Aline Trede: «Ich sitze am letzten Pültli»
Im BärnerBär-Interview spricht Aline Trede über ihr neues Amt, fehlende Exekutiverfahrung und ihre Ziele als Regierungsrätin.

Ab 1. Juni übernimmt Aline Trede die kantonale Direktion für Inneres und Justiz. Was die 42-Jährige zur Kritik, sie habe keine Exekutiverfahrung, sagt, wie lange sie Regierungsrätin bleiben will und was sie an ihrem neuen Amt erstaunt.
BärnerBär: Aline Trede, Sie waren 13 Jahre lang Nationalrätin. Freuen Sie sich jetzt auf den Regierungsrat?
Aline Trede: Ich freue mich auf etwas ganz Neues. Wenn ich meine Kalender betrachte, befürchte ich bloss, dass die Spontaneität und Flexibilität, die bisher mein Leben prägten und die ich auch privat schätze, etwas verlorengehen. Ich werde mich nun anders organisieren müssen.
BärnerBär: Sie hätten ja gerade so gut im Parlament bleiben können. Sie waren immerhin Fraktionschefin der Grünen.
Trede: Ich sagte immer, keine Sesselkleberin sein zu wollen. Es ist gut, wenn sich natürliche Wechsel ergeben. Dann tat sich das Regierungsratsfenster auf, die Kinder sind unterdessen etwas älter, ich verbrachte doch eine stattliche Zeit im Bundeshaus … deshalb war jetzt ein guter Zeitpunkt.
BärnerBär: Beliebte Journalistenfrage: Was war Ihr grösster Erfolg als Nationalrätin?
Trede: Der Wahlerfolg 2019 war krass. Ich kochte zu Hause am Sonntagmittag Glühwein, zusammen mit meinem Wahlteam. Und irgendwann sagte jemand: «Ständerat Glarus!» Und ich so: Wer? Mathias Zopfi? Ein Grüner?

So ging es den ganzen Tag weiter. Inhaltlich war die Gripen-Abstimmung eine meiner ersten Vorlagen, die wir gewinnen konnten. Und als Letzte dann das Referendum gegen den Autobahnausbau 2024. Wir konnten weit über unser Lager hinaus mobilisieren, was stets das Ziel sein sollte.
BärnerBär: Ihre grösste Niederlage?
Trede: Ich wurde einmal nicht wiedergewählt, 2015; und als per Stichentscheid ein Ja zur Lockerung der Ausfuhr von Kriegsmaterial beschlossen wurde. Damals standen mir die Tränen in den Augen. Ausserdem bin ich kein Fan von Bundesratswahlen. Da stinkt es mir zu fest nach Macht.
BärnerBär: Was wird Ihnen am Ratsbetrieb am meisten fehlen?
Trede: Ich habe das Bundeshaus und die Sessionen immer gemocht. Nicht zwingend inhaltlich, da ich ja nur selten gewonnen habe.
Das Ringen um beste Lösungen, wenn sich das Bundeshaus bei Sessionen in ein Bienenhaus verwandelt, alles brummt – das fand ich immer toll. Das wird in einem kleineren Ausmass weiterhin so sein, wobei ich mich nun in einer anderen Rolle befinde.
BärnerBär: Sie dürfen auch in der kantonalen Exekutive um Lösungen ringen.
Trede: Absolut. Wir sind halt bloss sieben und nicht 200 (lacht).
BärnerBär: Wen werden Sie am meisten vermissen?
Trede: Ganz viele. Es war ein ziemliches «Gegränn» an meinem letzten Nationalratstag im Mai (schmunzelt). Damien Cottier, Philipp Matthias Bregy, Tiana Angelina Moser … und auch Thomas Aeschi.
Wir waren damals im Büro der Fraktionspräsidenten eine echt konstruktive Truppe. Und natürlich wird mir meine Fraktion fehlen.
BärnerBär: Gibt es jemanden, den Sie kaum vermissen werden?
Trede: Ja.
BärnerBär: Galant wie Sie sind, verraten Sie aber nicht, wen?
Trede: Ja (schmunzelt). Seitens SVP gibt es schon einige. Jene, die nie zusammenarbeiten wollen und sich menschenverachtend verhalten.
BärnerBär: Kennen Sie Ihre neuen Gspänli schon?

