Zwischen Mundartrock und Volkstheater: Teil 3 zur «Bärndütsch»-Serie
In einer Serie erforscht der BärnerBär die Popularität des Berndeutschen. Hier kommt Teil drei.

1973 initiiert Rumpelstilz mit dem «Warehuus-Blues» den Mundartrock, der sich über die Jahrzehnte hinweg stets neu erfindet. In den 80er-Jahren schwappt das Berndeutsche auch auf die Schauspielbühnen über, während im Hintergrund Pioniere tragende Strukturen für kommende Generationen von Musikern und Musikerinnen schaffen.
Polo Hofer lebt 1970 in einer Wohngemeinschaft an der Effingerstrasse zusammen mit Peter Giger, der an der Jazzschule Schlagzeug unterrichtet. Hofer sucht für seine Band noch einen Schlagzeuger, der Rock spielt, und Giger empfiehlt den Jazzschüler Küre Güdel.
Da spielt dieser bereits seit sieben Jahren Schlagzeug. Sein Vater, ein begnadeter Handorgelspieler, bringt ihm mit zehn Jahren das Klavierspielen bei und nimmt ihn mit zu Konzerten in Beizen. Bereits als 13-Jähriger spielt er mit Bands wie den Shotguns. Mit 15 steht er erstmals zusammen auf der gleichen Bühne wie der sechs Jahre ältere Polo Hofer.
Hofer, Hanery Amman und Güdel treffen sich im Simmentalerhof in Thun. Nach einer Bandprobe mit den zwei weiteren Bandmitgliedern Jürg Werren und Sämi Jungen ist die Sache geritzt.

Hofer bringt den Bandnamen ein: «Rumpelstilz».
«Wir haben als Schulbuben unsere Nasen am Fenster plattgedrückt, wenn Polo am Sonntagnachmittag in einer Beiz oder am Pfadfindernachmittag im Kursaal den Pausenclown spielte und ein paar Lieder sang», erinnert sich René Schafer alias Schifer Schafer, der als Gitarrist ein halbes Jahr später zur Band stösst. «Polo war damals schon ein Held.»
Schafer lässt sich in Bern zum Lehrer ausbilden. Wenn er in Interlaken seine Eltern besucht, schaut er auch mal bei einer Bandprobe von Rumpelstilz vorbei – mit Sämi Jungen spielte er bereits in einer Schülerband – und denkt: «Das klingt, das verzahnt.»
Als Live-Band bekannt
An einer Jamsession in Interlaken, wo Rumpelstilz ohne Hofer spielt, findet Schafer zur Band. Werren steigt aus der Band aus. Polo habe die Band gefragt, wer Berufsmusiker werden wolle, und Werren habe sich dagegen entschieden, erinnert sich Schafer.
Rumpelstilz sorgt als Live-Band mit ihrem ekstatischen, jazzig-funkigen Sound und Mundarttexten bald für Furore. Die Band füllt das Atlantis in Basel, wo Bands die Möglichkeit haben, drei, vier Abende nacheinander zu spielen.
Mit dem «Warehuus-Blues», «inspiriert von Bob Dylan», wie Güdel verrät, gibt die Band 1973 ihre erste Single heraus, die sie im Sinus Studio Bern aufnimmt und selbst unter die Leute bringt.
Zwei Jahre vor dem Internationalen Folkfestival Bern spielt Rumpelstilz auf einem Heuwagen auf dem Gurten, während Piccolo Circo Morelli auf der Matte ein Zwei-Personen-Stück performt.
Am Berner Jugendfest sorgt die Band vor dem Münster für eine verstopfte Gasse. Als Vorband spielt Lise Schlatt aus Zürich, die damals noch nicht auf Mundart gesungen hat, wie Schifer betont.
1975 folgt die LP «Vogelfuetter». Dafür muss die Band 6000 Franken aufbringen. Kurzfristig springen Hanery Amman und Sämi Jungen ab – der Aufnahmetermin im Sinus Studio steht bereits.
«Polo, Schifer und ich sassen im alten Musigbistrot, als Polo die Mundartsongs verwerfen und die 400 Franken, die uns noch blieben, versaufen wollte», erinnert sich Güdel. «Nur über meine Leiche», habe er gesagt.
Güdel treibt das Geld und zwei neue Musiker auf. Innerhalb kurzer Zeit studiert die Band die Stücke ein, unter anderem im Übungsraum von Span. Dennoch verzögern sich die Aufnahmen und die Band häuft einen Schuldenberg an.
