Experte: EU hat den Ceuta-Test «nicht bestanden»
Zehntausende Menschen gelangten aus Marokko in die spanische Exklave Ceuta. Alle Entwicklungen im Nau.ch-Ticker.

Ausnahmezustand an der EU-Aussengrenze: Mehr als 50'000 Menschen sind seit Donnerstag aus Marokko in die spanische Exklave Ceuta gelangt. Die örtlichen Behörden sprechen sogar von bis zu 60'000 Migrantinnen und Migranten.
Mindestens 72 Menschen kamen ums Leben, mehr als 1000 Menschen mussten medizinisch behandelt werden.
Inzwischen hat sich die Lage etwas beruhigt. Die grosse Mehrheit der Angekommenen ist nach Marokko zurückgekehrt, neue Übertritte wurden zuletzt kaum noch registriert.
In Ceuta halten sich aber weiterhin Hunderte Migrantinnen und Migranten auf. Viele ohne feste Unterkunft und mit wenig Aussicht, auf das spanische Festland weiterreisen zu können.
Unklar bleibt, was den plötzlichen Massenansturm ausgelöst hat. Die neusten Entwicklungen erfährst du im Ticker von Nau.ch.
Experte: EU hat den Ceuta-Test «nicht bestanden»
Sicherheitsexperte Carlo Masala sieht im Ansturm auf Ceuta ein mögliches Warnsignal für die EU. Falls es sich um einen hybriden Angriff gehandelt habe, habe Europa den Test nicht bestanden.
Das sagte der Professor der Universität der Bundeswehr München gegenüber «Focus».
Masala verweist auf das Beispiel Belarus und Russland im Jahr 2021. Damals seien Migranten gezielt an die polnische Grenze gebracht worden, um die Reaktion Polens und der EU zu testen. Ein ähnliches Muster sei auch im Süden Europas nicht ausgeschlossen.
Zu Ceuta sagt Masala, es gebe Hinweise, dass die Vorgänge in Marokko organisiert oder zumindest unterstützt worden seien.
Zudem seien in sozialen Netzwerken gezielt Falschinformationen verbreitet worden. Ein rein spontaner Ansturm von Zehntausenden Menschen sei aus seiner Sicht wenig plausibel.

Besonders kritisch bewertet Masala die Reaktion der EU. Statt sich klar hinter Spanien zu stellen und gemeinsam Druck auf Marokko auszuüben, hätten mehrere Staaten Madrid kritisiert oder sich auf nationale Grenzsicherung zurückgezogen.
«Das ist natürlich genau die Spaltung, die ein externer Akteur haben möchte», sagt Masala.
Zusätzlich hätten russische Accounts Bilder und Falschinformationen verbreitet. Solche Bilder könnten das Gefühl einer massiven Bedrohung verstärken und auch kommende Wahlen beeinflussen.
Masalas Fazit: Ob Ceuta tatsächlich ein gezielt inszenierter hybrider Angriff war, sei offen. Die Krise habe aber gezeigt, wie verwundbar die EU bei Migration, Zusammenhalt und gemeinsamer Reaktionsfähigkeit bleibt.
Auch vier Tage nach der Ankunft zahlreicher Migrantinnen und Migranten aus Marokko befinden sich weiterhin viele Menschen in Ceuta. Während die spanische Exklave versucht, die Situation zu bewältigen, bleibt das Militär in Sichtweite und überwacht die Lage vor Ort.
Nach Angaben spanischer Medien sollen sich derzeit noch zwischen 3000 und 5000 Migrantinnen und Migranten in Ceuta aufhalten.
Viele der verbliebenen Menschen verbrachten die vergangene Nacht unter freiem Himmel am Strand. Das Bild am gesamten Strand von Ceuta wird derzeit von zahlreichen Migrantinnen und Migranten aus Marokko bestimmt.
Einige entzündeten kleine Feuer, andere suchten Schutz in Decken gehüllt. Weitere waschen sich am Morgen im Meer, während sie weiterhin vom Militär beobachtet werden.
Für viele Einwohnerinnen und Einwohner von Ceuta ist der Alltag noch weit von einer Rückkehr zur Normalität entfernt
Marokko-Polizei rief: «Rennt, rennt nach Spanien!»
Der 44-jährige Marokkaner Youssef El Abbas berichtet gegenüber dem «Guardian», marokkanische Polizisten hätten Migranten zur Grenze nach Ceuta durchgelassen und gerufen: «Geht, geht, geht! Rennt jetzt, rennt nach Spanien.»
Zugleich seien Menschen aus Subsahara-Afrika gewaltsam zurückgedrängt worden.

El Abbas lebte früher 14 Jahre in Spanien, wurde aber 2019 nach Marokko abgeschoben. Seine Frau und vier Töchter wohnen weiterhin in Bilbao. «Ich habe nie aufgehört, an meine Rückkehr zu denken», sagt er.
Beim Schwimmen nach Ceuta habe er mehrere Tote im Wasser gesehen. Mindestens 72 Menschen sollen beim Versuch, die spanische Exklave zu erreichen, ertrunken oder zerquetscht worden sein.

Spanien macht «Menschenhändler-Mafias» für den Ansturm verantwortlich. Es gibt aber auch Spekulationen, Marokko habe die Grenze aus politischen Gründen gelockert. Marokko weist das zurück und spricht von kriminellen Organisationen.
In Ceuta schlafen weiterhin Hunderte Menschen im Freien. Ein Weiterkommen aufs spanische Festland scheint kaum möglich. Unter ihnen ist auch der 17-jährige Said aus Casablanca. Er hofft auf einen Platz in einem Schutzheim, will Spanisch lernen und später als Coiffeur arbeiten.
Ein Video von rund 30 lachenden Marokkanern könnte den jüngsten Migranten-Ansturm auf die spanische Exklave Ceuta ausgelöst haben. Das sagt eine Migrationsexpertin gegenüber der «Daily Mail».

