Experte erklärt: Droht uns Klimasystem-Kollaps & extremeres Wetter?
Eine für Europa essentielle Meeresströmung im Atlantik wird schwächer. Bei einem totalen Stillstand droht uns extremes Wetter. Doch wie wahrscheinlich ist das?

Das Wichtigste in Kürze
- Eine wichtige Meeresströmung im Atlantik regelt unser Wetter in Europa.
- Kommt diese zum Erliegen, drohen uns extreme Wetterphänomene.
- Nau.ch hat bei einem Klimaforscher nachgefragt, wie wahrscheinlich dies ist.
Die Meeresströmungen im Atlantik beeinflussen das Wetter in Europa und somit in der Schweiz massgeblich. Kommen die Meeresströmungen, unter anderem der Golfstrom, zum Stillstand, drohen uns in Europa drastische Konsequenzen.
Darüber, dass sich die Ozeanströmungen abschwächen, sind sich Klimaforscher ziemlich einig. Die Frage, ob und wann sie ganz zum Erliegen kommen könnten, wird in der Wissenschaft kontrovers diskutiert.
Neuste Erkenntnisse lassen Wissenschaftler nun Alarm schlagen. Einige sind sich sicher: Das wichtige Zirkulationssystem wird mit hoher Wahrscheinlichkeit zusammenbrechen.
Nau.ch hat bei einem Klimaforscher nachgefragt, welche Auswirkungen im Falle eines Stillstands auf die Schweiz zu erwarten sind.
Nicolas Gruber ist ordentlicher Professor am Departement Umweltsystemwissenschaften der ETH Zürich. Er sagt: «Es ist unumstritten, dass die Amoc seit Beginn des 21. Jahrhunderts sich leicht abgeschwächt hat.»
Ozeanströmungen sind für unser Wetter verantwortlich
Mit «Amoc» meint Gruber die sogenannten atlantischen meridionalen Umwälzzirkulation, auf Englisch «Atlantic Meridional Overturning Circulation». Diese Ozeanströmung, zu der auch der Golfstrom gehört, transportiert warmes Wasser aus Äquatornähe zu uns nach Europa.
Dadurch beeinflusst die Amoc das Wetter in Europa und somit auch in der Schweiz massgeblich.
«Die Risiken sind beträchtlich»
Doch warum ist das nun relevant, dass sich die Amoc abschwächt? «Die Risiken sind beträchtlich», sagt Nicolas Gruber.
Zwar sei die Eintrittswahrscheinlichkeit eines totalen Stillstands der Zirkulation klein bis sehr klein, der mögliche Schaden jedoch sehr gross.
Auswirkungen auf die Schweiz
Das Klima in der Schweiz würde im Falle eines Kollapses der Amoc kontinentaler werden: «Generell würde es kühler werden und die Wetterlagen würden sich ändern. Man geht davon aus, dass sich die Kontraste zwischen Sommer und Winter verstärken würden», so der Klimaforscher.
In Bezug auf Veränderungen der Niederschläge seien zurzeit noch keine sehr präzisen Aussagen zu machen, daran werde momentan gearbeitet.

Auch abseits von Europa hat die Schwächung der Amoc Auswirkungen. An der Ostküste Amerikas führt sie beispielsweise zu einem Anstieg des Meeresspiegels, wie Meteo Schweiz schreibt.
Schwächt sich die Amoc bereits seit 100 Jahren ab?
Laut Gruber ist unklar, ob die Abschwächung der Amoc Teil von natürlichen Schwankungen ist. Es könne auch sein, dass es eine Fortführung eines Trends ist, der über die letzten 100 Jahre stattgefunden hat.
Zweiteres würde bedeuten, dass die Amoc kontinuierlich schwächer wird und somit wohl irgendwann zum Stillstand kommen würde.
Genaue Prognosen sind nicht möglich
Genaue Prognosen über die Entwicklung der Amoc sind laut Gruber nicht möglich. Auch Meteo Schweiz unterstützt diese Aussage. Direkte Beobachtungen des Phänomens gebe es nämlich erst seit 2004.
Dennoch bewertet eine kürzlich veröffentlichte Studie die Abschwächung der Strömung nun deutlich wahrscheinlicher als die bisherige Forschung. Bis zum Jahr 2100 soll die Strömung demnach um 42 bis 58 Prozent geschwächt werden.
Wahrscheinlichkeit eines Kollapses bis 2100 klein
Nicolas Gruber erwartet eine Abschwächung von ungefähr 30 Prozent bis Ende des 21. Jahrhunderts. Der Weltklimarat IPCC sei beim letzten Bericht zum Schluss gekommen, dass die Wahrscheinlichkeit eines Kollapses bis 2100 klein ist.
«Die neuen Studien widersprechen dem im Prinzip nicht, nur erhöhen sie die Wahrscheinlichkeit etwas. Sie zeigen auch auf, dass die Wahrscheinlichkeit nach 2100 höher ist, insbesondere in den hohen Szenarien», so Gruber.
Als Massnahme schlägt Gruber folgendes vor: «Netto Null so bald wie möglich und die globale Erwärmung so gering wie möglich halten. Das hält das Risiko klein, auch für viele andere Auswirkungen des Klimawandels.»

















