Maria Brehmer: Deshalb trinken wir den Alkohol wirklich!
«Wir tranken, weil es etwas mit uns gemacht hat. Und was es mit uns machte, liebten wir.» Kolumnistin Maria Brehmer kennt die Tücken des Alkohols bestens.

Das Wichtigste in Kürze
- Beraterin Maria Brehmer begleitet Menschen, die weniger trinken wollen.
- Heute schreibt sie über positive Gefühle, die sich beim Alkohol trinken entwickeln.
Als meine unschuldigen Cherry-Lipgloss-Lippen zum ersten Mal an Alkohol nippten, war ich sofort berauscht. Was ich trank, weiss ich noch genau. Doch nicht der Geschmack des Kir Royals war es, der mir bis heute im Gedächtnis geblieben ist. Sondern was ich damals spürte: Dieses schwindelige Schwanken zwischen Verbot und Selbstbewusstsein.
Das heimliche Grinsen, weil meine typische Teenager-Unsicherheit schwand und das Gefühl von (beinahe) erwachsener Stärke umso mehr wuchs.

Es war ein Übergangsritual
Wie viele andere, die ihre ersten Erfahrungen mit Alkohol machen, war auch ich mit meinen 14 Jahren zu jung fürs Trinken. Doch ich war alt genug, um zu realisieren, dass mein erster Rausch eine Zäsur war.
Ein Übergangsritual, das vieles verändern und mich noch Jahrzehnte begleiten sollte.
Jetzt bist du erwachsen. Jetzt bist du irgendwie zugehörig. Das war es, was ich damals spürte. Und es fühlte sich wundervoll an.
Geschmack vs. Gefühle
Kein Wunder also, dass sich solche frühen Erfahrungen tief in unser Gedächtnis einprägen. Natürlich nicht, weil Kir Royal, Bacardi Cola oder Malibu Ananas besonders überzeugen würden, wenn wir sie als Teenager zum ersten Mal probieren.
Sondern weil sie etwas auslösen. Gefühle, die besonders Teenagern oft schlecht zugänglich sind. Gefühle von Sicherheit. Freiheit. Mut.
Ich will mehr davon!
Auch unser Gehirn spielt dabei eine entscheidende Rolle. Denn wenn eine Substanz mit stark positiv aufgeladenen Gefühlen in Verbindung gebracht wird, bewerten wir diese Erfahrungen als erstrebenswert. Vor allem bei Jugendlichen brennen sich solche Erinnerungen regelrecht ein.
Und dann will es mehr davon. Ich wollte mehr davon.
Irgendwann trank ich nicht mehr Bacardi Cola, sondern Prosecco und guten Wein. Daheim mit Freundinnen, in den Ferien in der Toskana, beim Fondue und zum Feierabend.
Das Setting hat sich dem Alter natürlich angepasst und wurde ruhiger, meist gesitteter, vielleicht stilvoller.
Aroma, Abgänge, Rebsorten
Ich nannte rauschende Abende zwar nicht mehr «geil» und «huere lustig», wie wir das früher taten. Stattdessen sprachen wir über Aromen, Abgänge und regionale Rebsorten.
Doch die Stimmung, die ich an solchen Abenden suchte, war der von früher erstaunlich ähnlich: Wir tranken, weil es etwas mit uns gemacht hat. Und was es mit uns machte, liebten wir.
Gläser erfüllen Wünsche
Als Erwachsene nennen wir das Genusskultur. Nur ist das selten die ganze Geschichte.
Denn manchmal erfüllt das Glas auch etwas sehr Einfaches: Den Wunsch nach Nähe. Nach Zugehörigkeit. Oder danach, sich für einen Moment ein bisschen stärker zu fühlen.

Zur Autorin
Maria Brehmer lebt seit fünf Jahren alkoholfrei. Als ehemalige Journalistin und heutige Beraterin und Podcasterin schreibt und spricht sie über Selbstbestimmung, gesellschaftliche Trinknormen und ein gutes Leben ohne Alkohol. In ihren Online-Programmen begleitet sie Menschen, die weniger trinken wollen: Mehr Infos unter fraubrehmer.com.








