Krankenkasse

    Könnte Einheits-Krankenkasse Entlastung bringen, Yvonne Gilli?

    Wiesy Imhof
    Wiesy Imhof

    Wil,

    Die Krankenkassenprämien dürften auch im kommenden Jahr steigen. Yvonne Gilli spricht über Kostentreiber, Systemwechsel und politische Entscheide.

    Krankenkassenprämien: Reformen im Parlament lassen Hoffnung aufkeimen
    Nach Abwägen aller Vor- und Nachteile attestiert Yvonne Gilli dem Schweizer Gesundheitssystem im internationalen Vergleich eine Vorbildfunktion. - ami

    Für das kommende Jahr zeichnet sich erneut eine Erhöhung der Krankenkassenprämien ab. Im Interview äussert sich die Präsidentin der Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte, die Wilerin Yvonne Gilli zu Kostentreibern, Systemwechsel und Parlamentsbeschlüssen.

    Redaktion: Yvonne Gilli, welche Faktoren sind aus Ihrer Sicht hauptsächlich für die kontinuierlichen Prämienerhöhungen der letzten Jahre verantwortlich?

    Yvonne Gilli: Seit Jahren steigen die Prämien stärker als die Kosten der Gesundheitsversorgung. Für dieses ungleiche Wachstum zu Lasten der Prämien gibt es verschiedene Gründe. Immer mehr auch teure und komplexe Behandlungen können ambulant durchgeführt werden.

    Die ambulanten Kosten werden im Gegensatz zu den stationären Spitalkosten vollständig auf die Prämienzahlenden überwälzt. Ein weiterer Grund sind die innovativen neuen Medikamente, welche von den globalen Pharmakonzernen entwickelt werden und deren hohe Preise durch den Patentschutz geschützt sind.

    Und vergessen wir nicht, dass unsere Bevölkerung wächst und schnell altert, so dass immer mehr Menschen auch medizinische Betreuung nachfragen.

    Redaktion: Wo sehen Sie Sparpotenzial bei den Krankenkassen selbst?

    Gilli: Als Ärztin sehe ich nicht in die Betriebsrechnungen der Krankenversicherer und bin für eine solche Bewertung auch nicht die Expertin. Sicher hatten wir in der vergleichsweise kleinen Schweiz zu viele Krankenversicherer.

    Anstieg Prämien
    Für das kommende Jahr zeichnet sich erneut eine Erhöhung der Krankenkassenprämien ab. (Symbolbild) - keystone

    Hier läuft immer noch ein wünschenswerter Strukturwandel zu weniger Krankenkassen, was die Effizienz ihrer Leistungserbringung sicher unterstützt.

    Redaktion: Inwiefern kann die Ärzteschaft Einfluss auf die steigenden Prämien nehmen?

    Gilli: Als Leistungserbringer verursachen unsere Dienstleistungen für die Patientinnen und Patienten Kosten. Die teuerste Behandlung ist nicht immer die beste – und sowohl zu viele Behandlungen wie auch zu wenige verursachen nicht nur Leiden, sondern auch zusätzliche Kosten.

    Deshalb sind Ärztinnen und Ärzte zu einer lebenslangen Fortbildung verpflichtet und müssen ihr Handeln laufend neuen Erkenntnissen anpassen und auch selbstkritisch reflektieren. Im internationalen Vergleich gelingt es uns gut, unsere Mitverantwortung an der Kostenentwicklung wahrzunehmen.

    Redaktion: Aktuelle Preisvergleiche zeigen, dass die durchschnittlichen Medikamentenpreise in der Schweiz noch immer teurer sind als in unseren Nachbarländern. Ist der Preisunterschied für Sie nachvollziehbar?

    Gilli: Diejenigen Medikamente, die nicht mehr unter Patentschutz stehen und für die es sogenannte Nachahmerprodukte (Generika oder Biosimilars) auf dem Markt gibt, sind in der Schweiz teurer, weil die Kaufkraft höher ist und sie für den Schweizer Markt zusätzliche Rahmenbedingungen erfüllen müssen.

    Ihre Preise sind heute «kritisch tief». Das zeigt sich dadurch, dass immer mehr dieser Medikamente Lieferausstände und Lieferverzögerungen erfahren oder gar vom Markt genommen werden. Anders ist es bei neuen innovativen Medikamenten, bei denen es der Schweiz im Alleingang nur schlecht gelingt, die Preise wirksam zu beeinflussen.

    Redaktion: Welche Massnahmen könnten ergriffen werden, um die Medikamente nachhaltig zu verbilligen?

