Arbeit & Abschied im Büro: Was bleibt?
Ein Blick auf die Rituale des Abschieds, die das Arbeitsleben und die Beziehungen prägen, die darüber hinaus bestehen bleiben.

Das Wichtigste in Kürze
- Der Abschied von längjährigen Kolleginnen und Kollegen bleibt für Teams nicht ohne Folgen.
- Die Spuren, die ehemalige Kolleginnen und Kollegen hinterlassen, gehen oft über Projekte hinaus.
- Rituale wie eine gemeinsame Sammlung für ein Geschenk sind üblich, aber kein Muss.
Montagmorgen in einem Zürcher Softwareunternehmen: Fabienne, Ingenieurin, stempelt sich im Büro ein. Aus der Küche strömt der Duft von frisch gebrühtem Kaffee. Der Drucker surrt, und aus dem Grossraumbüro ist das Klingeln eines Telefons zu hören. Alles läuft wie immer. Doch Fabienne weiss: Etwas hat sich verändert.
Ihr Blick fällt auf den Arbeitsplatz links neben ihrem. Leer.
Der Bildschirm ist schwarz, das Familienfoto in der Ecke verschwunden und die Zimmerpflanze, um die sie sich nun kümmern soll, könnte dringend einen Schluck Wasser gebrauchen. Freitag war Peters letzter Arbeitstag. Er war ihr Teampartner in der Produktentwicklung. Sie hat an seinem Abschiedsapéro teilgenommen und mit ihm auf seine zukünftigen Projekte angestossen… Und doch fragt sie sich am Montagmorgen: Wie kann ein leerer Schreibtisch so viel Raum einnehmen?

Abschiede ritualisieren
Am Freitag zuvor hat sich das Team von Peter verabschiedet. Gipfeli, Blumen, ein paar persönliche Worte: Fabienne hat als enge Kollegin eine Karte organisiert, auf der alle ein paar Zeilen hinterlassen konnten. Denn das Leben im Büro besteht aus Gewohnheiten. Und die Rituale rund um den Abschied eines Mitarbeiters dienen nicht nur dazu, einen Freitagnachmittag gemeinsam zu verbringen.
Habt ihr schon einmal erlebt, dass jemand am letzten Arbeitstag die Tür hinter sich zuknallt und sich kaum verabschiedet? Zweifelsohne sind die Arbeitsbeziehungen in einem solchen Fall nicht gut gelaufen. Bei einem Abschied im Guten sind gemeinsame Momente bedeutungsvoller, als sie auf den ersten Blick erscheinen: Sie sind ein gemeinsames Anerkennen dessen, dass etwas endet – die berufliche Beziehung. Und ebenso, was noch wichtiger ist: die geleistete Arbeit. Ein Kapitel schliesst sich, ein neues kann beginnen. Die Bedeutung solcher Rituale für Teams wird manchmal unterschätzt.
Kein Zwang, Geld zu geben
Die Frage nach Geschenken kann hingegen heikel sein. Zu Beginn ihrer Karriere absolvierte Fabienne ein Praktikum in einem Unternehmen mit hoher Fluktuation. Alle zwei Monate machten Umschläge die Runde: eine Sammlung zum Abschied von jemandem, zur Geburt eines Kindes oder zum fünfzigsten Geburtstag eines Buchhalters, mit dem sie noch nie gesprochen hatte. Diese angeblich «freiwilligen» Beiträge erlebte Fabienne als informellen Druck, einen bestimmten Mindestbetrag zu geben. Auf die Dauer belastete dieser ihr Praktikumsbudget.
Für Peters Abschied hat sie deshalb nichts Offizielles organisiert. Sie wollte vielmehr, dass sich alle frei fühlen, ihm bei Bedarf persönlich etwas zu schenken. Privat und ohne offiziellen Rahmen.

Die Versprechen, sich bald wiederzusehen
In einer Arbeitswoche verbringt man manchmal mehr Zeit mit Kolleginnen und Kollegen als mit der eigenen Familie. Doch erst der Abschied zeigt, ob eine Beziehung über den beruflichen Kontext hinaus bestehen bleiben kann. Bei einem Abschied werden oft grosse Versprechen gemacht. Denn man kann sich kaum vorstellen, dass eine Person, die so präsent im eigenen Alltag war, von einem Tag auf den anderen daraus verschwindet.
Mit der Zeit holt einen das Leben wieder ein. Zwischen Arbeitswegen und familiären Verpflichtungen passiert es schnell, dass Versprechen nicht eingehalten werden. Und das trotz bester Absichten: Eine Beziehung in einem anderen Kontext aufrechtzuerhalten, bedeutet, neue Gewohnheiten zu entwickeln.
Fabienne stellt in diesem Zusammenhang fest, dass sie nicht einmal Peters private Handynummer hat. Trotz ihrer langen Mittagspausen, in denen sie sich gegenseitig aus ihrem Leben erzählten, hat sie ihn nie ausserhalb des Büros getroffen. Wäre sie bereit, ihm in ihrem privaten Alltag etwas Zeit zu widmen? Plötzlich ist sie sich da nicht mehr so sicher.
Was nach einem Abschied bleibt
Peters Projekte wurden im Team verteilt. Seine Nachfolgerin arbeitet effizient und lernt schnell. Im Laufe der Wochen ist Fabienne dennoch irritiert: In den beruflichen Gesprächen wird ihr ehemaliger Kollege kaum noch erwähnt.
In den informellen Gesprächen hingegen taucht er immer wieder auf: beim Austausch von Anekdoten auf dem Gang, beim morgendlichen Kaffee oder beim gemeinsamen Lachen in der Mittagspause: «Wisst ihr noch, wie Peter immer schon um halb sieben da war?» «Wenn der Drucker wieder einmal nicht wollte, fand er immer eine Lösung.» «Und seine sarkastischen Kommentare fehlen uns schon ein bisschen.»
Das Leben im Büro besteht aus Gewohnheiten
Wer in einem Unternehmen arbeitet, hinterlässt Spuren. Spuren, die manchmal ganz anders aussehen, als man denkt. Denn das Leben im Büro besteht bekanntlich nicht nur aus Zahlen, Präsentationen oder unterzeichneten Verträgen. Es besteht aus Gewohnheiten. Aus persönlichen Gesten, die einen Unterschied machen. Aus Charaktereigenschaften, die die Atmosphäre eines Teams prägen.
All das steht in keinem Arbeitsvertrag und bleibt doch bestehen, lange nachdem wir unseren Badge abgegeben haben. Und anders als unsere Fachkompetenzen lassen sich unsere Gewohnheiten und Eigenheiten nicht einfach durch einen ähnlichen Lebenslauf ersetzen. In ein Team bringen wir sowohl unser Fachwissen als auch unsere persönlichen Fähigkeiten und unsere Art, miteinander umzugehen, ein. Letztere stehen nur selten im Arbeitszeugnis – bleiben aber in den Erinnerungen an das Arbeitsleben, auch nachdem wir gegangen sind.











