Daniel Koch: Ob die Krankenkasse zahlt, wird KI entscheiden!
Kann künstliche Intelligenz die Medizin wirklich verbessern? Kolumnist Daniel Koch warnt vor steigenden Kosten – und fehlender Kontrolle!

Das Wichtigste in Kürze
- Daniel Koch war zwischen 2008 und 2020 Leiter der BAG-Abteilung Übertragbare Krankheiten.
- Auf Nau.ch schreibt Koch regelmässig Kolumnen.
- Heute schreibt er über die Chancen und Risiken künstlicher Intelligenz in der Medizin.
Alle sprechen über die künstliche Intelligenz und das riesige Potenzial, das durch die KI geschaffen wird. Sehr schnell wird der Medizinbereich bemüht und die Hoffnung geweckt, dass viele Krankheiten bald dank der KI heilbar sein werden.
Aber ist diese Hoffnung berechtigt? Die KI kann innert Sekunden weltweit unzählige Daten aufspüren, sammeln und analysieren. Wie und was sie genau macht, weiss niemand genau.
Aber die KI kann sich nur im digitalen Raum bewegen. Sie ist kein Arzt und kann keinen Patienten untersuchen.
KI kann keine Befunde überprüfen
Sie kann ihn bestenfalls per Kamera und Video erfassen. Aber wie eine medizinisch geschulte Person mit dem Patienten interagieren, kann die KI nicht. Oder jedenfalls noch nicht.
Vielleicht wird die KI irgendwann in der Zukunft Tausende oder Millionen von Patienten vergleichen. Aber: Sie wird immer nur die Daten und Fakten zur Verfügung haben, die digital erfasst wurden. Und irgendwo im Netz abrufbar sind.
Die KI kann nicht Befunde, Krankengeschichten und Fakten ausserhalb des digitalen Bereiches erfassen und überprüfen.

Fehlendes Wissen über Qualität
Was ausserhalb der digitalen Welt geschieht, weiss die KI nicht. Das führt zu fehlendem Wissen über die Qualität der Daten. Das ist ein Problem und ein Schwachpunkt der aktuell tätigen KI.
Es stellt sich die berechtigte Frage: Weshalb fliesst trotz der bekannten Schwächen so viel Arbeit und Geld in die Entwicklung der Digitalisierung und der KI?
Die Antwort muss man nicht in der möglichen Verbesserung der medizinischen Behandlung suchen. Sondern im Streben, mit der KI Geld zu verdienen.
Die KI hat das Potenzial, viele Arbeitsschritte zu automatisieren, Arbeitsstellen zu ersetzen und die grossen Techgiganten zu bereichern. Das ist an sich auch nicht schlecht, wenn am Ende die Zeche nicht durch die Konsumenten und Patienten bezahlt wird. Im Moment sieht es leider sehr danach aus.
Nehmen wir beispielsweise die Gesundheitskosten in der Schweiz und den endlosen Anstieg der Krankenkassen-Prämien: Die Krankenkassen kontrollieren die zu bezahlenden Rechnungen, indem sie von den Leistungserbringern, den Spitälern, Ärzten oder Apothekern immer mehr detaillierte und digitalisierte Abrechnungen einfordern.
Dies führt zu immer mehr bürokratischem und administrativem Aufwand auf allen Ebenen.
Ein paar wenige profitieren in den Chefetagen
In Zukunft wird die Überprüfung der Rechnungen durch die KI erfolgen. Sie wird zunehmend entscheiden, ob eine Leistung bezahlt wird oder nicht. Ob dies heute schon der Fall ist, weiss man nicht.
Es ist jedoch eine Tatsache, dass die Leistungserbringer immer mehr und mit zunehmendem Zeitaufwand zu administrativen, bürokratischen und digitalisierenden Arbeiten gezwungen werden.
Die Zeit für die Betreuung der Patienten wird immer knapper. Auch die Qualität wird nicht besser. Und die so viel gepriesene Digitalisierung wird nichts zur Einschränkung der Gesundheitskosten beitragen, sondern den Anstieg noch fördern.
Am Schluss profitieren davon ein paar wenige in den Chefetagen. Und die Investoren in die KI.
Politik ist gefordert
Gefordert wäre nun einmal mehr die Politik, ganz besonders unser Parlament.
Das Bundesgesetz über die Krankenversicherung (KVG) stammt aus dem Jahre 1994, also lange bevor wir über Digitalisierung und KI sprachen.
Seither wird an diesem Gesetz fortlaufend herumgeschraubt. Im Grundsatz überarbeitet wurde es jedoch nie. Dies obwohl die Prämien und Kosten jährlich unermüdlich steigen.
Gleichzeitig hat die Schweiz ein Unfallversicherungsgesetz (UVG), das aus dem Jahr 1981 stammt. Obwohl auch dieses Gesetz die anfallenden Gesundheitskosten bei den gleichen Spitälern, Ärzten oder Pflegenden regelt, sind die Prämien in den letzten Jahren nicht gestiegen, sondern gesunken.

Es droht die Bevormundung der Patienten
Vielleicht wäre jetzt wirklich der Zeitpunkt, die beiden Systeme zu vergleichen. Und gesetzlich neu zu regeln.
Denn: Die anrollende Welle der KI erfordert dringend einen gesetzlichen Rahmen, vor allem im Bereich der Gesundheitsdaten.
Ansonsten droht die totale Bevormundung der Patientinnen und Patienten. Ausgeführt durch eine künstliche Intelligenz, die niemand mehr kontrolliert.
Zum Autor
Daniel Koch war zwischen 2008 und 2020 Leiter der Abteilung Übertragbare Krankheiten beim Bundesamt für Gesundheit (BAG). Er ist der Öffentlichkeit als «Mister Corona» bekannt und schreibt regelmässig Kolumnen auf Nau.ch. Koch lebt im Kanton Bern.











