Ist es schon die Inszenierung der künftigen «Zitrus-Koalition»? Ein scheinbar legeres Insta-Selfie der Chefunterhändler von Grünen und FDP dokumentiert auf jeden Fall einen neuen Politikstil.
FDP-Generalsekretär Volker Wissing, Annalena Baerbock, Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, der FDP-Vorsitzende Christian Lindner und Robert Habeck, Co-Bundesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen (von links nach rechts). Foto: Volker Wissing/FDP/dpa
FDP-Generalsekretär Volker Wissing, Annalena Baerbock, Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, der FDP-Vorsitzende Christian Lindner und Robert Habeck, Co-Bundesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen (von links nach rechts). Foto: Volker Wissing/FDP/dpa - dpa-infocom GmbH

Das Wichtigste in Kürze

  • Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte - jetzt auch wieder.

Das Foto, über das seit der Nacht auf Mittwoch gesprochen wird, ist eigentlich ein ganz normales Selfie. Und doch könnte es ein Zeitdokument werden.

Gemacht hat es FDP-Generalsekretär Volker Wissing, jedenfalls hat er die typische «Ich hab den längsten Arm, lasst mich das eben machen»-Haltung. Neben ihm steht mit hauchzartem Lächeln die bisherige grüne Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock, schräg hinter ihr FDP-Chef Christian Lindner, der mit seinem Karo-Sakko noch am konventionellsten wirkt, und rechts im Vordergrund, gewohnt bärig-relaxt, der grüne Co-Vorsitzende Robert Habeck. Ein Doppel-Date.

Das Bild war am Mittwoch einfach überall. Kurz vor Mitternacht hatten es die vier Politiker zeitgleich auf ihren Instagram-Accounts gepostet. Dazu schrieben sie: «Auf der Suche nach einer neuen Regierung loten wir Gemeinsamkeiten und Brücken über Trennendes aus. Und finden sogar welche. Spannende Zeiten.» Unterschiede gab es nur bei den über das Bild gelegten Filtern. Ausserdem sind die geposteten Bilder quadratisch - bis auf das von Robert Habeck. Schon das lässt Interpretationsspielraum, wie ein Twitter-Nutzer beweist: «Habeck ist der einzige, der weiss, wie man auf Instagram rechteckige statt quadratische Bilder postet. Neuer Digitalminister!»

Ist das nun schon die Inszenierung der künftigen «Zitrus-Koalition» aus zitronengelb und limettengrün? Auf jeden Fall liegen gefühlt weit mehr als vier Jahre zwischen diesem Instagram-Bild und den Fotos, die zum Symbol der gescheiterten Verhandlungen über eine Jamaika-Koalition vor vier Jahren wurden: Sie zeigten Politiker wie Christian Lindner, Angela Merkel, Katrin Göring-Eckardt und Cem Özdemir auf dem Balkon des Palais der Parlamentarischen Gesellschaft - ein Dekor aus der Kaiserzeit mit mächtigen Säulen, Balustraden und Kronleuchtern. Ein Dekor von vorgestern.

Das Selfie ist geradezu der Gegenentwurf dazu. Wo es aufgenommen worden ist, bleibt unklar. Es könnte ein Büro sein, ein Hotelzimmer oder eine Privatwohnung. Aus der Decke scheint ein Kabel zu hängen, was es noch beiläufiger wirken lässt. Aber hier darf man sich wohl nicht täuschen: «Es ist kein zufälliges Bild, sondern vollständig durchgestylt», analysiert der Münchner Soziologe und Buchautor Armin Nassehi («Theorie der digitalen Gesellschaft») im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur.

«Bild ist ein Statement»

«Klar, auf den ersten Blick sieht es aus wie Klassenausflug, "wir sind zehn Minuten zu spät und hoffen, dass wir keine Strafe kriegen"». Aber das ist alles durchgeplant.» Die vier Personen wollen sympathisch rüberkommen. Der parteipolitische Gegensatz zwischen ihnen ist aufgehoben, weil sie in der Reihung FDP, Grüne, FDP, Grüne nebeneinander stehen. Das alles nur zwei Tage nach der Bundestagswahl, vor der sich beide Parteien noch mit Schmähungen überzogen hatten.

«Das Bild ist ein Statement», sagt Nassehi. «Es ist ein selbstbewusstes Signal, dass man die Machtsymmetrie umlenkt. Denn eigentlich ist es ja so, dass der Grosse als erster Gespräche anbietet. Jetzt ist es umgekehrt, und das zeigt dieses Foto sehr deutlich.» FDP und Grüne sind die Königsmacher - sie bestimmen, wer am Ende auf den republikanischen Thron kommt, ins Kanzleramt.

Die grüne Berliner Wirtschaftssenatorin Ramona Pop kommentiert auf Twitter: «So könnte eine neue politische Kultur aussehen: Gemeinsame Kommunikation und Wertschätzung statt Durchstechereien und übereinander herziehen. Chapeau. Der Post bei Instagram zeigt auch, dass dieser Kanal immer wichtiger wird.»

Letzteres hat wohl auch damit zu tun, dass Grüne und FDP die beiden beliebtesten Parteien bei den Jungwählern zwischen 18 und 24 Jahren sind. Bei den Erstwählern ist die FDP sogar die Nummer eins. Mit Pressemitteilungen im Stil von «Wir haben sieben Themenfelder abgesteckt» kann diese Anhängerschaft nichts anfangen. Zwar dokumentiert das Selfie, dass Koalitionen nach wie vor in Hinterzimmern geschmiedet werden, doch gleichzeitig beweist es eben auch, dass sich der Politikstil geändert hat. Die noch amtierende Kanzlerin machte sich einst zum Gespött mit dem Satz «Das Internet ist für uns alle Neuland». Jetzt reklamieren Grüne und Liberale nach 16 Jahren Merkel für sich ein Ende des «Weiter so». Damit treffen sie den Nerv der jungen Generation, die nicht nur bei Digitalisierung und Klimaschutz um ihre Zukunft fürchtet - und den Satz von der sicheren Rente noch nicht mal kennt.

Die Anzugmänner der beiden alten Volksparteien CDU/CSU und SPD und ihr Agieren vor dem hauptstädtischen Pressekorps wirken dagegen zwangsläufig etwas altbacken. Wie sehr das Insta-Selfie den Nerv der Zeit trifft, zeigen gerade die vielfältigen satirischen Verfremdungen im Netz, von der ZDF-«heute show», die einen winkenden Armin Laschet mit hineinmontiert, über einen Vergleich mit einem Bild der Band Silbermond bis zu einem Meme, bei dem Wissing, Baerbock, Lindner und Habeck im Quartett singen. All dies trägt zur millionenfachen Verbreitung bei und sorgt dafür, dass auch der Letzte mitbekommt: Da tut sich was in Berlin.

Mehr zum Thema:

Christian Lindner Digitalisierung Angela Merkel Kanzleramt Regierung Instagram Internet Twitter Strafe CSU ZDF SPD FDP Selfie