von Berner Hip-Hop Acts – und landete gleich auf Platz 1 der Schweizer Hitparade.
Der Verlust von Chlyklass- und PVP-Mitglied Christoph Flury alias Krust, der in diesem Sommer an den Folgen einer unheilbaren Krankheit verstorben ist, trübt die Plattentaufe und den Tourstart im August. Postum soll eine EP erscheinen, mit Tracks, die Krust in den letzten Monaten vor seinem Tod aufgenommen hat.
Medialer Wandel
Die Geschichte von Chlyklass ist auch eine Geschichte der Anpassung an den Markt und die neuen Medien. «Mit den CD-Verkäufen konnten wir nur ganz kurz am goldenen Musikzeitalter kratzen», so Minder. Bald schon können die Homies und Fangirls bequem von zu Hause CDs brennen, sprich Raubkopien erstellen.
«Das schlug sich rasch in den Verkaufszahlen nieder.» Chlyklass muss neue Formen finden, um Tonträger zu finanzieren. Sie beginnen früh, Kleider zu produzieren. Dann kommt anfangs der Nuller-Jahre mit Napster und Limewire MP3 auf.
«Wir waren dauernd den Veränderungen des Marktes und Formates ausgesetzt.» Als sich Chlyklass endlich Vinyl leisten kann, gehen die Verkäufe zurück.
Während die Crew früher 500 Stück LPs verkaufte, sind es heute bis zu 1000, was damit zu tun hat, dass die Fanbase mit der Crew mitwuchs oder wie Baze einmal sagte: «Die grössten Chlyklass-Fans sind eure Väter.»
Minder, der heute nur noch das Booking für Chlyklass und Los Serej macht, sagt: «Chlyklass könnte ständig auftreten.» Freuen darf sich das Publikum auf ein neues Chlyklass-Album, das Ende 2026 erscheinen soll.












