Frauen sollen Neandertaler besonders sexy gefunden haben
War der Neandertaler ein Vergewaltiger? Oder vielleicht sogar der bessere Mann? Eine neue Studie zu Sex zwischen verschiedenen Menschen-Arten wirft Fragen auf.

Das Wichtigste in Kürze
- Wir Menschen hatten Sex mit anderen Arten – etwa dem Neandertaler.
- Unsere Neandertaler-DNA stammt vor allem von männlichen Neandertalern.
- Eine Studie legt nahe, dass Homo-sapiens-Frauen Neandertaler besonders attraktiv fanden.
Stämmige, kurze Beine, längliches Gesicht und fliehendes Kinn: Was heute vielleicht nicht unbedingt dem männlichen Schönheitsideal entspricht, brachte Frauen vor gar nicht allzu langer Zeit ins Schwärmen.
Das zumindest ist eine mögliche Interpretation einer neuen Studie zu Sex zwischen verschiedenen Menschen-Arten.
Richtig gelesen.
Eine US-Studie hat sich mit Neandertaler-Genen beschäftigt – Gene, die auch heute noch fast alle Menschen in sich tragen. Im Durchschnitt haben wir zwischen zwei und vier Prozent Neandertaler-DNA.
Der Grund dafür ist klar – Sex. Weniger klar ist der Grund für ein interessantes Detail: Analysen zeigen nämlich, dass unsere Neandertaler-DNA vor allem von Neandertaler-Männern stammt.
Die neue Studie zeigt, dass es nicht an Gender-Unterschieden bei der Fruchtbarkeit zu liegen scheint – sondern an sexuellen Vorlieben.
Unsere Männer kamen bei Neandertalerinnen schlecht an
April Nowell von der Universität Victoria in Kanada forscht seit Jahren zum Neandertaler. Sie erklärt bei Nau.ch: «Die Anteile von männlicher und weiblicher Neandertaler-DNA im modernen Menschen sind nicht gleich.»
Das ist bereits seit längerem bekannt.
Männliche Neandertaler und weibliche Homo sapiens haben also offenbar Nachkommen hinterlassen. «Bei der umgekehrten Paarung, also zwischen männlichen Homo sapiens und weiblichen Neandertalern, scheint das nicht der Fall zu sein.»
Die Frage, die sich also stellte: Liegt das daran, dass sie sich nie gepaart haben? Oder daran, dass sie sich zwar gepaart haben, aber keine fruchtbaren Nachkommen zeugen konnten?
«Diese neue Studie legt nahe, dass die Antwort lautet: Es gab eine starke geschlechtsspezifische Präferenz.»
Oder mit anderen Worten: «Homo-sapiens-Frauen bevorzugten Neandertaler-Männer, oder Neandertaler-Männer fanden Homo-sapiens-Frauen sehr attraktiv – oder beides!», sagt die Expertin.
Neandertaler sieht sich mit Vergewaltigungsvorwürfen konfrontiert
Die Erkenntnisse werfen jedoch eine neue Frage auf: Nahmen sich Neandertaler-Männer mit Gewalt, was ihnen gefiel – oder verguckten sich Homo-sapiens-Frauen reihenweise in Neandertaler?
Einige verleitet die Studie zur These, der stämmige, stärkere Neandertaler habe «unsere» Frauen massenhaft vergewaltigt.
Cousin, aber auch Vorfahr
Der Neandertaler ist kein Vorfahr von uns modernen Menschen, den Homo sapiens, eher ein Cousin. Heisst: Wir haben einen gemeinsamen Vorfahren, aus dem sich sowohl der Homo sapiens als auch der Neandertaler entwickelte. Aber bereits seit einigen Jahren ist klar: Ganz so schwarz-weiss ist es nicht. Unsere Homo-sapiens-Vorfahren hatten nämlich Sex mit Neandertalern, was sie auch zum Teil unseres Stammbaums macht.
«Mir gegenüber haben Journalisten die Studie sogar als Neandertaler-Vergewaltigungs-Theorie beschrieben», erklärt Expertin Nowell.
Sie habe aber noch nie einen Wissenschaftler oder eine Wissenschaftlerin so reden hören. Der Grund dafür ist simpel: «Die Studie sagt nichts über die Art der Begegnung von Neandertalern und Homo sapiens aus.»
Waren Neandertaler einfach die besseren Männer?
Es ist also völlig unbekannt, ob der höhere Anteil von Neandertaler-Männer-DNA auf Gewalt zurückzuführen ist.
Vielleicht waren Neandertaler auch einfach die besseren Männer – Affären oder sogar Liebe schliessen die Daten nämlich auch nicht aus.

