Maria Brehmer: Das steckt wirklich hinter unserem Feierabendbier!
Unsere Kolumnistin Maria Brehmer erzählt uns heute eine kleine Geschichte über das Feierabendbier.

Das Wichtigste in Kürze
- Beraterin Maria Brehmer begleitet Menschen, die weniger trinken wollen.
- Heute schreibt sie über das Feierabendbier als Übergangsritual.
Nehmen wir an, das Feierabendbier wäre nie erfunden worden. Wir würden unsere Laptops zuklappen, Büros, Praxen oder Baustellen verlassen und nach Hause gehen. Und dann?
Was Menschen nicht gut können
Vielleicht würden wir endlich die Lampen aufhängen, die seit Wochen im Flur liegen. Den Rasen mähen. Socken stopfen. Die Küche aufräumen, bis alles picobello ist. Oder wir würden einfach aufs Sofa sinken – und nicht so genau wissen, wohin mit uns.
Denn wir Menschen sind nicht besonders gut darin, einfach zu «switchen».
Von der Chefin zum Kind
Wir brauchen Übergänge. Kleine Rituale, die uns helfen, von einer Stimmung in die nächste zu kommen. Von Anspannung in Entspannung. Vom konzentrierten Funktionieren in die lockere Freizeit.
Von uns wird erwartet, nach der Arbeit wie automatisch und auf Knopfdruck von der professionellen in die persönliche Rolle zu wechseln. Von Gesprächen mit der Chefin über den schwierigen Mitarbeiter zu Gesprächen mit den Kindern über ihre Chindsgi-Gspänli.
Das ist schwer. Und es ist menschlich.
Also haben wir uns etwas dazwischen gebaut. Wir haben das Feierabendbier erfunden.

Eine clevere Erfindung
Es ist Puffer zwischen zwei Welten, die wir feinsäuberlich voneinander getrennt haben wollen.
Das Feierabendbier ist weniger ein Genussmoment als eine clevere Erfindung. Nicht (nur), weil wir Bier so lieben. Sondern weil wir irgendwann begonnen haben, unser Leben in zwei Welten zu sortieren: Arbeit hier, Freizeit dort.
Und dazwischen: Nichts. Das Feierabendbier «hilft».
Arbeit hört zwar irgendwann auf. Aber sie bleibt. In Gedanken, in Gesprächen, in körperlichem Nachhall. Wir wechseln den Ort – aber nicht unbedingt den Zustand.
Das Feierabendbier hilft, um Tempo rauszunehmen. Gespräche auch mit Arbeitskolleginnen und -kollegen in Gespräche mit Freunden zu verwandeln. Um Hierarchien zu vergessen, volle E-Mail-Posteingänge und Arbeitsplatzunsicherheit.
Ich habe das lange gerne genutzt.
Zwei, drei Stangen – und das Morgen ist vergessen
Mit Feierabendbieren fiel es mir leichter, nicht nur real die Haustüre hinter der Arbeit zu schliessen, sondern auch in meinem Kopf. To-do-Listen hakte ich imaginär ab, den nächsten Morgen vergass ich locker. Mit links wechselte ich vom beruflichen in den privaten Modus. Oder besser: mit zwei, drei Stangen.
Ich trank, weil ich Lust auf ein Bier hatte. Tatsächlich brauchte ich aber vor allem Hilfe, um von hier nach dort zu kommen.

Ich trenne nicht mehr
Heute arbeite ich selbstständig. Klappe meinen Laptop zu und bin schon da. Kein Grossraumbüro, keine Kolleginnen, kein «Trinken wir noch eins?».
Das Übergangsritual ist weggefallen. Und mit ihm auch die klare Trennung zwischen Arbeit und Freizeit.
Was ist das wahre Problem?
Ich habe nicht nur gelernt, anders als mit Alkohol abzuschalten. Ich habe einfach aufgehört, mein Leben so strikt zu unterteilen.
Vielleicht ist das die eigentliche Pointe dieser kleinen Geschichte: Wer Arbeit und Leben nicht ständig auseinanderhält, braucht auch weniger, um dazwischen zu vermitteln.
Oder anders gesagt: Vielleicht ist nicht das Feierabendbier die Erfindung. Sondern das Problem, das es löst.
Zur Autorin:
Maria Brehmer lebt seit fünf Jahren alkoholfrei. Als ehemalige Journalistin und heutige Beraterin und Podcasterin schreibt und spricht sie über Selbstbestimmung, gesellschaftliche Trinknormen und ein gutes Leben ohne Alkohol. In ihren Online-Programmen begleitet sie Menschen, die weniger trinken wollen: Mehr Infos unter fraubrehmer.com.







