Arbeit: 40 und in der Rente – schaffst du das auch?
Die «FIRE»-Bewegung (Financial Independence, Retire Early) ermutigt Erwerbstätige dazu, zu investieren und zu sparen, um schon sehr früh in Pension zu gehen.

Das Wichtigste in Kürze
- Die Anhänger dieses Konzepts leben während ihrer Berufstätigkeit sehr genügsam.
- Das Ziel ist später von den Ersparnissen zu leben und nicht mehr arbeiten zu müssen.
- Das Risiko dieser Lebensweise sind Sinnverlust oder Isolation.
Mélanie, 25, hat gerade eine Stelle als Ingenieurin bei einer Robotikfirma bekommen. Während ihres Studiums wohnte sie in einem Einzimmerappartement und kaufte in den günstigsten Supermärkten ein, immer auf der Suche nach neuen Sonderangeboten. Jetzt, wo sie angestellt ist, hat sie trotzdem nicht vor, ihren Lebensstandard zu erhöhen.
Kürzlich hat sie nämlich in den sozialen Netzwerken vom «FIRE-Konzept» gehört. Sie hat gelesen, dass man in der Schweiz mit einem Vermögen von 2,5 Millionen im Alter von vierzig Jahren finanzielle Unabhängigkeit bis zur «echten» Pensionierung erreichen kann. Anfangs schien ihr das völlig unerreichbar. Aber sie hat studiert und verdient überdurchschnittlich gut. Und es gibt viele Quellen, die ihr bei der Umsetzung dieses Projekts helfen können.

Maximales Sparen …
Das «FIRE»-Konzept gab es schon in den 90ern. Dank der sozialen Netzwerke ist es in letzter Zeit wieder in Mode gekommen. Blogs wie der Mustachian Post (alias Marc Pittet) – FIRE through frugalism haben sich auf Tipps rund um den Weg zur finanziellen Unabhängigkeit spezialisiert. Wo anfangen? Zunächst beim Ausgeben: weniger! Im Supermarkt auf Aktionen achten, weniger Fleisch kaufen. Auf das Extrazimmer in der Wohnung verzichten. Übermässiges Shopping und Restaurantbesuche streichen.
… und rentable Sparlösungen
Das ersparte Geld soll aber keinesfalls auf einem Sparkonto schlummern. Worauf es «FIRE»-Anhängerinnen und -Anhänger abgesehen haben, sind ertragreiche Investitionen: Aktien etwa oder Immobilien – Wohnungen vermieten kann stabile Einnahmen sichern, bis die AHV springt.

Eine Antwort auf den Überkonsum?
Melanie mag ihren Job ganz gerne. Aber nicht so sehr wie ihre Freiheit. Sie freut sich, Kolleginnen und Kollegen zu haben und an Projekten mitzuarbeiten, aber der Gedanke, sich jeden Morgen bis zum 65. Lebensjahr in einen überfüllten Zug zu quetschen, macht sie ziemlich traurig.
Manche wie Melanie stellen den heutigen Überkonsum und unnötige Ausgaben infrage und streben einen bescheideneren Lebensstil mit mehr Freizeit an. Andere erhoffen sich Zeit für ein persönliches Projekt, Reisen oder künstlerisches Schaffen. Melanie hat keine Absicht, den ganzen Tag auf ihrem Sofa rumhängen. Es geht vielmehr darum, Arbeit als Option zu betrachten – nicht als Pflicht.
Risiken, die man nicht vergessen sollte
Abgesehen von der finanziellen Herausforderung hängt das Projekt von Faktoren ab, die man nicht beeinflussen kann. Inflation, Wirtschaftskrise oder gesundheitliche Probleme – und der Plan kann scheitern. Melanie ist sich dessen bewusst und macht sich manchmal Sorgen deswegen. Die Jahre, in denen sie sparsam gelebt hat, lassen sich im Falle eines unvorhergesehenen Ereignisses nicht wieder aufholen.
Sinnverlust und Isolation
Die Tage zu füllen ist manchmal schwieriger als sie freizuräumen! Arbeit dient nicht nur dem Brotverdienen. Sie strukturiert den Alltag, gibt Ziele vor, ermöglicht Begegnungen und prägt die eigene Identität. Wer aus dem Berufsleben aussteigt, kann sich orientierungslos fühlen – oder gar das Gefühl haben, nutzlos zu sein, nicht mehr dazuzugehören, sich zu isolieren. Besonders dann, wenn das Umfeld weiterhin Vollzeit arbeitet.
Zu viel Freiheit = ein Druck?
Paradoxerweise bringt unbegrenzte Zeit nicht immer mehr Zufriedenheit. Wenn jeder Tag offen ist, fällt es manchen schwer, einen Rhythmus zu finden oder sich Ziele zu setzen. Psychologinnen und Psychologen sprechen sogar vom «Paradox der Wahl»: Je mehr Möglichkeiten, desto schwieriger wird es, das zu wählen, was wirklich glücklich macht.
Liegt die Lösung in der Mitte?
Melanies Beispiel ist fiktiv, aber der Trend ist echt, und bei den Leuten, die sich für diesen Lebensstil entschieden haben, fragt man sich: Würden sie ihre Meinung ändern, wenn sie bessere Arbeitsbedingungen hätten?
Als Arbeitnehmerorganisation setzen wir uns für ein erfülltes Berufsleben ein – eines, das Sinn stiftet und zur persönlichen Entwicklung beiträgt. Auch die Unternehmen sind gefordert: Sie müssen attraktive Arbeitsbedingungen bieten, flexible Arbeitsmodelle mit Homeoffice oder Workations einschliessen.
Möchten auch Sie mitmachen und zu einer fairen Arbeitswelt beitragen?











