Ende vom «bluemete Trögli»: Hier ist Teil 2 zur «Bärndütsch»-Serie
In einer Serie erforscht der BärnerBär die Popularität des Berndeutschen. Hier kommt Teil zwei.

Mitte der 60er-Jahre weht ein neuer Wind durch Berns Altstadttheater – und wirbelt die Gedanken unter den Lauben auf. Die Troubadourser finden das Berner Chanson, während die Literatur eine neue Gattung begründet: die «modern mundart».
Die Schweizer Kulturlandschaft ist noch ganz vom Gedanken der geistigen Landesverteidigung durchdrungen, als Kurt Marti (1921–2017) Anfang der 60er-Jahre französische Lyrik ins Berndeutsche übersetzt. Neben seiner pfarramtlichen Tätigkeit in der Nydeggkirche in Bern beginnt er Rezensionen, Gedichte und Geschichten zu schreiben und mit der Mundart zu experimentieren.
1967 erscheint im deutschen Luchterhand-Verlag sein Gedichtband «rosa loui» mit einem Nachwort des Schriftstellers und Kritikers Helmut Heissenbüttel. Die Kritik feiert die Publikation als zeitgenössisches Sprachexperiment, inspiriert etwa von der Konkreten Poesie von Eugen Gomringer. Sein Titelgedicht lässt unschwer seinen Einfluss auf die spätere Spoken-Word-Szene erahnen.
«so rosa / wie du rosa / bisch / so rosa / isch / kei loui süsch / o rosa loui / rosa lou / i wett / so rosa / wär ig ou». Auch für die Mundartdichtung sollten literarische Techniken wie jene des Expressionismus, Dadaismus, Surrealismus oder der Konkreten Poesie angewendet werden, so Martis Forderung. Damit gehörte das «bluemete Trögli», der Schmähbegriff für die sentimentale Mundartliteratur, der Vergangenheit an.
«Es ging um Urbanität versus ländliche Verklärung, kulturelle Offenheit versus patriotische Abschottung, das In-Frage-Stellen unerschütterlicher Autoritäten und herrschender Feindbilder», so Guy Krneta, Spoken-Wordund Theaterautor, Begründer des Schweizerischen Literaturinstituts und Co-Präsident der Kurt Marti Stiftung über den Geist der 68er, dem sich in der Berner Literaturszene die Nonkonformisten und Erneuerer der Mundart verpflichteten.
Walter Vogt (1927–1988), Psychiater und Schriftsteller, prägt für die neue Mundart-Bewegung, die auch Ernst Eggimann entscheidend mitgestaltet, den Begriff: «modern mundart». Vogt sorgt mit seinem berndeutschen «Vater unser» für Furore.

Jüngst erschien von ihm posthum die autofiktionale Erzählung «Zwei Männer in einem Raum», in dem Vogt die Freundschaft mit einem HIV-positiven Mann und den Umgang mit der damals stigmatisierenden «Seuche der Homosexuellen» thematisiert.
2018 brachte der Journalist und Publizist Fredi Lerch Vogts Mundartexte im Verlag Der gesunde Menschenversand heraus.
Zwei ungleiche Sprachpioniere
Ebenfalls 1967 veröffentlicht Mani Matter (1936–1972) die EP «Alls wo mir i d Finger chunnt» im «Schallplatten- Verlag des Theaters am Zytglogge. Das Theater ist auch Schauplatz der ersten Auftritte der Troubadours, die erstmals in der Saison 1965/1966 in einer «Bund»-Rezension Erwähnung finden.
Kurt Marti erkennt früh Matters Qualität, die im Volkstümlichen das Intellektuelle und im Banalen das Surreale sieht, inspiriert vom französischen Chanson, und findet in Rezensionen lobende Worte. Der Schriftsteller und der Liedermacher lernen sich kennen und schätzen und absolvieren auch gemeinsame Auftritte, ohne einander bewusst zu beeinflussen.
«Die beiden Bewegungen verliefen parallel», so Guy Krneta, der sich auch mit Mani Matters Nachlass beschäftigt hat. Mani Matter habe sich keine Gedanken ums «bluemete Trögli» gemacht. Er habe einfach die Sprache benutzt, die er vorgefunden habe.
Das neue Lebensgefühl
Zwischen 1954 und 1964 entwickeln Mani Matter und Bernhard Stirnemann unabhängig voneinander berndeutsche Chansons. Für die Begegnung sorgt der Berner Sprachverein, der Chanson-Wettbewerbe ausschreibt. An einer solchen Veranstaltung im Hotel Bellevue treffen 1963 Fritz Widmer und Ruedi Krebs auf ihre künftigen Compagnons.
In der Saison 1964/1965 liefern die vier Texte und Lieder für den Abend «Ballade, Lumpeliedli, Chansons à la Bernoise» im Theater am Zytglogge, unter der Regie des Cabarets Schifertafele. Kurz darauf erscheint die gleichnamige Platte.
1966/1967 treten die Troubadours mit Ruedi Krebs, Mani Matter, Bernhard Stirnemann, Markus Traber, Fritz Widmer und Jacob Stickelberger zum ersten Mal im Theater «Die Rampe» in der Kramgasse auf, das Bernhard Stirnimann gründet und bis 1982 als Plattform für Chanson, alternatives Theater und Cabaret betreibt.