In der Aufnahme zeigen die Männer Peace-Zeichen und strecken die Daumen in die Kamera. Einige halten dabei provisorische Ausweis- oder Registrierungspapiere in die Höhe. Die Kamera schwenkt über die Gruppe, während sich die Männer vor der Sonne an Mauern, am Strassenrand und unter Bäumen verstecken.
Der Clip trägt die Bildunterschrift «stay safe», dazu Hashtags zu Ceuta sowie die Einblendungen «thank you Spain» und «safe arrival to you». Das Video sei auf Facebook veröffentlicht worden, wenige Tage bevor mehr als 60'000 Migranten in das nur gut 18 Quadratkilometer grosse Gebiet mit 84'000 Einwohnern strömten.
Am Vorabend des Massenansturms sei zudem ein weiterer Clip auf Tiktok aufgetaucht. Er zeige ein Gebäude in der marokkanischen Stadt Tetouan, in dem offenbar Neoprenanzüge und Schwimmflossen verkauft würden.

«Schaufenster für die eigenen Leute»
Myriam Cherti, leitende Forscherin am «Centre on Migration, Policy and Society» der Universität Oxford, sieht das Video als Grund für den Massenansturm. «Der erste Post kam am Samstag, eine Gruppe junger Marokkaner, die es nach Ceuta geschafft hatten und die Nachricht teilten, dass sie sicher angekommen waren», sagt Cherti.
«Es waren 20 bis 30 Personen, das ist eine Art Schaufenster für die eigenen Leute.»

Cherti beobachtete danach, wie sich ähnliche Videos von einer Plattform zur nächsten verbreiteten. Unter anderem seien Beiträge mit dem Satz «El Ghorva ruft» aufgetaucht – ein Ausdruck dafür, im Ausland zu leben.
«Ich habe meinen Kolleginnen und Kollegen gesagt, sie sollen am Mittwoch aufpassen. Am Donnerstag war es dann in sämtlichen Nachrichten», so die Forscherin.
Spanische Polizeigewerkschaften sprechen von «Sogfaktor»
Der virale Trend habe Menschen aus verschiedenen Regionen Marokkos dazu bewogen, in Richtung Tetouan und der Nachbarstadt Fnideq zu reisen und den öffentlichen Verkehr zu überlasten.
«Die Bahnhöfe waren am Donnerstag überfüllt, auch der Schnellzug nach Tanger. Um neun Uhr morgens waren sie noch leer, zwei Stunden später komplett voll», berichtet Cherti.
Videos von Menschen, die in die Züge stiegen, hätten den Eindruck vermittelt, die Grenze sei offen und jetzt sei die Gelegenheit da, sie zu überqueren.

Nach Einschätzung der Expertin dürfte auch ein Entscheid des spanischen Obersten Gerichts vom Juli eine Rolle gespielt haben. Migranten, die auf dem Seeweg ankommen, können demnach nicht mehr ohne ordentliches Verfahren sofort zurückgeschickt werden.
Spanische Polizeigewerkschaften sprechen laut «Daily Mail» von einem entsprechenden «Sogfaktor».
Grenze von Ceuta seit Pandemie geschlossen
Die Grenzen der spanischen Exklaven Ceuta und Melilla waren einst offen für den täglichen Handel, wurden während der Pandemie geschlossen und blieben es seither dauerhaft. Der dadurch entstandene Verlust von Arbeitsplätzen habe laut Cherti dazu beigetragen, dass viele Menschen weiterhin versuchen, die Grenze illegal zu überqueren.
«Viele, mit denen ich gesprochen habe, wissen selbst nicht mehr, wie oft sie es schon versucht haben», sagt sie. «Sie werden aufgegriffen und zurückgeschickt, es wird zu einer persönlichen Herausforderung. Die Grenze zu schliessen, wird sie nicht unbedingt aufhalten.»

Laut der Migrationsforscherin hat sich zudem die Zusammensetzung der Migrantinnen und Migranten verändert. Wurde die Bewegung früher vor allem jungen Menschen getragen, seien inzwischen auch ganze Familien, Menschen mit Behinderungen und alleinreisende Frauen darunter. Dies habe die marokkanischen Grenzbeamten zunehmend überfordert, teils hätten sie selbst Menschen retten müssen.
Marokko macht Falschinformationen mitverantwortlich
Derweil hat die marokkanische Regierung in ihrer ersten offiziellen Reaktion unter anderem Falschinformationen im Internet für die Krise mitverantwortlich gemacht. Der Andrang der Migranten sei nicht organisiert gewesen, sondern spontan zustande gekommen, sagte ein Sprecher des Innenministeriums.
Er machte die Verbreitung falscher Informationen im Netz, Aktivitäten von Schleusern und eine Falschinterpretation des spanischen Gerichtsurteils verantwortlich. Das marokkanische Innen,inisterium geht nach eigenen Angaben davon aus, dass rund 40'000 Migranten Ceuta erreichen wollten.
Gut 1100 weitere sollen versucht haben, Melilla zu erreichen – die zweite spanische Exklave in Nordafrika, die wie Ceuta landseitig von Marokko und seeseitig vom Mittelmeer umschlossen wird. Der Sprecher erklärte am Sonntag weiter, die Regierung in Rabat arbeite mit den spanischen Behörden zusammen und bleibe bei der Bekämpfung irregulärer Migration ein zuverlässiger Partner.