Willy Bischof und Ruedi Kaspar spielen auf DRS die LP, allen voran «Muschle», ab Band von Bern aus rauf und runter. Während die Deutschschweizer Fernsehredaktion die Stilze noch ignoriert, sendet das welsche Fernsehen ihren 40-minütigen Auftritt am Jazzfestival Montreux in voller Länge und lädt sie zu einem weiteren Auftritt ein.
Die Not zur Tugend gemacht
«Trotz der grossen Resonanz beim Radio fand die Band keine Plattenfirma, welche ‹Vogelfuetter› vertreiben wollte», erinnert sich Eric Merz, der damals Peter J. Mac Taggarts Praktikant im Sinus Studio ist.
CH-Record vom Trio Eugster hat kein Interesse an der Platte, weil sie gerade eine LP von Lise Schlatt herausgibt, die damit den Stilzen den Titel «Erste Mundartband der Schweiz» streitig macht. Dem Zytglogge Verlag ist die LP zu riskant.
Der 21-jährige Merz hat gerade die Handelsschule absolviert und ist bereit, alles in eine Waagschale zu werfen: Er gründet mit Schnoutz Records sein eigenes Label, um das Album herauszubringen. Hofer, ausgebildeter Lithograf, gestaltet das Cover.

Der Troubadour Markus Traber, der in seinem Verlag LPs und vor allem Bücher herausbrachte, habe den entscheidenden Tipp gegeben, die Platten in Österreich zu pressen, erzählt Merz. «In der Schweiz verlangte das einzige Schallplattenpresswerk von Musikern horrende Preise», so Merz.
Mit dem Plattenverkauf kann die Band ihren Schuldenberg abbauen – und stösst bei der Plattenfirma Phonogram, einem Vorläufer von Universal Music, die durch den Tipp der Berner Musikredaktoren auf Rumpelstilz aufmerksam wird, auf offene Ohren.
Sie nimmt erst 700 Stück in Vertrieb und durch einen günstigen Deal lässt sich Schnoutz Records schliesslich von Phonogram vertreiben. «Vogelfuetter» verkauft sich im ersten Jahr fast 10'000 Mal.
«‹Vogelfuetter› gab einen Schub», erinnert sich Schafer. Neben den Mundart-Stücken, die erstmals in der Schweizer Musikgeschichte eine Wirklichkeit fernab bürgerlicher Spiessigkeit besingen, finden sich jazzige und bluesige Instrumentalstücke auf dem Album, die von der Experimentierlust und der «guten Verzahnung» der Musiker zeugen.
Auch LSD sorgt für die nötige Inspiration. «Damit haben wir eine Tiefe gespürt, die heute noch Berechtigung hat», so Güdel, «LSD war unser Papst».
Der amerikanische Psychologe, Autor und «LSD-Pionier» Timothy Leary besucht die Stilze auf seiner Flucht vor den US-Behörden – er ist wegen eines Marihuana-Delikts verurteilt – gar im Studio – auf Einladung des gemeinsamen Freundes Sergius Golowin. «Die 70er-Jahre gehörten den Stilzen», so Güdel über das Lebensgefühl jener Jahre.
Hits werden zum Verhängnis
Mit «Füüf Narre im Charre» – Amman ist zur Band zurückgekehrt und Milan Popovich ersetzt Sämi Jungen am Bass – gelingt den Stilzen 1976 mit den Hits «Kiosk» und «Teddybär», die zuvor als Singles erscheinen, unter dem Management des Züricher Bankers Peter Wälti der Durchbruch.
Wälti kennt auch die Musikjournalistin Trudy Bosshard, «Pop Trudi» genannt, ein entscheidender Kontakt: «Wer sie kannte, war dabei», so Schafer. Mit dem Song «Teddybär» produziert die Band den ersten europäischen Reggae-Hit.
Der Song verpasst mit Platz 11 nur knapp die Charts. «Kiosk» landet gleich auf Platz zwei. «Teddybär» und «Kiosk» seien auch Mittel zum Zweck gewesen, um an Bekanntheit zu gewinnen, so Schafer. «Wir haben uns gesagt: ‹Hitparaden-Hits produzieren, das können wir auch›.»
