Noch ein Bier? «Ach komm, man lebt nur einmal!»
«Wir tun, was wir bereuen», schreibt unsere Kolumnistin Maria Brehmer. Mit dieser Kolumne verabschiedet sie sich.

Das Wichtigste in Kürze
- Beraterin Maria Brehmer begleitet Menschen, die weniger trinken wollen.
- Heute schreibt sie über Rationalisierung.
Die Cervelats sind schon lange gegessen, die Kohle im Grill ist abgekühlt, ich will nach Hause. Schön war’s! Aber ich bin müde.
Doch dann sagt Chrigu «Ach komm, man lebt nur einmal!» und holt noch ein paar Bierflaschen für unsere gesellige Runde.
Grosszügig gesprochen, egoistisch gemeint
«Ach komm, man lebt nur einmal!»: Nichts gegen diesen Satz. Wir alle verstehen ihn. Wir wissen, was Chrigu damit meint.
Seine Verwendung ist natürlich berechtigt. Er sagt ihn, weil er sich und den anderen noch etwas gönnen will. Eine gute Sache! Eigentlich.
Noch ein Bier. Noch ein Dessert. Noch einen Absacker. Den Kauf, den wir eigentlich nicht brauchen.
Man lebt nur einmal.

Wir tun, was wir bereuen
Interessanterweise höre ich diesen Satz fast nur in Verbindung mit Dingen, die kurzfristig Spass machen. Die eigentlich unvernünftig sind. Von denen wir es eigentlich besser wissen sollten. Die wir am nächsten Tag möglicherweise bereuen werden.
Noch nie sass jemand neben mir und sagte: «Ich kündige meinen ungeliebten Job. Man lebt nur einmal.» Oder: «Ich höre auf, mich ständig mit anderen zu vergleichen. Man lebt nur einmal.» Oder: «Ich verbringe heute Abend mit meiner Tochter statt mit meinem Handy. Man lebt nur einmal.»
Dabei wäre der Satz für solche Situationen mindestens genauso passend. Oder sogar passender: Weil die Wirkung länger andauern würde als dreissig Minuten. Weil wir am nächsten Tag nichts bereuen würden.

An nennt es Rationalisierung
Stattdessen benutzen wir ihn oft als kleine rhetorische Hintertür. Als philosophisch klingende Begründung für etwas, das wir ohnehin schon tun wollten.
Psychologisch gesehen überrascht das nicht. Wir Menschen neigen dazu, unseren Impulsen im Nachhinein einen vernünftigen Anstrich zu geben.
Und dann nennen das Rationalisierung. Was so viel bedeutet wie «Vernünftigmachung».
Zuerst kommt der Wunsch, dann die Erklärung. Und manchmal lautet sie eben: Man lebt nur einmal.
Eine kurzfristige Aktivierung von Lebensfreude
Ich habe diesen Satz früher oft benutzt, wenn ich einfach nicht nach Hause wollte, während die anderen schon auf dem Sprung waren. Ich sagte: «Wir leben doch nur einmal!» – und hoffte, damit bei meinen Freundinnen und Freunden etwas auszulösen. Die Angst, etwas zu verpassen zum Beispiel. Eine kurzfristige Aktivierung von Lebensfreude.
Ich dachte dabei nicht ernsthaft über die Endlichkeit des Lebens nach. Sondern wollte einfach noch ein Bier. Kein besonders philosophisch motivierter Wunsch.
Wo könnten wir diesen Satz sonst noch einsetzen?
Wenn wir tatsächlich nur einmal leben, wäre es eine Überlegung wert, den Satz auch anderweitig einzusetzen. Bei Dingen, vor denen wir uns eher drücken, als dass wir sie unbedingt wollen.
Bei einem Gespräch, das längst überfällig ist zum Beispiel. Bei einer Reise, die wir immer verschieben. Bei einer Entscheidung, von der wir längst wissen, dass sie richtig wäre.
Vielleicht liegt das eigentliche Missverständnis also gar nicht im Satz selbst. Sondern darin, wie wir ihn benutzen. Denn wenn man nur einmal lebt, wäre ein weiteres Bier vermutlich nicht das Dringendste auf der Liste.
Zur Autorin
Maria Brehmer lebt seit fünf Jahren alkoholfrei. Als ehemalige Journalistin und heutige Beraterin und Podcasterin schreibt und spricht sie über Selbstbestimmung, gesellschaftliche Trinknormen und ein gutes Leben ohne Alkohol. In ihren Online-Programmen begleitet sie Menschen, die weniger trinken wollen: Mehr Infos unter fraubrehmer.com.












