Die Schweiz per Postauto zu erkunden ist ein besonderes, manchmal fast schon schwindelerregendes Erlebnis. Hier sind sieben der attraktivsten Linien.
Postauto am Stilfserjoch
Postauto am Stilfserjoch - Bild: Scania.com

Das Wichtigste in Kürze

  • Postautos gehören seit über 100 Jahren zum Schweizer Strassenbild.
  • Fun Fact: Die höchstgelegene Station liegt ausserhalb der Landesgrenze.

Das erste Postauto verkehrte ab 1906 von Bern nach Detlingen, später bis Aarberg. Die Linie gibt es heute noch; sie hat die Nummer 100.

1919 fand über den Simplon die erste Alpenfahrt statt. Damit wurden die Postautos neben dem normalen Personenverkehr auch für den Tourismus attraktiv.

Noch heute erfüllt die Postauto Schweiz AG diese zwei Funktionen. Viele der weit mehr als 800 Postautokurse dienen dem fahrplanmässigen Personentransport.

Andere aber werden vor allem von Touristen genutzt. Wir stellen sieben besondere Postauto-Linien vor.

Schwindelerregend: Sitten–Derborence

Eine Stunde dauert die Postautofahrt von der Walliser Hauptstadt Sitten hinauf in das Hochtal von Derborence. Die letzten zehn Minuten sind ein Höllenritt: Die Strasse ist extrem schmal.

Fast meint man, das Postauto schwebe über dem Abgrund, der Hunderte von Metern senkrecht abfällt.

Krönung der Strecke sind einige Tunnel, gerade weit genug, dass das Postauto nicht den Wänden entlang schrammt. Wenn der Fahrer das Dreiklanghorn ertönen lässt, hallt dieses bedrohlich durch die schwarzen Tunnellöcher.

Auf der von Bergen umringten Hochebene von Derborence wird man für den Angstschweiss mehr als entschädigt. Die Landschaft ist von archaischer Schönheit.

Der See entstand 1749 durch einen gewaltigen Bergsturz; umgeben ist er von einem naturbelassenen Föhrenwald.

Urschweizerisch seit 99 Jahren: die Klausenpass-Linie

Mehr Urschweiz geht nicht: Ab Luzern fährt man mit dem Schiff dem ganzen Vierwaldstättersee entlang bis Flüelen. Vorbei geht es dabei am Rütli, der Tellskappelle und anderen eidgenössischen Gedenkorten.

Die Klausenpass-Linie des Postautos ab Flüelen wird seit 99 Jahren betrieben. Danach lässt sich eine typische, von Berg- und Alplandwirtschaft geprägte Gegend erkunden.

Die Klausenpass-Linie
Die Klausenpass-Linie - PD

Durch 136 Kurven muss der Chauffeur das Postauto von der Passhöhe auf fast 2000 Metern Höhe nach Linthal GL lenken. 57 davon sind Spitzkehren. Die Passagiere geniessen derweil herrlichen Ausblicke auf die Bergketten.

Von Linthal gelangt man in gut eineinhalb Stunden ohne umsteigen nach Zürich. Denn der Ort im hintersten Glarnerland wird von der Zürcher S-Bahn erschlossen.

Genussvoll durch den Nationalpark: Engadin–Meran

Von Ende Juni bis Mitte Oktober beginnt diese Reise in Davos und führt zuerst über den Flüelapass nach Zernez. Im Winter fängt sie in Zernez an. Von hier fährt das Postauto auf der ganzjährig geöffneten Strasse zum Ofenpass quer durch den Nationalpark; eine waldige Gegend von wilder Schönheit.

Jenseits des Passes staunt man im Münstertal oder Val Müstair über die herausgeputzten Dörfer, bis man schliesslich im Grenzort Müstair ankommt.

Ein Postauto im Engadin
Ein Postauto im Engadin. - PD

Hier ist das Kloster St. Johann mit seiner 1200-jährigen Geschichte unbedingt einen Besuch wert. Danach fährt man das liebliche Südtiroler Vinschgau hinunter nach Mals.

Hier kann man auf die Vinschgaubahn umsteigen und zum eleganten Ferienort Meran weiterfahren.

Ganz schön abenteurlich: die Stelvio-Linie

Echte Postauto-Afficionados wechseln jedoch im Münstertal auf die 80 km lange Stelvio-Linie. Für den schwedischen Nutzfahrzeughersteller Scania, der auch Schweizer Postautos baut, ist diese Strecke «die spektakulärste Buslinie der Welt».