Das Management sorgt für Auftritte in Voralberg und Süddeutschland, wo die Band auf grosse Resonanz stösst. Das Album wird 1977 auf die Schnelle eingedeutscht, wobei die instrumentellen Stücke rausfallen.
Das Nachfolgealbum «Dolce Vita», auf dessen Cover sich die Band in Kostüme aus dem Verleih wirft – Schafer mit Zipfelmütze als Rumpelstilzchen – verkauft sich mässig. «‹Dolce Vita› mit dem Song ‹Rote Wy› schaukelte sich erst später zum Kulturgut des Schweizer Mundartrocks hoch», so Merz.
Die Plattenfirma will Rumpelstilz in Deutschland als Klamaukband verheizen. Dagegen wehrt sich die Band und schlägt eine künstlerische Pause vor.
Wälti und Hofer drängen zum Weitermachen, um nicht den Anschluss zu verlieren. Die Band gerät mit Hofer in Streit über die Verteilung der Tantiemen.

Das Kollektiv zerbricht. Trotz der Streitigkeiten, die das Ende der Stilze markierten, sind sich Schafer und Güdel einig, dass Hofer ein guter Texter und Entertainer gewesen sei.
Und der Song der Little Feat, der «Kiosk» zu Grunde liegt, habe seinen Ursprung in einem Volkslied, habe Polo auf den Vorwurf, den Song geklaut zu haben, stets entgegnet, so Merz, der alle Folgealben von Polo Hofer aufgenommen und bei Schnoutz Records herausgebracht hat.
Das bittere Ende
Auf dem Doppelalbum «Fätze u Bitze vo geschter u jitze», das einen Livemitschnitt vom Atlantis Basel 1977 und die Filmmusik zu «Kleine frieren auch im Sommer» enthält, ist die Band zerstritten.
Hofer hat bereits mit den Musikern von Span angebandelt, mit denen er sein Schmetterding lanciert und mit dem Song «UKFee» für die neue UKW-Frequenz von Schweizer Radio DRS wirbt. «Fätze u Bitze vo geschter u jitze» verkauft sich 8000 Mal.
Schafer will nicht von einem Flop sprechen. «Man hätte das Live-Album und die Filmmusik separat rausgeben müssen», finden Schafer und Merz. Güdel sieht in der Filmmusik den Grund für Hofers Absprung: Das Album sei ihm zu jazzig gewesen und er habe weniger Gesangsmöglichkeiten gehabt.
Für ein kurzes Revival von Rumpelstilz sorgt die Konzertreihe 1989, ausgehend von der Vernissage der Polo Hofer Biografie von Thomas Küng im Kursaal. Als Vorbands spielen Züri West und Phon Roll. René Sutter vom Anker in Interlaken, bittet die Band, doch auch im Anker zu spielen.
Hanery Amman organisiert daraufhin drei Konzerte und die Band spielt Stücke, die sie zehn Jahre zuvor nicht mehr fertigstellen konnten. Der Mitschnitt «Live im Anker» hält sich mehrere Wochen in den Charts auf Platz 2. Insgesamt spielt Rumpelstilz noch etwa 20 Konzerte, wo auch wieder Sämi Jungen dabei ist.
Bis 1989 ist Merz Tonmeister im Sinus Studio, das schliesslich wegen Lärmklagen schliessen muss. Danach arbeitete er weitere zehn Jahre als freier Tonmeister in verschiedenen Tonstudios der Schweiz.
Viele namhafte Schweizer Musiker und Musikerinnen wie Dodo Hug, Peter Reber, Andreas Vollenweider, Sina, Züri West oder Patent Ochsner vertrauen seinem grossen Erfahrungsschatz, bis er sich 2002 zum Sozialpädagogen ausbilden lässt.
1990 transferiert er den gesamten Katalog von Schnoutz Records zum Berner Plattenverlag Sound Service, der 1985 von Rolf Widmer gegründet wird, da sich die Konditionen bei Phonogram im Zuge des CD-Verkaufs verschlechtern.
«Alle Künstler und Künstlerinnen profitierten gleichermassen vom Engagement, Netzwerk, Wissen und der Geschicklichkeit von Sound Service», so Merz.
Die Künstler seien fürstlich entlohnt worden. Nach Widmers Tod im letzten Jahr führt seine Frau Sylvie das Label, das Schweizer Musik gross machte, weiter. Heute macht Merz in seinem Heimstudio in Kerzers nur noch für ausgewählte Herzensprojekte Mix und Mastering.