Sowohl aus der Geschichte als auch aus aktuellen Statistiken wissen wir, dass Homo-sapiens-Männer gewalttätiger sind als Frauen. Beim Neandertaler-Mann dagegen gilt: Im Zweifel für den Angeklagten.
Denn die Art ist schon seit rund 40'000 Jahren ausgestorben – entsprechend gibt es weniger Beweise für Gewalt.
Keine Beweise für Konflikte zwischen Neandertalern und Homo sapiens
Gar keine Beweise zum Beispiel gibt es laut Nowell für Konflikte zwischen Neandertalern und Homo sapiens. «Das heisst nicht, dass sie nicht vorgekommen sind, nur, dass wir keine Beweise dafür haben.»
Es dürfte der Vergewaltigungs-Theorie trotzdem ein wenig den Wind aus den Segeln nehmen.
Was auch eher dagegen spricht: «Das weibliche Geschlecht wird in der Biologie oft als das wählerische Geschlecht bezeichnet», sagt Nowell. «Weibchen müssen sicher sein, dass sie den besten Partner wählen, da für sie so viel auf dem Spiel steht.»
Sie investierten meist – man denke schon nur an die Schwangerschaft – schliesslich mehr in den Nachwuchs als die Männchen.
Konnten unsere Vorfahrinnen zwischen einem Neandertaler und einem Artgenossen entscheiden, wählten sie also vielleicht bewusst den Neandertaler. Vielleicht war es sogar Liebe?
So anders waren Neandertaler wirklich
Beweise, dass sich Neandertaler und Homo-sapiens-Frauen liebten, gibt es keine. Möglich ist es zwar, doch auch diese Theorie hat ihre Schwächen. Vielleicht waren die beiden Arten nämlich doch zu unterschiedlich für Liebe und Zusammenleben.
«Neandertaler waren uns zwar sehr ähnlich, aber eben doch nicht gleich», sagt Nowell.
Die Unterschiede gehen über das Aussehen hinaus. «Für Studien wurden sozusagen Mini-Neandertaler-Hirne im Labor gezüchtet. Diese Tests zeigten, dass sich Neandertaler-Gehirne anders entwickeln als Homo sapiens-Gehirne.»

Diese Unterschiede hätten beispielsweise deutliche Auswirkungen auf die Fähigkeit, Sprache zu verarbeiten.
Kurz: Neandertaler waren wohl weniger eloquent als wir. Was natürlich nichts heissen muss. Aber mit Gedichten und Liebesliedern hätte ein Neandertaler-Lover wohl einen Homo-sapiens-Mann nicht übertrumpfen können.
«Gleichzeitig wissen wir: Homo-sapiens-Mütter konnten mit ihren Hybrid-Kindern kommunizieren und ihnen Liebe geben», sagt Nowell. Ansonsten hätten sie nicht erwachsen werden und ihre DNA weitergeben können.
Wichtig sei zudem zu betonen, dass solche Kreuzungen wahrscheinlich eher selten vorkamen.
Und: Die Neandertaler-DNA, die der moderne Mensch heute noch aufweist, dürfte laut aktuellem Forschungsstand zirka 50'000 Jahre alt sein. Doch die Neandertaler-DNA, die in der neuen Studie untersucht wurde, ist älter.
Wieviel sie also tatsächlich über das Sexleben deiner persönlichen Urururur (...) urgrosseltern verrät, ist fraglich.