Während den Sommermonaten fährt täglich ein Postauto von Santa Maria im Münstertal über den höchsten Schweizer Pass, den Umbrail (2500 m ü. M.). Und danach über den zweithöchsten befahrbaren Pass der gesamten Alpen, das Stilfserjoch (2757 m ü. M.), das ganz in Italien liegt.

Postauto am Stilfserjoch
Postauto am Stilfserjoch. - Scania.com

Das Stilfserjoch, italienisch Stelvio, ist gleichzeitig die höchste Haltestelle auf dem Netz der Schweizer Postautos. Es ist bekannt für seine unzähligen Spitzkehren. Fahrer grosser Motorwagen sind hier besonders herausgefordert, und auch den Passagieren wird es fast schwindelig ob all den Haarnadelkurven. Die Passstrasse führt hinunter zum Wintersportort und Thermalzentrum Bormio. Nochmals 40 km weiter erreicht man die Stadt Tirano.

Wer noch mehr Alpen-Überquerungen sucht, der nimmt in Tirano den Bernina Express der RhB. Darin fährt man das Puschlav hinauf und über den Berninapass ins Oberengadin, nach Pontresina oder St. Moritz.

Mit dem Palm-Express in die Sonnenstube

Ab St. Moritz kann man mit dem «Palm-Express» nach Lugano eine rund vierstündige, 125 km lange Postautofahrt erleben. Viele Touristen halten sie für die schönste der Schweiz.

Zuerst geht es über den Malojapass. Er ist, vom Engadin her betrachtet, gar kein richtiger Pass, denn mit 1815 m ü. M. liegt er genau gleich hoch wie St. Moritz.

Die Landschaft mit den Oberengadiner Dörfern Silvaplana und Sils sowie ihren Seen ist lieblich.

Postauto unter Palmen
Postauto unter Palmen. - PD

Auf der anderen Seite des Passes geht es hinunter ins Bergell, das bereits eine südliche Anmutung besitzt.

Über das Marktstädtchen Chiavenna jenseits der italienischen Grenze geht es vorbei am Lago di Mezzola und am Comersee. Zwischen Comer- und Luganersee durchquert das Postauto kleine Dörfer. Deren Strassen sind teilweise so eng, dass der Fahrer vorsichtig manövrieren muss.

Beim malerischen Dorf Gandria kehrt man in die Schweiz zurück und fährt wenig später in Lugano ein.

Steiler geht nicht: Kiental–Griesalp

Die Postautostrecke Kiental–Griesalp im Berner Oberland startet in Reichenbach im Kandertal und ist nur 13 km lang. Aber sie hat es in sich.

Von Kiental auf die Griesalp windet sich die schmale Strasse so steil den Berg hinauf wie nirgendwo sonst in Europa: Die Steigung beträgt bis zu 28 Prozent.

Auf den letzten zwei Kilometern überwindet die Strasse 20 Spitzkehren, die dem Chauffeur höchste Konzentration abverlangen. An der schmalsten Stelle ist Millimeterarbeit gefordert: Ein Engpass zwischen zwei Felsen ist nur 2.20 Meter breit, das Postauto vom Typ Mercedes Vario ebenfalls.

Die steilste Postauto-Strecke
Die Steilste Postauto-Strecke. - PD

Auch die Landschaft ist spektakulär: stotzige Wälder, Schluchten Bergbäche und Wasserkaskaden säumen den Weg, und der Ausblick auf das Blüemlisalphorn ist phänomenal. Von der Endstation Griesalp aus gehen viele Wanderwege ab. Man kann hier, auf 1400 m ü. M., auch in einem von fünf Hotels übernachten.

Vier Pässe in einer Fahrt

Postauto-Fans können in den Sommermonaten vier der eindrücklichsten Alpenpässe an einem Tag befahren. Fast neun Stunden dauert die Rundreise ab Meiringen BE. Zuerst erklimmt man den Grimselpass mit seinen Stauseen. Dann fährt man die kurvenreiche Strecke hinunter nach Oberwald im Wallis.

Von dort über den steilen und engen Nufenenpass durch das Tessiner Bedrettotal hinunter nach Airolo.

Postauto auf der Teufelsbrücke
Postauto auf der Teufelsbrücke - Bild: PD

Danach geht es die moderne Gotthard-Passstrasse hinauf und auf der Urner Seite durch Andermatt mit seinen modernen Hotelbauten.

Weiter geht die Fahrt durch die Schöllenenschlucht mit der sagenumwobenen Teufelsbrücke nach Wassen UR.

Vom Urner Reusstal fährt man schliesslich über den Sustenpass, vorbei am Steingletscher und der Aareschlucht, zurück nach Meiringen.

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