Nach Kühlsystemen: Hacker könnten sogar Herzschrittmacher angreifen!
Viele medizinische Geräte sind mit dem Internet verbunden und teils ungenügend geschützt. Ein gezielter Angriff wäre laut Fachleuten eine neue Eskalationsstufe.

Das Wichtigste in Kürze
- Experten warnen vor möglichen koordinierten Angriffen auf Europas Infrastruktur.
- Cyberattacken auf Kühlanlagen trafen mehrere Länder, darunter auch die Schweiz.
- Besonders gefährdet sind vernetzte Geräte in Spitälern, Stromnetzen und Verkehrssystemen.
Sicherheitsexperten warnen vor einer wachsenden Gefahr hybrider Angriffe auf Europas kritische Infrastruktur. Hintergrund sind Cyberattacken auf Kühlsysteme in Supermärkten sowie Bombendrohungen gegen zahlreiche Passagierflüge.
Wer hinter den Vorfällen steckt, ist bislang nicht geklärt. Mehrere Experten halten jedoch eine koordinierte Kampagne eines staatlichen Akteurs für möglich.

Der Verdacht richtet sich seit Längerem gegen Russland. Der Kreml weist das jedoch zurück. Kremlsprecher Dmitri Peskow reagierte damit auf dänische und schwedische Medienberichte, die zwei prorussische Gruppen verdächtigen.
«Das sind absurde Behauptungen», sagte er vor Journalisten. Die Anschuldigungen stützten sich auf keinerlei Beweise. Prorussische Hackergruppen haben sich zwar zu mehreren Angriffen bekannt, ob sie wirklich dahinterstecken, ist jedoch umstritten.
Cyberangriffe treffen Kühlanlagen und Flugverkehr
Zu Wochenbeginn wurden Kühlsysteme in mehreren europäischen Ländern manipuliert. Dabei stiegen die Temperaturen in einzelnen Anlagen stark an, Lebensmittel verdarben.
Betroffen waren unter anderem Geschäfte in Grossbritannien, Belgien, Schweden und Frankreich.
Auch die Schweiz blieb nicht verschont: Nachdem in der Berner Metzgerei «Lüthi's Fleischwaren» die Steuerung der Kühl- und Tiefkühlanlagen manipuliert wurde, bleibt die Filiale vorübergehend geschlossen.
Parallel dazu führten Bombendrohungen gegen mehr als 40 Flüge zu Umleitungen, Notlandungen und Einsätzen von Kampfjets.
Experten vermuten mögliche hybride Kampagne
Niklas Granholm von der schwedischen Verteidigungsforschungsagentur FOI, sagte der «Sun», das Gesamtbild deute auf «eine organisierte hybride Kampagne» hin.
Dabei würden verschiedene gesellschaftliche Bereiche angegriffen, während der Urheber schwer oder gar nicht eindeutig zu identifizieren sei.
Als mögliches Motiv Russlands nennt Granholm den Versuch, Europas Unterstützung für die Ukraine zu schwächen. Belege für eine russische Urheberschaft gibt es jedoch nicht.
Menschen könnten wegen Hacks im Spital sterben
Besonders verwundbar seien sogenannte Internet-of-Things-Systeme, also vernetzte Geräte wie Kühlanlagen, Verkehrssysteme oder medizinische Geräte.
Heli Klaar vom German Marshall Fund warnt gegenüber der «Sun», viele solcher Geräte seien nur unzureichend geschützt.
«Viele medizinische Geräte sind mit dem Internet verbunden. Wir wollen nicht, dass Menschen in Spitälern sterben, weil sie überhitzen oder Herzschrittmacher Fehlfunktionen aufweisen. Das ist definitiv eine Bedrohung.»
Nationale Cyberbehörden müssten diese Schwachstellen deshalb dringend überprüfen.
Auch Energiesysteme gelten als mögliches Angriffsziel. Jamie MacColl vom Royal United Services Institute verweist auf zahlreiche internetfähige Sensoren in Stromnetzen, Solaranlagen und Windkraftsystemen. Solche Systeme könnten teilweise weniger sicher konstruiert sein als nötig.
Europäische Staaten verstärken ihre Vorsorge
Experten betonen zugleich, dass eine Zuschreibung der jüngsten Angriffe an Russland derzeit verfrüht wäre.
MacColl weist jedoch darauf hin, dass bei den Cyberattacken kein offensichtliches finanzielles Motiv erkennbar sei. Deshalb komme neben staatlichen Akteuren auch eine staatlich unterstützte Hackergruppe infrage.
Mehrere europäische Länder verstärken inzwischen ihre Vorsorge. Grossbritannien empfiehlt der Bevölkerung, Vorräte für mehrere Tage anzulegen.
Auch Schweden, Finnland und Polen haben ähnliche Empfehlungen ausgesprochen. Hintergrund ist die Sorge, dass Angriffe auf Wasser-, Energie-, Transport-, Logistik- oder Finanzsysteme weitreichende Folgen haben könnten.
Klaar warnt insbesondere davor, dass Cyberangriffe auf medizinische Systeme eine neue Eskalationsstufe darstellen würden. Sollte ein solcher Angriff gezielt Menschenleben gefährden, wäre dies ihrer Einschätzung nach «ein völlig anderes Spiel».