Die Rolle des Radios
1983 fällt mit der Rundfunkversuchsordnung vom Schweizerischen Bundesrat das Radio- und Fernsehmonopol der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft SRG. Der Bundesrat erteilt insgesamt 53 Versuchskonzessionen, u. a. an das Kulturradio Förderband (heute Radio Energy Bern) und Radio ExtraBE (heute Capital FM).
Die SRG setzt mit DRS 3 auf ein junges Publikum und viel Schweizer Musik – u. a. mit der Sendung «Sounds!» unter der Leitung von FM François Mürner. Zurück aus London, wo er für DRS 1 die Sendung «Musik aus London» produzierte, findet er die einheimischen Bands genauso gut wie die ausländischen: «Ich spiele Musik von Bands, die hier auftreten», so sein Credo.
Oft spielt er Demokassetten, Musik, die noch nirgends zu kaufen ist. FM François Mürner lädt sich Schweizer Musiker wie Stephan Eicher, mit dem er zwei Stunden lang plaudert, zu sich ins Studio nach Basel. «Ich stehe noch heute zu meiner Auswahl», meint Mürner.

Schweizweit geht die Jugend für alternative Begegnungszentren und nichtkommerzielle Räume auf die Strasse, besetzt Häuser und liefert sich Scharmützel mit der Polizei. Züri West feuert den Kampf um die Reitschule und das Zaffaraya musikalisch an.
1986 bringt Philippe Cornu, der ab 1991 für 28 Jahre für die Programmation des Gurtenfestivals und heute für die Musikauswahl am Seaside Festival in Spiez verantwortlich ist, Züri West ans erste Open Air in Thun, gemäss dem Motto «die Provinz bringt’s».
Schicksalshafte Begegnungen
Schafer erhält in der von David Gattiker gegründeten Band «Caduta Massi»schon mal einen Vorgeschmack auf den späteren Has. Mit dabei: Balts Nill, Beat Schneider, Gastsänger Endo Anaconda und Gaststängerin Sandra Goldner.
«Caduta Massi war eine saugute Konstellation», so Schafer, «die angesagte Gitarrenband vor Züri West, ziemlich politisch» – und dabei auch entsprechend explosiv. Ein wüster Streit zwischen Anaconda und Goldner markiert das Ende der Band.
1989 kommt es aber bereits wieder zu einem kurzen Intermezzo zwischen Anaconda, Nill und Schafer. Mit der «blauen Kassette», die «Wilde Has» und «Zwöi feissi Meitli» enthält, wird Stiller Has geboren. Hofer, dem Schafer im Anker die frisch produzierte Kassette vorspielt, sagt: «Das klingt ganz interessant, aber verkaufen lässt sich das nicht.»
Küre Güdel sorgt in den 80er-Jahren mit «Sixpack», u. a. mit Marianna Polistena, die auch bei Polo’s Schmetterding am Keyboard sitzt und dem Jazzgitarristen Teddy Bärlocher für heisse Rhythmen. Heute steht er immer noch als Sänger und Perkussionist mit seiner Küre Güdel Band auf der Bühne.
Schafer spielt u. a. in einer Salsa- Band und wirkt zusammen mit Güdel und Jungen bei Zampanoos Variété mit, das mit seinem Musiktheater-Spektakel die Herzen des Publikums gewinnt.
1983 zieht Schafer für zehn Jahre nach Basel, wo er die Musikwerkstatt mitaufbaut, deren Orchester 1994 das Album «Landjäger» von Stiller Has, das er arrangiert, prägen soll.
Auch das Stadttheater wird berndeutsch
Der frische Wind weht auch durchs Berner Stadttheater. Der Troubadour Markus Traber übersetzt mit seiner Frau Barbara Traber, Journalistin und Autorin, 1983 den Begleittext zum Märchenballett «Dornröschen» ins Berndeutsche.
Von 1982 bis 1985 ist Markus Traber Beauftragter des Stadttheaters für Öffentlichkeitsarbeit. Im Kinderstück «Rägebogeland» von Heidi Hutterli steht er 1985 als «Hans der Waldarbeiter» selbst auf der Bühne.
Berndeutsch-Serie
Auch der Theater- und Spoken-Word-Autor Guy Krneta bearbeitet als junger Regieassistent zusammen mit der Regisseurin Beatrix Bühler ein Kinderstück, bevor sie zwei Jahre später, 1989 das eigene Stück «Till Eulenspiegel» mit Marco Morelli auf die Bühne bringen, in dem auch Küre Güdel mitspielt. Für Krneta ein Schlüsselerlebnis: das Hören der eigenen Sprache auf der Bühne.
