Lena-Marie Lutz: Sie geht voran und erfüllt sich ihren Traum
Lena-Marie Lutz spielt, wie sie ist: direkt und energievoll. Trotz schwerer Verletzung steht die 24-Jährige vor ihrer zweiten Teilnahme an Olympischen Spielen.

Ende November wurde Lena-Marie Lutz gefragt, wie sie ihre Chancen einschätze, im Schweizer Aufgebot für die Olympischen Spiele 2026 zu stehen. Lutz rückte die Wollmütze zurecht, als wolle sie sich eine Denkpause verschaffen, um zu überlegen, ob sie wirklich sagen soll, was sie denkt. Dann setzte sie den Ton: «Eigentlich ist das eine blöde Frage.»
So ist Lena-Marie Lutz. 24 Jahre alt, Schweizer Eishockey-Nationalspielerin und Stürmerin bei den HC Ambrì-Piotta Women. Sie sagt über sich: «Ich bin eine Spielerin mit viel Energie; ich bin ein Mensch, der sehr direkt ist.» Indirekt beschäftigte sie diese «blöde Frage» natürlich während Wochen, während Monaten. «Es gibt Faktoren, die kannst du beeinflussen, und es gibt Faktoren, die bestimmt das Universum.»
Beeinflussen konnte und kann sie die sportliche Leistung. Mit 19 Saisontoren – nur Zug-Stürmerin Lara Stalder hat bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe häufiger getroffen – hat Lutz massgeblich dazu beigetragen, dass Ambrì die positive Überraschung der PostFinance Women’s League ist. «Ich darf zufrieden sein», sagt Lutz, «vor allem, wenn man bedenkt, wo ich im Frühling und im Sommer war.»
Das abrupte Ende in Zug
Im März 2025 brach sich die Aargauerin in den Playoff-Halbfinals mit dem EV Zug das Schien- und Wadenbein. Die Saison war passé. Die erste Phase der Rehabilitation verlief nicht wie gewünscht. Erst mit den Behandlungen im nationalen Sportzentrum in Magglingen im Sommer stellten sich Fortschritte im Genesungsprozess ein.
«Ohne die Therapie in Magglingen wäre ich jetzt nicht dort, wo ich bin», sagt die Stürmerin. Die schwere Verletzung markierte das abrupte Ende von Lutz’ erfolgreicher Zeit in der Zentralschweiz. In zwei Saisons gelangen ihr für den EVZ in 41 Partien 42 Tore. Sie trug dazu bei, dass sich die Zugerinnen nach dem Aufstieg im Frühling 2024 sportlich innert Kürze in der PostFinance Women’s League etablierten.
Neben dem Eis hat der Klub längst den Benchmark gesetzt, indem er die Spielerinnen zu 40 Prozent entlöhnt und ihnen ein Halbprofitum ermöglicht. «Was der EVZ auf die Beine gestellt und umgesetzt hat, ist phänomenal», sagt Lutz. Sie habe es genossen, in Zug vor vielen Zuschauenden zu spielen und eine solche Wertschätzung für das Fraueneishockey zu erfahren.
Mehr Breite und weniger Angst, «unter die Räder zu kommen»
Die Gegenwart heisst: Ambrì. Neben ihrer Tätigkeit als Spielerin arbeitet Lutz teilzeit auf der Geschäftsstelle des HCAP in der Administration. Noch sei der Klub bei der Einbindung des Fraueneishockeys nicht auf der Stufe des EVZ, «aber in Ambrì wird für jedes Problem irgendwie eine Lösung gefunden, das schätze ich sehr».
Die Mentalität im Tessin behagt der Stürmerin aus Buchs im Aargau. Ihr Bruder Valentin spielte vor gut acht Jahren im Nachwuchs von Ambrì, entsprechend früh sympathisierte Lena-Marie mit dem HCAP. Ihre erste Station südlich des Gotthards waren aber von 2022 bis 2023 die Lugano Ladies.

Lugano und der ZSC bildeten während Jahrzehnten die zwei Herzkammern des nationalen Fraueneishockeys: Von 2006 bis 2023 ging der Titel jedes Jahr – den DHC Langenthal 2008 ausgenommen – nach Lugano oder Zürich. Im Frühling 2024 stellte Lugano den Betrieb der Ladies aus wirtschaftlichen Gründen ein, derweil andere Grossklubs wie Bern, Davos und Fribourg ins Fraueneishockey eingestiegen sind.
«Das Commitment ist gewachsen, das sportliche Level wird besser», sagt Lutz. Allerdings sei das Gefälle innerhalb der PostFinance Women’s League und auch innerhalb der Teams zu hoch. «Es muss uns gelingen, dass jedes Team mehrere Linien auf gutem Niveau stellt. Die Spiele müssen packender werden, attraktiver, damit wir mehr Leute in die Hallen bringen», sagt die Nationalspielerin.
Nur: «Damit wir uns in der Breite verbessern können, müssen wir mehr Mädchen fürs Eishockey begeistern können.» Der vom Verband Swiss Ice Hockey geplanten Juniorinnenliga für die Altersstufen U14 bis U16 misst die Stürmerin eine hohe Bedeutung zu:
«In reinen Mädchenteams erhalten die Girls früh ein Gefühl fürs Garderobenleben und wichtige Rollen. Spielst du als einziges oder eines von wenigen Mädchen in Bubenteams, kannst du irgendwann körperlich nicht mehr mithalten und hörst vielleicht auf – auch aus Angst, unter die Räder zu kommen.»
Sie ist selbstironisch und eckt auch mal an
Lutz hat den Grossteil ihrer Nachwuchszeit in Bubenteams gespielt. Sie profitierte vom hohen Niveau in den Trainings und im Wettkampf, kriegte aber regelmässig zu spüren – mal subtil, mal offensichtlich –, dass sie als Mädchen im Eishockey eine Exotin war. «Ich habe häufig gehört, Eishockey sei ein Männersport.»