    Gilli: Für die Ärzteschaft ist es beunruhigend, dass in der Schweiz immer mehr Medikamente entweder ganz fehlen oder lange Lieferverzögerungen erfahren. Für uns hat deshalb oberste Priorität, dass die Patientinnen und Patienten weiterhin Zugang haben zu denjenigen Medikamenten, die sie brauchen.

    Unser Appell an die politischen Behörden ist deshalb, bei Preisverhandlungen und Regulierung nicht nur den Preis, sondern auch den Nutzen im Auge zu behalten. Für jeden Franken, der für die Gesundheitsversorgung ausgegeben wird, erhalten wir zusätzliche 0,8 Franken an Wertschöpfung in die Volkswirtschaft.

    Belasten dich die steigenden Krankenkassenprämien?

    Das tönt abstrakt, ist aber wichtig, weil unsere gute Gesundheitsversorgung nicht nur Arbeitsplätze sichert, sondern auch die gesamte Wirtschaftsentwicklung stabilisiert und Wohlstand erhält.

    Redaktion: Als Lösung zur Kostensenkung wird seit längerem eine Einheitskrankenkasse diskutiert. Was ist Ihre persönliche Meinung zu diesem Modell?

    Gilli: Die Schweiz hat eines der besten Gesundheitssysteme der Welt. Ich kenne kein Land, in dem Patientinnen und Patienten so direkten Zugang auch zu teuren Behandlungen haben, wenn sie diese benötigen. Internationale Statistiken zeigen diese Qualität.

    Die Lebenserwartung in der Schweiz ist sehr hoch. Im Vergleich zum Ausland sterben weniger Patientinnen und Patienten, weil sie Zugang zu medizinisch erfolgreichen Behandlungen haben. Ich möchte diese Erfolgsgeschichte nicht durch einen grundsätzlichen Systemwechsel gefährden.

    Das Bundesparlament hat mit der Prämienverbilligung die Möglichkeit, die Prämienbelastung sozial verträglich auszugestalten.

    Redaktion: Sie stehen also einem Systemwechsel zu einer Einheitskasse eher kritisch gegenüber? Welche Argumente sprechen dagegen?

    Gilli: Der Wechsel zu einer stark staatlich regulierten Einheitskasse würde unser bisheriges System grundlegend verändern. Gerade wurden grosse Reformen im Parlament beschlossen, welche unser jetziges System verbessern. Ihre Wirkung sollten wir zuerst prüfen, bevor weitere Reformen beschlossen werden.

    So sind ab dem Jahr 2028 die stationären und ambulanten Behandlungen einheitlich finanziert. Das heisst, dass die ambulanten Behandlungen neu auch über Steuergelder und nicht nur über Prämien finanziert werden.

    Seit 2026 werden alle ambulanten ärztlichen Leistungen neu über Tardoc und ambulante Pauschalen entschädigt und jährlich überarbeitet. Das war in den letzten zwanzig Jahren nie mehr möglich und hat zu Fehltarifierungen geführt, die erst jetzt korrigiert werden können.

    Gesundheitskosten
    «Für die Ärzteschaft ist es beunruhigend, dass in der Schweiz immer mehr Medikamente entweder ganz fehlen oder lange Lieferverzögerungen erfahren.» (Archivbild) - keystone

    Redaktion: Wo sehen Sie die Patienten selbst in der Pflicht? In welchem Rahmen kann jeder Einzelne unmittelbar Einfluss auf die Gesundheitskosten nehmen?

    Gilli: Das Wichtigste ist, dass wir uns bewusst sind, dass die Krankenversicherung sozial durch alle Versicherten getragen wird. Nur ein solches System ermöglicht es, dass teure Behandlungen verfügbar sind, unabhängig von der wirtschaftlichen Situation des einzelnen. Das ist ein kostbares Gut.

    Eine Krebsbehandlung kann 20'000 Franken im Monat kosten. Praktisch niemand kann das aus eigener Kraft stemmen. Wir bezahlen die Prämien nicht, um für dieses Geld Dienstleistungen zu erhalten, sondern in den meisten Fällen solidarisch für diejenigen, die eine Behandlung benötigen.

    Hinweis

    Dieser Artikel ist zuerst in den «Wiler Nachrichten» erschienen.

    Kommentare

    User #5424 (nicht angemeldet)

    Damit bin ich einverstanden. Doch solange in den Wandelhallen derart stark Lobbyismus vorherrscht, wird sich im Krankenkassendilemma nicht ändern.

    User #2111 (nicht angemeldet)

    Ich glaube, dass die Leute die Abstimmungen nicht verstanden haben. Krankenkassenprämien belasten das ganze Land und alle Familien. Einheitliche Kassen entlasten das System und sparen mehrere 100 Millionen. Zu vielen Kassen, zu vielen Chefs, die Millionen als Lohn nehmen, und zu vielen Verwaltungen, die zu viel kosten.

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