Maria Brehmer: Nüchtern an der Bar – das passiert mit mir!

    Maria Brehmer
    Maria Brehmer

    Zürich,

    «Alkohol ist überall. Nur in meinem Glas nicht», schreibt unsere Kolumnistin Maria Brehmer. Und schildert Situationen mit einem Glas Wasser am Bartresen.

    Maria Brehmer.
    Kolumnistin Maria Brehmer. - zvg

    Das Wichtigste in Kürze

    • Beraterin Maria Brehmer begleitet Menschen, die weniger trinken wollen.
    • «Ohne Drink sind soziale Interaktionen einfach nur ehrlich», findet Brehmer.

    Ich stehe in einer Bar. Ein Freund hat Geburtstag. Alle trinken etwas – Wein, Bier, irgendetwas mit Eiswürfeln. Ich bestelle ein Wasser, und es fällt niemandem auf. Vermutlich mir am meisten.

    Es ist eine dieser Szenen, die wir alle kennen. Bekannte Gespräche, bekannte Gesichter, leicht aufgeladene Stimmung. Alkohol ist überall. Nur in meinem Glas nicht.

    Und genau deshalb ist es anders.

    Ja, das gefiel mir sehr

    Früher, als ich noch regelmässig trank, veränderte Alkohol ziemlich zuverlässig, wie ich mich in solchen Momenten fühlte. Nach fünf Schlucken war ich mutiger, nach einem Glas gesprächiger. Ich würde lügen, wenn ich sage, dass mir das nicht gefiel.

    Doch was sich nach eigenen Kompetenzen anfühlte, war in Wahrheit Neurobiologie. Alkohol beeinflusst Botenstoffe im Gehirn, die unser Verhalten und unsere Wahrnehmung stark beeinflussen.

    Uns ist mit jedem Schluck egaler, ob wir uns angemessen verhalten. Allgemein nennen wir das «Entspannung». Tatsächlich ist es Chemie.

    Es ist nicht lustiger

    Stehe ich mit einem Glas Wasser zwischen den Menschen an der Bar, ist da keine Chemie – und ich bin verknorzter. Zurückhaltender. Ich überlege mir, was ich sage. Ganz oft einmal zu viel. Meine Selbstkontrolle: voll ausgeprägt.

    Ist das lustiger? Nein.

    Wir erzählen uns, Alkohol mache ehrlicher. Tatsache ist: Das Leben ist nie so direkt, als wenn wir etwas nüchtern erleben, wo vorher der weichmachende Filter Alkohol drüber lag.

    Hast du Verständnis dafür, wenn an einer Bar Wasser getrunken wird?

    Wir brauchen es nicht, wir müssen es nicht

    Das erklärt auch, warum wir so selbstverständlich trinken. Nicht, weil wir alle unbedingt wollen, es brauchen oder glauben, es müsste so sein. Doch wir wollen es: Weil wir gelernt haben, dass es so einfacher geht.

    Alkohol ist dabei nicht die Ursache für gute Abende, sondern eine Art Verstärker. Ein sozial akzeptierter Shortcut, der uns schneller dorthin bringt, wo wir eigentlich hinwollen.

    Barbesuch
    Man kann an einer Bar auch nur Wasser trinken. - sda-keystone

    Ehrlich und unbequem

    Ohne Drink sind soziale Interaktionen einfach nur ehrlich – und genau darum so oft unbequem. Ich merke plötzlich, wann ich eigentlich nichts mehr zu sagen habe. Oder wann mich ein Gespräch nicht interessiert.

    Ich kann nicht ignorieren, wenn mich jemand nervt. Wenn mir jemand zu nahe kommt, gehe ich.

    Ich setze klare Grenzen, auch wenn das andere vor den Kopf stösst. Anders geht es nicht. Vielleicht war ich früher nicht mutiger, sondern einfach weniger vorsichtig. Vielleicht nicht offener, sondern weniger selektiv.

    Weil es das Leben ist

    Das wirkt von aussen nicht nur weniger aufregend, sondern oft auch langweilig. Es ist nicht lustiger. Und trotzdem fühlt es sich richtiger an. Weil es das Leben ist.

    Ich stehe also weiterhin an solchen Bars. Auch wenn das bedeutet, dass ich nicht immer die unterhaltsamste Version von mir bin.

    Maria Brehmer
    Das war die letzte Nau.ch-Kolumne von Maria Brehmer. - zvg

    Zur Autorin

    Maria Brehmer lebt seit fünf Jahren alkoholfrei. Als ehemalige Journalistin und heutige Beraterin und Podcasterin schreibt und spricht sie über Selbstbestimmung, gesellschaftliche Trinknormen und ein gutes Leben ohne Alkohol. In ihren Online-Programmen begleitet sie Menschen, die weniger trinken wollen: Mehr Infos unter fraubrehmer.com.

    Kommentare

    User #1124 (nicht angemeldet)

    Der Kommentar enthält eine direkte Beleidigung.

    User #3084 (nicht angemeldet)

    Ist doch schön wenn sie an der Bar ein Wasser drinkt! Aber muss das Die Welt wissen ist dich ihr entscheid. Aber was ich gar nicht mag sind die ständigen Belehrungen das kakt mich an

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