Die 24-Jährige begegnet dem Vorurteil längst in der ihr eigenen Art. Sie schminkt sich bewusst auch an Spieltagen – erst recht, wenn ein Spiel im Fernsehen übertragen wird. «Das Optische spielt in meinem Leben sowieso eine wichtige Rolle», sagt Lutz und ergänzt: «Wir üben ja bereits einen Männersport aus, dann müssen wir nicht noch aussehen wie Männer.»
Selbstironie ist kein schlechter Ratgeber in einer Diskussion, die nicht mehr geführt werden sollte, «weil sich Fraueneishockey als attraktive Sportart etabliert hat». Lutz sagt, wer sich als Mädchen oder als Frau im Eishockey behaupten wolle, müsse abgehärtet sein. Dabei kommt der Stürmerin ihr Charakter zupass: Sie sei extrovertiert und scheue keine Konfrontation, sagt die Aargauerin.
Wahrscheinlich fühlt sie sich auch deshalb im Tessin zu Hause, wo eine Doppelkultur aus Offenheit und Struktur, quasi eine geregelte Italianità, gelebt wird. Und womöglich ist ihre Art mit ein Grund, weshalb sie beim EVZ trotz sportlich guter Leistungen keine Zukunft hatte.
«Ich ecke häufig an und bin nicht die einfachste Spielerin», sagt Lutz und schiebt die Frage nach: «Ist Anecken grundsätzlich negativ? Ich bin überzeugt: Führst du das richtige Gespräch mit den richtigen Personen, ergibt sich etwas Positives.»
Die Olympischen Ringe sind tägliche Begleiter
Positives zieht sich denn auch durch die internationale Karriere der Angreiferin. Mit 20 Jahren spielte sie für die Schweiz bereits an der Weltmeisterschaft und den Olympischen Spielen. Von Olympia hatte Lena-Marie Lutz als Mädchen geträumt.
Der Traum erhielt Konturen, als die Schweizerinnen 2014 in Sotschi überraschend Bronze gewannen. Lutz war 12 Jahre alt, spielte für den HC Seetal, verfolgte die Spiele des Frauen-Nationalteams und sagte sich: «Diesen Traum werde ich mir erfüllen.»
Lena-Marie Lutz
Geboren: 12. Juli 2001
Stock: links
Bei HC Ambrì-Piotta Women seit: 2017
Vertrag bis: 2026
Bisherige Klubs: EVZ Women’s Team (SWHL A), Ladies Team Lugano (SWHL A), Hockey Team Thurgau Indien Ladies (SWHL A), EV Bomo Thun (SWHL A), SC Reinach Damen (SWHL A)
Gesagt, getan. Die Wettkämpfe 2022 in Peking fanden wegen Corona ohne Zuschauer statt, was der Debütantin half, «den Fokus nicht zu verlieren». Seit Lutz’ Teilnahme in Peking sind die olympischen Ringe gleich in dreifacher Ausführung ihre täglichen Begleiterinnen: als Tätowierung, als Halskette und im Profilbild auf WhatsApp. Es ist ein dreifacher Beleg, welch hohe Bedeutung eine Olympiateilnahme für Lutz hat:
«Ich möchte als Athletin unbedingt noch Olympische Spiele mit Zuschauern erleben.» Diesem Ziel ordnete die 24-Jährige vieles unter. Umso grösser war die Freude, als ihr Nationaltrainer Colin Muller um den Jahreswechsel beschied, sie werde auch 2026 zur Olympiadelegation gehören. «Ich bin sehr stolz, Teil des Schweizer Teams zu sein», sagt Lutz.
Der Sommer habe ihr viel Durchhaltevermögen und mentale Stärke abverlangt, «trotz grosser Unsicherheit konnte ich den Fokus jederzeit behalten». Lutz sagt, die schwere Verletzung habe auch dazu geführt, dass sie sich «die grossen Fragen des Lebens» stellte: Sport, Beruf, Familie, quo vadis? Die Antworten sind offen. Im Vordergrund stehe, im Februar in Milano Cortina die bestmögliche Leistung zu zeigen – «andere Gedanken haben zurzeit keinen Platz».