In dieser Zeit lernt Krneta seinen Weggefährten Beat Sterchi kennen: «Das Gespräch mit Beat wurde während der Jahre ganz zentral für mich – dass es nicht darum geht, die eigene Sprache abzufeiern, sondern dass Sprache immer auch soziale Realität transportiert, dass Mundart scheinbar vertraut wirkt und ihre Direktheit in formalen Experimenten nicht verliert.»
Die Sprache des Volkes und das Volkstheater
1983 begründet der Direktor des Stadttheaters Bern, Peter Borchardt, die Gastspielreihe «Aua, wir leben!», die ab 1988 unter der künstlerischen Leitung von Borchardt und Beatrix Bühler als unabhängiges Festival geführt und heute als auawirleben Theaterfestival Bern von Nicolette Kretz geleitet wird.
1988 zeigt das Festival «Dr Sudu» von Beat Sterchi. «Er macht in diesem Stück den Sprung von der Konkreten Poesie und der modern mundart à la Kurt Marti ins Theater. Das gab es vorher nicht», so Krneta. Der Ansatz, Mundart auszustellen, sie als Material zu verwenden und nicht bloss als Mittel zum Zweck, um Plots voranzutreiben, gefällt Krneta.
Diese Ästhetik soll wegweisend sein für die Autor:innengruppe «Bern ist überall», die fast 20 Jahre später der Berner Mundart zu neuem Schub verhilft. Obwohl der Theaterautor Sterchi und später auch Krneta in ihren Stücken die «Sprache des Volkes» sprechen, kommt es zunächst zu keiner Annäherung zwischen der «Mundart-Avantgarde» und dem Volkstheater.
2024 inszeniert Ulrich Eggimann – der als Seminarist «Vogelfuetter» auch rauf und runter gehört hat – mit der Emmentaler Liebhaberbühne Sterchis «Anne Bäbi im Säli» aus dem Jahr 2004. Darin soll in einer Emmentaler Beiz mit der Belegschaft ein Gotthelf-Stück inszeniert werden.
«Das war eine wunderbare Sache», schwärmt Eggimann, allerdings habe sich das Publikum ein wenig erschrocken. Seit über 30 Jahren ist Eggimann Hausregisseur und Geschäftsführer der Emmentaler Liebhaberbühne. Er deckt mit seinen Stücken die ganze Breite des Volkstheaters ab.
Obwohl Eggimann als ausgebildeter Opernsänger viele Engagements an schweizerischen und ausländischen Bühnen bestritt und bis 2022 Dozent für Gesang an der Pädagogischen Hochschule Bern war, macht er selbst keinen Unterschied zwischen Volkstheater und dem Theater fürs sogenannte Bildungsbürgertum.
Das Publikum selbst mache aber diese Unterscheidung, meint er. Entgegen dem landläufigen Vorurteil seien sie aber keine Gotthelf-Bühne. «In 60 Jahren haben wir etwa fünf Mal Gotthelf gespielt.» Eggimann erinnert auch daran, dass Gotthelf kein Dramatiker war und im Zuge der Gotthelf-Rezeption auch viele falsche Bilder im Sinne des «bluemete Tröglis» entstanden seien.
Nicht zuletzt fusst die Liebhaberbühne, die 1961 ihre erste Inszenierung feierte, im Arbeiterchor Hasle-Rüegsau. «Das waren die roten Hunde vom Emmental». Entsprechend weltoffen ist die Auswahl der inszenierten Stoffe: Bereits Ende der 70er-Jahre zeigt die Liebhaberbühne Henrik Ibsen, in den 80er-Jahren stehen etwa Marcel Pagnol oder Heinrich von Kleist auf dem Programm – in berndeutscher Übersetzung.
Am Berndeutschen schätzt Eggimann besonders den Reichtum an Ausdrücken. «Aber vor jedem Dialekt kommt das Herzblut», so Eggimann. 2026 übergibt er nach der Inszenierung des Kriminalstückes «Die Falle» von Robert Thomas, übersetzt von Ruth Grossenbacher, den Regiestab weiter an den Zauberkünstler und Regisseur Christoph Borer aus Biel.








