Punk-Legende und Sex-Pistols-Frontmann: John Lydon wird 70

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Grossbritannien,

Als Johnny Rotten, Frontmann der Sex Pistols, war er in den 1970er-Jahren eine Leitfigur der Punk-Bewegung. Noch heute provoziert John Lydon gerne – und überrascht mit familientauglicher TV-Unterhaltung.

Mit seinen Sex Pistols mischte John Lydon, alias Johnny Rotten, in den 1970er-Jahren die Musikszene auf.
Mit seinen Sex Pistols mischte John Lydon, alias Johnny Rotten, in den 1970er-Jahren die Musikszene auf. - KEYSTONE/AP/CHARLES KELLY

John Lydon ist immer für eine Überraschung gut. Kurz vor seinem 70. Geburtstag vom Samstag sorgte er zu Jahresbeginn in der britischen Ausgabe der TV-Show «The Masked Singer» für Lacher. Der ehemalige Frontmann der Sex Pistols trat dort als zotteliges Yak auf und krächzte Tom Jones' «Sex Bomb» und Olivia Newton-Johns «Physical».

Warum er mitmachte? «Erstens zum Spass», sagte Lydon in der britischen Sendung «This Morning». «Vor allem – um ehrlich zu sein – wegen des Geldes.» Mit dem Honorar habe er die Aufnahmen für ein Album seiner Band Public Image Ltd (PiL) finanzieren können – «und einen kleinen Urlaub im Anschluss.»

Dass einige Kritiker die Nase rümpfen, amüsiert Lydon. «Die sollen zur Hölle fahren», sagte er. «Ich bin immer für einen Spass zu haben. Und Sachen, die die ganze Familie schauen kann – das ist doch super, oder?»

Das einstige Enfant terrible der britischen Musikszene irritierte in den letzten Jahren viele Punks mit seinen politischen Äusserungen. So sprach sich Lydon, der abwechselnd in Los Angeles und London lebt, für den Brexit aus und berichtete, er habe US-Präsident Donald Trump gewählt.

Zwar möge er Trump überhaupt nicht, der sei «ein abscheulicher kleiner Wicht» und kein Politiker, so Lydon im «NME»-Interview. Aber es sei an der Zeit, etwas anderes zu probieren.

Vielleicht hat Lydon auch einfach nur Spass an der Provokation. Dabei ist er heute deutlich milder unterwegs als früher, als er seine Gesprächspartner in Interviews regelmässig – und genüsslich – mit Provokationen zur Verzweiflung brachte.

Als aggressiver Rüpel Johnny Rotten – ein Künstlername – war der in London geborene Sohn irischer Einwanderer vor allem in den 1970ern eine absolute Reizfigur. Die provokanten Texte der Sex Pistols schockierten das britische Establishment. Vor allem die Single «God Save The Queen», die zum silbernen Thronjubiläum von Königin Elizabeth II. erschien, erzürnte mit der Zeile «the fascist regime» (das faschistische Regime) viele Briten.

«Ich hatte nie etwas gegen sie als Menschen», sagte Lydon der Deutschen Presse-Agentur in London. «Ich hatte etwas gegen die Institution. Und damit hab ich mir viele Feinde gemacht.» Er wurde auf der Strasse bepöbelt, sogar mit dem Messer angegriffen. «Davon stand nie etwas im Handbuch «Wie man ein Popstar wird»«, scherzte der Sänger, der ein entschiedener Gegner von Gewalt ist.

Im Januar 1978 zerbrachen die Sex Pistols auf einer US-Tour. «Wir hatten die Nase richtig voll voneinander», sagte Lydon der dpa. Drei Jahre und ein einziges Album – der Klassiker «Never Mind The Bollocks, Here's The Sex Pistols» – genügten den Sex Pistols, um eine der bekanntesten und einflussreichsten Bands der Musikgeschichte zu werden.

Um der Anführer der Punk-Revolution zu werden, musste John Joseph Lydon seine Schüchternheit überwinden. Hinter der Fassade des unberechenbaren Punk-Frontmanns verbarg sich eine sensible Persönlichkeit. Aufgewachsen in ärmlichen Verhältnissen, zog er als Kind oft den Kürzeren, wenn Nachbarskinder es auf den schüchternen Jungen abgesehen hatten.

Mit sieben Jahren fiel er durch eine Hirnhautentzündung ins Koma und verlor sein Gedächtnis. Nicht einmal seine Eltern erkannte er wieder. Das traumatische Erlebnis prägte ihn fürs Leben. «Ich habe immer noch Alpträume, wenn ich schlafen gehe», berichtete er, «dass ich aufwachen könnte, und dann nicht mehr weiss, wer ich bin.»

Später habe ihm diese Erfahrung geholfen, als seine Frau Nora Forster an Demenz erkrankte. «Ich schaue zu, wie der wunderbarste Mensch auf der Welt langsam abbaut, und es ist unglaublich schmerzhaft für mich», erzählte Lydon 2021 im dpa-Interview. Bis zu ihrem Tod im April 2023 pflegte er Nora, die er liebevoll Babby nannte.

Seit 1979 war er mit der 15 Jahre älteren Deutschen verheiratet. Gemeinsame Kinder hatten sie nicht. Die Vaterrolle übernahm er dennoch für einige Jahre. 2000 bekam das Paar das Sorgerecht für Noras Enkel. Die Zwillingssöhne der 2010 gestorbenen Punk-Sängerin Ari Up waren damals im Teenager-Alter und rebellierten. «Denen hat meine autoritäre Position zu Hause nicht gefallen», so Lydon. «Aber sie sind zu liebevollen Menschen herangewachsen.»

Musikalisch ging es für Lydon nach den Sex Pistols direkt weiter. Er gründete Public Image Ltd, kurz PiL. Zu den grössten Hits der Postpunk-Band zählen «This Is Not A Love Song» (1983) und «Rise» (1986). Nach längerer Pause, in der er wieder mit den Sex Pistols auftrat, ist er mit PiL bis heute aktiv. Das bislang letzte Album «End Of World» erschien 2023.

Dass er zuerst mit den Sex Pistols assoziiert wird, ist Lydon recht. «Dafür werde ich ewig dankbar sein», sagte er im dpa-Interview. «Ich bin stolz drauf.» Die Pistols aber treten inzwischen ohne ihn mit Frontmann Frank Carter auf. Lydon bezeichnete das als «Karaoke».

Sein Terminkalender ist voll. In diesem Jahr ist er mit PiL auf Welttournee – das Motto: «This Is Not The Last Tour».

Als er im ITV-Gespräch gefragt wurde, was der 21-jährige Johnny Rotten vom 70-jährigen John Lydon denken würde, grinste er und antwortete: «Er würde denken, ich sei der schönste alte Sack der Welt.»

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