Schon seit mehr als 120 Jahren gibt es eine Zugstrecke auf den Brocken. Die deutsch-deutsche Teilung macht dann den höchsten Berg Norddeutschlands für Zivilisten unerreichbar. Vor drei Jahrzehnten ändert sich das Bild erneut und wird an die Geschichte angeknüpft.
Heute ist die Brockenstrecke für die Harzer Schmalspurbahn GmbH das Zugpferd. Foto: Matthias Bein/dpa-Zentralbild/dpa
Heute ist die Brockenstrecke für die Harzer Schmalspurbahn GmbH das Zugpferd. Foto: Matthias Bein/dpa-Zentralbild/dpa - dpa-infocom GmbH

Das Wichtigste in Kürze

  • Ihr Pfeifen ist weithin hörbar, ihr Stampfen und Dampf kündigen sie an: Die Brockenbahn mit ihren rund 700 PS starken Lokomotiven ist eines der touristischen Highlights im Harz mit besonderer Geschichte.

Wer auf den 1141 Meter Brocken hinauf will, braucht eine Fahrkarte oder setzt auf eigene Muskelkraft und wandert oder radelt. Für den Autoverkehr ist der höchste Berg Norddeutschlands tabu.

Direkt an der innerdeutschen Grenze gelegen

Was heute ganz selbstverständlich erscheint, war es in der Zeit der deutsch-deutschen Teilung ganz und gar nicht. Der Brocken direkt an der innerdeutschen Grenze galt als strategisch wichtiger Punkt für den damaligen Ostblock. Er war zum militärischen Sperrgebiet erklärt worden: Von seinem Plateau aus sollte der westliche Luftraum ausgespäht werden, es gab Abhöranlagen und Richtfunksender. Für Zivilisten führte kein Weg auf den Berg. Dieser war von Ost wie West zwar sicht-, aber unerreichbar.

Am 3. Dezember 1989 erkämpften sich dann die Menschen den Zugang zur Kuppe, die von einer Mauer umgeben war. Bis die Brockenbahn die steile Strecke von Drei Annen Hohne über Schierke wieder bis zum Brockenbahnhof wieder fahren konnte, sollte es allerdings noch mehrere Monate dauern.

Erster Personenzug seit 30 Jahren

Am Mittag des 15. September 1991 rollte - gezogen von zwei fast 100 Jahre alten Dampfloks - der erste Personenzug seit 30 Jahren und 33 Tagen im Brockenbahnhof ein. Auf dem Gipfelplateau begrüssten tausende Besucher bei stahlendem Sonnenschein den Oldtimer. Jagdhorn-Melodien wie «So ein Tag, so wunderschön wie heute» und «Bergvagabunden», mischten sich - so berichteten Reporter - mit dem fröhlichen Pfeifen der Lok. 30 Jahre ist das her, an diesem Mittwoch erinnert die Harzer Schmalspurbahn (HSB) an die Wiederaufnahme des Brockenverkehrs.

Laut der HSB waren in den ersten Tagen nach der Wiedereröffnung die Züge völlig überfüllt und viele Gäste kamen nicht mit. Bis zum 31. Oktober 1991 fuhren noch weitere 28 Sonderzüge mit insgesamt 6160 Reisenden auf den Brocken. Danach wurden dringende Bauarbeiten an der Strecke fällig, so dass ein regelmässiger Verkehr zwischen Schierke und dem Brocken erst am 1. Juli 1992 aufgenommen werden konnte.

Heute ist die Brockenstrecke für die Harzer Schmalspurbahn GmbH, die das längste zusammenhängende Schmalspurstreckennetz Deutschlands betreibt, das Zugpferd. Mehr als 600.000 Menschen seien auf ihr jedes Jahr unterwegs zum Harzgipfel. 2019 waren es nach Unternehmensangaben beispielsweise 664.000 Gäste. Die Corona-Pandemie hat indes auch bei der Brockenbahn für Stillstand gesorgt: Im Frühjahr 2020 ruhte der Betrieb zunächst für 62 Tage, im zweiten Lockdown von November 2020 bis Juni 2021 sogar an 219 Tagen.

Wiederaufnahme durchaus umstritten

Die Wiederaufnahme des Zugverkehrs zum Brocken nach der Wiedervereinigung war durchaus heftig umstritten. Umweltschützer befürchteten einen «zerstörerischen Brockentourismus», wie sich Friedhart Knolle - heute Pressesprecher des Nationalparks Harz und vom Nationalpark Förderverein - erinnert. Schon damals sei klar gewesen, dass der Brocken ein Berg des Tourismus werden würde. Naturschützer engagierten damals sogar einen Anwalt, um gegen die Brockenstrecke vorzugehen. Verhindern konnten sie schliesslich nichts.

Dennoch sei die Bahn ein Eingriff in die Umwelt, verliere Öl und könne durch Funkenflug Waldbrände verursachen, stellt Knolle fest. Aber die Genehmigung für die Brockenbahn gebe es nun einmal schon seit 100 Jahren. «Was genehmigt ist, ist genehmigt.» Und Fakt sei: «Die Menschen lieben das qualmende Ungeheuer.»

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