Die Treibstoff-Krise in Grossbritannien könnte laut Branchenquellen mehrere Wochen lang andauern. Boris Johnson versucht währenddessen das Volk zu beruhigen.
Tankstelle UK England Grossbritannien
Reihenweise warten Briten vor einer Tankstelle – die Benzin-Krise in Grossbritannien dauert bereits einige Tage an. - Keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • In Grossbritannien fehlen rund 100'000 Lkw-Fahrer, was zu einer Treibstoffkrise führte.
  • An den Tankstellen des Landes bilden sich seit mehreren Tagen lange Warteschlangen.
  • Premier Johnson sagt, die Lage beruhige sich langsam – Branchenkenner widersprechen.

Kilometerlange Staus an Tankstellen und verzweifelte Menschen, die nicht an ihren Arbeitsplatz oder nach Hause kommen. Die Treibstoff-Krise in Grossbritannien dominierte auch am gestrigen Tag die Schlagzeilen in dem Land.

Am Dienstagmorgen hatten noch immer mehr als ein Drittel der Tankstellen im Land kein Benzin oder Diesel mehr. Der Grund für den Mangel? Die Regierung macht Hamsterkäufe dafür verantwortlich. Tankstellenbetreiber wie Shell, BP und Esso betonen hingegen, es gebe «reichlich Treibstoff in den britischen Raffinerien» – es fehlten aber die Fahrer zum Ausliefern. Brexit und Corona lassen grüssen!

England UK
Seit mehreren Tagen bilden sich vor den Tankstellen in Grossbritannien lange Warteschlangen.
England Benzin Krise treibstoff
Das Königreich steckt mitten in einer Treibstoff-Krise.
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Rund ein Drittel der Tankstellen in Grossbritannien haben keinen Treibstoff mehr.
Tankstellen Briten UK
Die britische Regierung macht Hamsterkäufe für den Mangel verantwortlich, doch laut den Tankstellen-Konzernen gäbe es in den Depots genug Treibstoff.

Offiziell rechnen die Treibstoff-Konzerne mit einer Normalisierung der Lage in den kommenden Tagen. Doch ein am Dienstag veröffentlichter Bericht der «Times» widerspricht dieser Prognose. Demnach haben Branchenquellen der Zeitung mitgeteilt, dass die Krise wochenlang andauern könnte – selbst wenn die Panikkäufe nachlassen.

Der Grund: Die Auffüllung der Tankstellen werde viel Zeit in Anspruch nehmen. Eine anonyme Quelle meinte, man erwarte, dass BP den ganzen nächsten Monat über weitere Probleme haben werde.

Boris Johnson will nicht von Krise sprechen

Boris Johnson versuchte am Dienstagabend das britische Volk zu beruhigen. Der Premierminister meinte, er sehe eine Verbesserung der Situation. Deshalb lehnte er auch eine Vorzugsbehandlung für systemrelevante Berufsgruppen ab.

Dies sei nicht nötig, da «sich die Lage jetzt stabilisiert», sagte Johnson. Er forderte die Bevölkerung auf, «ganz normal ihren Geschäften nachzugehen und zu tanken, wenn man es wirklich braucht». Zuvor hatten Gewerkschaften Vorrang an den Zapfsäulen für wichtige Berufsgruppen wie etwa Ärztinnen, Pfleger, Lehrpersonen oder Polizeikräfte gefordert.

Von einer Krise wollte Johnson während der Pressekonferenz hingegen nicht sprechen. Als ihm ein Reporter eine entsprechende Frage stellte, meinte der Premier: «Was wir hier sehen, ist eine Erholung nach einer globalen Pandemie.»

Faustkämpfe wegen Mangeln an Benzin

Die Treibstoffknappheit wirkte sich in Grossbritannien währenddessen bereits auf zahlreiche Bereiche des öffentlichen Lebens aus. So mussten beispielsweise verschiedene Amateur-Fussballspiele abgesagt werden, und Schulen sprachen über eine mögliche Rückkehr zum Online-Unterricht, wenn Lehrer die Klassenzimmer nicht erreichen können.

Lebensmittelhersteller warnten zudem davor, dass die bestehenden Probleme in der Lieferkette weiter verschärft werden könnten. Wie angespannt auch die Bürger des Landes sind, zeigten am Dienstag einige Streitereien vor den Tankstellen in London.

Fahrer gingen teilweise in den Warteschlangen mit Fäusten aufeinander los. Videos in den sozialen Medien zeigen die angespannte Stimmung im britischen Volk.

Soldaten sollen Tanklaster fahren

Wie geht es im Königreich nun weiter? Laut Berichten könnte der Einsatz der Armee schnelle Abhilfe bringen. Die britische Regierung hatte am Montagabend angeordnet, das Militär solle sich bereithalten.

Der Plan: Die Militärangehörigen sollen die Treibstoff-Tanker von den Depots zu den Tankstellen bringen. Rund 300 Soldaten sollen demnach zum Einsatz kommen.

Es gibt jedoch ein Problem, dass die Krise weiter verzögern könnte. Die Soldaten sind nämlich laut einem Bericht der «Daily Mail» zwar für das Lkw-Fahren qualifiziert, würden jedoch möglicherweise eine dreitägige Schulung fürs Betanken von Tankstellen benötigen.

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