Ceuta-Ansturm: Darum wollen so viele Marokkaner nach Spanien
Zehntausende junge Menschen aus Marokko versuchen ihr Glück in Spanien. Doch warum verlassen so viele ihre Heimat?

Das Wichtigste in Kürze
- Über Land und Meer erreichen Zehntausende Marokkaner die spanische Exklave Ceuta.
- Im Jahr 2025 ging Marokkos Jugend auf die Strasse – gegen Korruption und für mehr Bildung.
- Die Regierung Marokkos soll ihr Geld nicht in Prestigeobjekte investieren, sondern stattdessen in die Bevölkerung.
Tausende junge Menschen schwimmen durchs Meer, um die spanische Exklave Ceuta zu erreichen. Innerhalb weniger Tage kamen Zehntausende Menschen in der kleinen Stadt an der nordafrikanischen Küste an.
Spanische Behörden schätzen die Zahl der Ankommenden auf rund 50'000.

Madrid entsandte Soldaten nach Ceuta, um die Lage unter Kontrolle zu bringen. Ceutas Regionalpräsident forderte die spanische Regierung zudem auf, den Notstand auszurufen.
Ceuta und die zweite Exklave Melilla gehören als spanische Städte zur Europäischen Union. Sie liegen jedoch auf dem afrikanischen Kontinent, direkt an der Grenze zu Marokko.
Ein Gerichtsurteil löst eine «Explosion» aus
Ein Urteil des Obersten Gerichtshofs in Spanien soll die Lage verschärft haben. Demnach dürfen Menschen, die Ceuta oder Melilla auf dem Seeweg erreichen, nicht sofort nach Marokko zurückgeschickt werden.
Seither machten sich deutlich mehr Migranten auf den Weg. Ein Sprecher der spanischen Bundespolizei Guardia Civil sprach gegenüber dem «Spiegel» zuletzt von einer regelrechten «Explosion».
Marokkos Regierung macht sogenannte «kriminelle Netzwerke» für den Ansturm verantwortlich. Diese hätten die Migrationsbewegung gezielt ausgelöst.
Beobachter zweifeln jedoch an dieser Erklärung. Die Gründe, weshalb so viele junge Menschen Marokko überstürzt verlassen, dürften tiefer liegen.
Dabei wirkt die Lage auf den ersten Blick stabil: 2025 besuchten knapp 20 Millionen Touristen das nordafrikanische Land.
Marokko ist zudem ein langjähriger Verbündeter der USA. Im April verlängerten beide Staaten ihre Militärpartnerschaft um weitere zehn Jahre. Gemeinsam mit Spanien und Portugal bereitet sich das Land zudem auf die Fussball-WM 2030 vor.
Marokkos Jugend geht auf die Strasse
Auch König Mohammed VI. hob in seiner Rede zum 27. Thronjubiläum hob Marokkos Erfolge hervor: Er lobte das Land als Afrikas grössten Autoproduzenten und als einflussreichen Akteur auf der Weltbühne.
Was er hingegen nicht erwähnte: Die Protestwelle im Herbst 2025. Damals gingen in Marokko wie auch in mehreren anderen Ländern junge Menschen der Generation Z auf die Strasse.
Auslöser waren zwei Ereignisse: Im September eröffnete der marokkanische Kronprinz in Rabat ein Fussballstadion mit fast 70'000 Plätzen. Die Baukosten sollen rund 75 Millionen Dollar (rund 60 Millionen Franken) betragen haben.

Kurz darauf starben in einem Spital in Agadir mehrere schwangere Frauen. Der Vorwurf der Jugend: Für Prestigeprojekte ist Geld da, für die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung aber nicht.
Die Protestbewegung nannte sich «Gen Z 212» – 212 ist die internationale Vorwahl Marokkos. Sie forderte eine bessere Gesundheitsversorgung, mehr Bildung und ein Ende der Korruption.
Die Polizei löste Demonstrationen auf. Hunderte Menschen wurden festgenommen, drei kamen laut «Spiegel» ums Leben. Nach den Protesten wurden 2480 Personen angeklagt.
Zahlen zeigen die Widersprüche im Land
Die Nordafrika-Expertin Sarah Zaaimi beschrieb die Lage in einem Beitrag. Sie äusserte sich gegenüber dem «Atlantic Council», einer US-Denkfabrik für Aussen- und Sicherheitspolitik, mit deutlichen Worten.
Sie schrieb: «Marokko ist in der Fifa-Weltrangliste Elfter, im Human Development Index (HDI) 2025 der UN nur auf Rang 120 von 193.»

Der HDI misst den Lebensstandard eines Landes anhand von Gesundheit, Bildung und Einkommen.
Zaaimi bestätigt den Vorwurf vieler junger Marokkaner: Für Prestigeprojekte sei Geld vorhanden, für die Bevölkerung hingegen nicht.
Mehr als die Hälfte der Bevölkerung ist jünger als 35 Jahre. Ein Viertel der jungen Menschen ist weder in Ausbildung noch im Beruf. Viele sehen deshalb in der Flucht über das Meer ihre einzige Perspektive.
Spanien müsste nicht mal das Zielland, erklärte ein junger Marokkaner nach seiner Flucht nach Ceuta einem «CBS News»-Reporter: «Egal wo, nur nicht in Marokko.» Dort gebe es «keine Hoffnung».

















