Decathlon verkauft Meitli-Bikinis – mit Cup-Schale für die Brust
Eine Mutter traut ihren Augen nicht, als sie bei Decathlon ein Badekleid für ihre Tochter (6) sucht, und im Regal solche mit gepolstertem Brustbereich findet.

Das Wichtigste in Kürze
- Cups für die Brust scheinen nun sogar bei Meitli-Bikinis dazuzugehören.
- Decathlon sagt, man wolle das «Schamgefühl der Mädchen in der Pubertät nicht verletzen.»
- Das sei Body Shaming und sexualisiere Mädchen, warnt Expertin Marianne Aepli.
Eine Mutter (38) aus dem Kanton Freiburg zeigt sich gegenüber Nau.ch schockiert. «Ich war mit meiner sechsjährigen Tochter bei Decathlon einkaufen, weil sie ein Badekleid brauchte. Da entdeckte ich im Kinder-Regal zahlreiche Badekleider oder Bikinis mit Brust-Einsätzen», sagt Cléa Reber*.
Es habe ihr fast die Stimme verschlagen. «Das ist in diesem Alter doch völlig absurd, Mädchen werden so sexualisiert! »
Dabei ist Decathlon lange nicht der einzige Anbieter mit Bikinis für Mädchen, die Brust-Cups enthalten.
Auch auf Zalando beispielsweise sind von diversen Marken solche Modelle erhältlich. Es gibt eine Kategorie «Sport-Bikinis mit herausnehmbaren Cups für Mädchen» – die Modelle sind ab Grösse 116 zu kaufen.
Das ist die Grösse, die Kinder mit fünf oder sechs Jahren tragen.
«Auf erwachsene Weiblichkeit getrimmt»
Was sagen Expertinnen und Experten zum Vorwurf, Mädchen würden dadurch sexualisiert?
Ja, das stimme, sagt Geschlechterwissenschaftlerin Marianne Aepli zu Nau.ch. «Mit den Cups im Bikini wird ein 8-jähriges Mädchen auf erwachsene Weiblichkeit getrimmt. Das entspricht weder seinem Körper, noch seiner sexuellen Entwicklung. Es ist der erwachsene Blick auf ein Mädchen.»
Das Mädchen erfahre damit, dass es interessant sei, im Bikinioberteil Wölbung und Volumen zu haben, so die Zugerin, die auch als Primarlehrerin arbeitet.
Decathlon verweist bei der Online-Beschreibung des Produkts darauf, dass die Cups keine Einlage seien, mit der die Form der Brust vergrössert werden könne.
«Zielsetzung der Cups besteht darin, das Schamgefühl von Mädchen in der Pubertät nicht zu verletzen. Damit sind Brustwarzen nicht sichtbar, wenn der Badeanzug nass ist», so der Text im Decathlon-Onlineshop.
Diese Beschreibung führt gemäss Marianne Aepli «zusätzlich als zweite Schiene auf ein body shaming bei Mädchen.» Kein Mädchen solle sich für seinen Körper schämen, so die Gender-Expertin. «Liest oder hört ein Mädchen diese Begründung, wird es bereits darauf hingewiesen, sichtbare Brustwarzen wären ein Grund, sich dafür zu schämen.»
Kinderschutz Schweiz: «Auf keinen Fall Scham vermitteln»
Etwas differenzierter sieht das Kinderschutz Schweiz.
Es sei entscheidend, «ob ein Produkt Kinder in ihrem Körpergefühl stärkt oder ob es ihnen vermittelt, ihr kindlicher Körper sei beschämend, störend oder müsse an erwachsene Schönheits- und Sexualisierungsnormen angepasst werden», so Kinderschutz Schweiz.
Cups in Badekleidern für sehr junge Mädchen könnten problematisch sein, wenn dadurch die Brust beziehungsweise Brustwarzen von Kindern als ein Körperteil benannt werde, das versteckt werden müsse.

Gleichzeitig sei Schamgefühl in der Pubertät real und – auch für Eltern und Sorgeberechtigte oder Fachpersonen – ernst zu nehmen.
Dass manche Mädchen nicht möchten, dass sich Brustwarzen unter nasser Kleidung abzeichnen, könne Ausdruck eines realen Bedürfnisses nach Privatsphäre und Schutz sein und sei zunächst Teil einer normalen Entwicklung.
«Entscheidend ist, dass solche Produkte nicht sexualisierend beworben werden und Mädchen auf keinen Fall Scham über ihren Körper vermittelt wird», so die Kindesschutz-Stelle.

Denn Schamgefühl und Privatsphäre seien entwicklungspsychologisch relevant. «Problematisch ist es, wenn bereits bei jungen Kindern ein Schutz vor Sichtbarkeit der Brustwarzen als Norm gesetzt wird», erklärt Kinderschutz Schweiz.
Wird Bedürfnis damit erst geschaffen?
Geschlechter-Expertin Marianne Aepli beurteilt die Argumentation des Sportartikel-Riesen auch aus ökonomischer Sicht. «Hier wird das junge weibliche Zielpublikum sexualisiert und möglicherweise verkauft sich das gut.»
Eltern würden das kaufen und Mädchen sich gerne damit zeigen. Das könne als vermeintliche Normalität empfunden werden. Doch sie fragt sich: «Entspricht das einem Bedürfnis oder wird ein Bedürfnis geschaffen?»
Decathlon: Sind herausnehmbar
Decathlon verweist auf Anfrage darauf, dass die Cups der Badeanzüge herausnehmbar sind. «Dank dem können die Mädchen – und auch ihre Eltern – entscheiden, ob der Badeanzug mit oder ohne Cups getragen werden soll. Je nachdem, wie sie sich wohlfühlen.»
Denn die «persönlichen Bedürfnisse und Empfindungen» würden von Mensch zu Mensch variieren und unterlägen kulturellen Unterschieden, so Decathlon.

Die Cups seien keine Einlage, mit der die Form vergrössert werden solle, betont auch der Decathlon-Sprecher gegenüber Nau.ch. «Sondern dienen dazu, dass die Brustwarzen bei einem nassen Badeanzug nicht abzeichnen.»
Das scheint Anklang zu finden. So werden viele dieser Bikinis online mit 4.8 von fünf Sternen bewertet.
Für Cléa Reber bleibt diese Art von Badeanzug für Kinder befremdlich. Sie selber habe nie einen solchen getragen. Und ist froh, dass es für ihre Tochter noch eine Alternative im Laden gab.
*Name von der Redaktion geändert