Ruedi Krebs, der letzte noch lebende Troubadour, erinnert sich: «Äs het eifach gfägt.» Jeder der Troubadours hatte jeweils 20 Minuten Vortragszeit, wobei sich die Gruppe vorab nicht übers Programm austauschte. «Das war jedes Mal eine Überraschung, was die anderen sangen», so Krebs.
Nach dem tragischen Unfalltod von Mani Matter 1972 bestreiten die Berner Troubadours in wechselnden Formationen Auftritte. Das Konzert zum 20. Jubiläum der Troubadours im Stadttheater Bern ist nach 20 Minuten ausverkauft. Unzählige Lieder sind entstanden, 150 alleine von Krebs, darunter sein berühmtestes Chanson: «Es heit einisch eine gseit».
Nachdem Markus Traber (2010), Fritz Widmer (2010) und auch Bernhard Stirnemann (2011) versterben, legt auch Krebs seine Gitarre zur Seite, obwohl er immer noch vor Witz und Erzähllust sprüht.
Die Männer unter sich?
Während bei den Troubadours für kurze Zeit zwei Frauen, Kerstin Heimann und Margrit Pfister, Teil der Besetzung waren, blieben die politisierten Nonkonformisten eine Männerrunde, wie Fredi Lerch in seinen zwei Publikationen über die Nonkonformisten herausarbeitete.
Das heisst aber nicht, dass es in den 60er-Jahren keine Frauen gab, die auf Mundart mit der Sprache experimentiert hätten. Sie waren nur nicht in Bern verortet.

1980 schickt die damals 69-jährige Gertrud Burkhalter (1911–2000) dem Wyss-Verlag in Bern ihr Lyrikmanuskript. Der Troubadour Markus Traber, der den Verlag zu dieser Zeit leitet, gibt die Texte seiner Frau Barbara Traber, Autorin und Journalistin, zur Begutachtung. Zu dieser Zeit beginnt sie selbst auf Mundart zu schreiben. Sie ist begeistert.
«Die Gedichte dieses späten Lyrikbandes … sind neu, eigenwillig, manchmal sogar kühn, man könnte sie teilweise der modern mundart zuordnen.» Der Wyss-Verlag veröffentlicht den Gedichtband «Momänte» mit Gedichten, die zwischen 1955 und 1980 entstanden sind.
In ihrem aktuellen Buch «Sie sind noch da», das jüngst im Neptun Verlag erschienen ist, erinnert Traber an jene zerbrechliche Dichterin aus Pieterlen, die als Bibliothekarin in Zürich arbeitete und erst mit 70 Jahren wichtige Preise erhielt.
Traber war auch an der erweiterten Neuausgabe des Gesamtwerks von Maria Lauber (1891–1973), herausgegeben von der Kulturstiftung Frutigland, beteiligt. Erich Blatters Lauber-Biografie lieferte die Initialzündung zur erweiterten Neuausgabe. Obwohl Lauber sehr erfolgreich war – 1966 gewann sie u. a. den Literaturpreis des Kantons Bern – blieb ihr Werk lange Zeit vergriffen.
Trummer und Nadja Stoller trugen mit den Gedichtvertonungen der Frutiger Dichterin im Zuge der Neuausgabe (2016–2023) zu einer Renaissance von Laubers Dichtung bei.
Die neuen Liedermacher
In den 70er-Jahren hält bereits ein neuer Geist Einzug in Berns Musikszene. Fritz Widmer drückt dem damals 14-jährigen Guy Krneta eine Platte von Trio Hostettler-Diem-Mentha in die Hände und öffnet ihm damit die Türe zur Liedermacher-Szene. «Die Mischung aus politischen Inhalten und Poesie gefiel mir», so Krneta.

