Nachhaltigkeit: Inwiefern ist Bauen ohne Energiekosten umsetzbar?
Nachhaltigkeit beim Bauen: Immer mehr Projekte setzen auf klimafreundliche Lösungen, die Strom und Heizkosten drastisch senken. Doch wie realistisch ist das?

Das Wichtigste in Kürze
- In der Schweiz sollen Gebäudeemissionen bis 2030 halbiert werden.
- Klimaneutrales Bauen reduziert Emissionen über den gesamten Lebenszyklus.
- Nachhaltige Baumaterialien sind aktuell noch teurer als konventionelle Baumaterialien.
Die Schweiz verfolgt das Ziel, bis 2050 klimaneutral zu sein. Um dieses Ziel zu erreichen, wurden Sektorziele festgelegt. Eines davon betrifft die Gebäudeemissionen. Diese sollen bis 2030 halbiert werden.
Um diese Ziele zu erreichen, müssen neue und innovative Ideen entwickelt werden. Dabei ist das Thema Klimaneutrales Wohnen ein wichtiger Faktor. Für einige ist Nachhaltigkeit im Bauen Zukunftsmusik, für andere jedoch schon Realität.
Was bedeutet klimaneutrales Bauen?
Wer klimaneutral baut, sorgt dafür, dass ein Gebäude über seinen gesamten Lebenszyklus möglichst keine Treibhausgase verursacht. Dazu werden emissionsarme Materialien genutzt, der Energieverbrauch durch Dämmung und erneuerbare Energien minimiert und nicht vermeidbare Emissionen durch Klimaschutzprojekte ausgeglichen. Ziel ist, die Klimabelastung des Gebäudes auf null zu reduzieren.
Nationale wie auch Internationale Zertifizierungen geben die Rahmenbedingungen für nachhaltiges Bauen vor. Zertifizierungen spielen eine wichtige Rolle für nachhaltiges Bauen, da sie die Einhaltung bestimmter Standards und Kriterien festlegen. Sie bieten Bauherren, Investoren und Nutzern eine verlässliche Orientierung und ermöglichen eine objektive Bewertung der Nachhaltigkeit eines Gebäudes.
Nachhaltigkeit bei Bautechnologien und Materialen
Wer heute mit möglichst geringen Energiekosten bauen möchte, kann bereits auf nachhaltige Lösungen setzen. Biogene Baustoffe wie Holz, Hanf, Lehm und Stroh sind besonders umweltfreundlich. Stroh und Lehm wird bereits von einigen Schweizer Schreinern und Architekten genutzt. Vor allem in der Innerschweiz sowie in den Kantonen Graubünden und Zürich sind mehrere Häuser aus Strohballen und Lehm entstanden.
In Nänikon im Kanton Zürich entstand 2020 nicht nur ein einzelnes Gebäude, sondern gleich eine ganze Siedlung. Sie ist die erste Strohballensiedlung der Schweiz.

Ein weiterer sehr interessanter biogener Baustoff ist Hanf. Er ist zu 100 Prozent recyclebar, was bedeutet, dass Gebäude aus Hanf am Ende ihres Lebenszyklus vollständig wiederverwertet werden können. Da rund 70 Prozent aller Treibhausgase beim Bauen entstehen, zählt das Recyceln und Erhalten von Gebäuden zu den effizientesten Klimaschutzmassnahmen.
Wo entstehen Schwierigkeiten?
Stand heute ist vollständig klimaneutrales Bauen noch eine Vision. In der Praxis dominieren nach wie vor konventionelle Bauweisen. Klimafreundliches Bauen ist häufig teurer als herkömmliche Methoden: Umweltfreundliche Materialien wie Lehm, Stroh oder Holz kosten oft mehr als umweltschädlichere Baustoffe wie Beton oder Zement.
Beton belastet das Klima besonders stark, weil sein Hauptbestandteil Zement viel CO2 produziert. Für Zement werden Kalk, Ton und Sand erhitzt, wobei durch die Hitze und Energieverbrauch aus fossilen Brennstoffen viel Treibhausgas entsteht. Schon bevor das Gebäude genutzt wird, belastet der Beton also das Klima stark.

Ein weiteres Hindernis ist die fehlende Industrialisierung alternativer Baustoffe. Die Bauindustrie ist mächtig und hat ihre Produktion mehrheitlich auf konservative Materialien eingestellt. Deshalb sind es meist kleine Betriebe oder einzelne Architekten, die alternative Bauweisen anbieten.
Für grosse Bauunternehmen stellen Mehrkosten und notwendige Produktionsumstellungen eine Hürde dar. Zudem befürchtet die Branche, dass höhere Bau- und Planungskosten zu steigenden Mieten führen könnte. Das wiederum erschwert die Akzeptanz in der Gesellschaft.
Schweizer Leuchtturmprojekte
Neben einzelnen Häusern aus biogenen Baustoffen entstehen in der Schweiz auch grössere nachhaltige Bauprojekte mit Fokus auf energieautarkes Wohnen. Mehrere Leuchtturmprojekte hat zum Beispiel die Umwelt Arena in Spreitenbach gemeinsam mit lokalen Partnern umgesetzt. Dazu gehört die CO2-neutrale Wohnüberbauung in Urdorf, in der Anwohnende innerhalb eines festgelegten Energieverbrauchs ohne Strom- und Heizkosten wohnen können.
In Opfikon gelang es zudem, in nur 25 Tagen die erste energetische Sanierung eines Mehrfamilienhauses aus dem Jahr 1956 durchzuführen. Ohne separate Fassadendämmung wurde der CO2-Ausstoss auf null gesenkt.
Was für viele vor einigen Jahren noch wie ein Zukunftsversprechen klang, konnte man in diesen Bauprojekten in der Realität umsetzen. Von dieser Nachhaltigkeit profitieren Anwohnende, Investoren und die Umwelt. Diese sogenannten Leuchtturmprojekte oder auch Pionierprojekte entstehen aktuell noch häufig aus gemeinnützigen Stiftungen. Steigt die Nachfrage nach solchen Projekten, ist es vorstellbar, dass man in Zukunft noch weitere sehen wird.