Die Liedermacher treffen sich in der Mahogany Hall, die 1968 als Jazz-Club gegründet wurde. Freitags stehen jeweils Konzerte des Folk Clubs Bern und einmal im Monat sogenannte Hootenannies auf dem Programm, eine offene Bühne für Musikerinnen und Musiker.
Für Krneta werden die Ansagen zwischen den Liedern, die er mit Gitarre vorträgt, Ausgang seiner späteren Gedichte, aus denen Theatertexte und schliesslich Spoken Word-Texte entstehen.
Aus dem Folk Club Bern entwächst 1977 unter der Initiative von Chita Fricker und Daniel Leutenegger das «Internationale Folkfestival Bern», das Gurtenfestival, inspiriert vom Folkfestival Lenzburg, das 1972 zum ersten Mal über die Bühne geht – und an dem auch bereits das Team der Mahogany Hall mitwirkte.
Der andere Röseligarte
Auch das Trio Hostettler-Diem-Mentha tritt in Lenzburg und auf dem Gurten auf. Nachdem die Liedersammlung «Im Röseligarte» 1976 neu aufgelegt wird, gibt das Multitalent Urs Hostettler 1979 «Anderi Lieder» heraus, eine Sammlung mit 120 historischen Schweizer Liedern, Balladen und Arbeitsgesängen, die er aus Archiven und Bibliotheken zusammenträgt.

Aus einem schweizweiten Liedermacher-Treffen kristallisiert sich 1982 der Plattenverlag Fata Morgana heraus, als Reaktion auf den Zytglogge-Verlag, der zu dieser Zeit kaum mehr Mundartplatten verlegt.
1982 erscheint bei Fata Morgana posthum «Wohäre geisch?» von Chlöisu Friedli (1949–1981). Auch er ist regelmässiger Gast in der Mahogany Hall: Während er den Blues auf dem Piano spielt, erzählt er assoziativ von seiner Kindheit im Tscharnergut oder dem Aufenthalt in der Psychiatrie.
1981 nimmt er sich mit 32 Jahren das Leben. Friedlis sozialkritischen, salopp-surrealen Alltagsbeschreibungen eines Aussenseiters dürfen auch den sechs Jahre jüngeren Andreas Flückiger alias Endo Anaconda (1955–2022) inspiriert haben. Der Verlag gibt 1985 die erste Platte von Andreas Flückiger und die Alpinisten heraus.
Der Zeitgeist beschliesst die Entwicklung vom Platten- zum Spielverlag. «Mit den 80er-Jahren kam eine neue Bewegung. Wir gehörten mit 30 Jahren damals bereits zum alten Eisen», so Hostettler. Zusammen mit Joachim Rittmeyer entwickelt er die Spiele «Wahlspiel» und «Schicksack». In der Fata Morgana-Küche entstanden weitere Spiele wie «Ein solches Ding», «Tichu» oder «Anno Domini».
Der Erfolg der Spiele und regelmässige öffentliche Spielabende münden 1985 in der Eröffnung des Spielladens «DracheNäscht», der letztes Jahr sein 40. Jubiläum feierte. Und Hostettler hat gerade sein jüngstes Spiel, die Neuauflage von «Wie ich die Welt sehe», fertiggestellt.