Trede: Am längsten Philippe Müller, da wir gemeinsam im Stadtparlament politisierten. Er tut jedenfalls so, als würde er sich auf mich freuen (lacht). Mit Evi Allemann sass ich im Nationalrat in der gleichen Kommission.
Mit Reto Müller war ich im Wahlkampf oft unterwegs. Am wenigsten vertraut sind mir Pierre Alain Schnegg und Raphael Lanz.
BärnerBär: Also ist da tatsächlich gar kein Charakter in diesem Gremium, mit dem Sie aneinandergeraten könnten?
Trede: Nein, ich kann es ja mit allen gut. Astrid Bärtschi kenne ich übrigens noch aus der Zeit, als sie Generalsekretärin der BDP war. (hält kurz inne) Nein, aneinandergeraten, das denke ich nicht.
Vielleicht wird jetzt aber wieder etwas angeregter diskutiert. Und da haben wir mit Raphael, Reto und mir ideale Voraussetzungen (lacht).
BärnerBär: Kritiker sagen, Sie hätten null Exekutiverfahrung.
Trede: Pierre Alain Schnegg hatte das nicht, Astrid Bärtschi, Evi Allemann und Philippe Müller ebenfalls nicht. Und sie machen es gut in der Exekutive. Exekutiverfahrung mag helfen, ja.
Ich selbst hatte im Parlament eine Oppositionsrolle inne und musste deutlich öfter um Kompromisse und Lösungen ringen als vielleicht Raphael Lanz, der in einer Stadtregierung sass, in der drei von fünf Mitgliedern der SVP angehören.
Abgesehen davon habe ich durchaus Führungserfahrung à la Exekutive, etwa dank meiner Tätigkeit im Fussballverband. Man vertritt nach aussen Dinge, selbst wenn man im Thema unterliegt.
BärnerBär: Sie übernehmen im Regierungsrat die Direktion des Innern und der Justiz von Evi Allemann. Zufrieden?
Trede: Die Direktion ist nicht schwieriger als andere. In der Direktion sind das Jugendamt, das Amt für Gemeinden und Raumplanung, Religion, auch das Grundbuchamt und der Rechtsdienst … verschiedene Bereiche sind mir vom Nationalrat her vertraut. Monothematisches liegt mir weniger.
Doch es erwartet mich logischerweise viel Neues. Ich sass noch nie in einer Rechtskommission und ich habe kein Jus studiert.
BärnerBär: Haben Sie sich bei Evi Allemann schon Tipps geholt?
Trede: Klar. Ich darf eine gut geführte Direktion übernehmen.
BärnerBär: Haben Sie sich persönliche Ziele gesetzt?
Trede: Wahnsinnig viele (lacht laut). Aber klar bin ich weniger frei als in der Fraktion, wo wir Themen selbst setzen konnten. Im Wahlkampf wurde zudem oft über Spaltung gesprochen, etwa jene zwischen Stadt und Land. Dabei sind wir doch ein Chancenkanton.
Wir haben Berge, Industrie, Zweisprachigkeit – das sollten wir als Gewinn sehen und Gräben zuschütten. Ausserdem liegt das Thema Jugend eher brach. Dabei ist sie unsere Zukunft. Dem möchte ich mehr Priorität einräumen.
BärnerBär: Trotzdem: Hätten Sie eine andere Direktion gewählt, wenn Sie die Chance gehabt hätten?
Trede: Logischerweise wäre ich gerne in der Wirtschaft-, Energie- und Umweltdirektion, da bin ich inhaltlich zu Hause. Ich wusste allerdings, dass die Zuteilung kein Wunschkonzert ist. Was mich tatsächlich erstaunt hat, ist, wie altmodisch manches ist.
BärnerBär: Was meinen Sie genau?
Trede: Ich sitze zum Beispiel im Regierungs-Sitzungszimmer am letzten Pültli. Weil ich biologisch die Jüngste bin. Raphael Lanz hat einen vorderen Platz erhalten. Nicht weil er das bessere Wahlresultat erzielt hat, sondern weil er älter ist.
Nur: Exakt dafür will man ja gute Resultate erzielen: um danach eine bessere Verhandlungsposition zu haben.
BärnerBär: Sie sagten, Sie freuen sich auf die etwas ruhigere Gangart im Regierungsrat. Wer Sie kennt, denkt hingegen eher: Die Aline, die braucht doch den Trubel.
Trede: Ich ertappte mich schon beim Gedanken, dass ich noch zu ungeduldig für den Regierungsrat sei (lacht).
BärnerBär: Evi Allemann war bei ihrem Eintritt noch jünger.
Trede: Ich weiss. Es kommt gut. Meine neue Funktion ist zudem besser planbar, was meinem privaten Umfeld mit den Kindern sehr entgegenkommt. Es wird anders, intensiv arbeiten werde ich sowieso. Und die Erwartungen sind von allen Seiten hoch.
BärnerBär: An Sie selbst und an Ihre Direktion?
Trede: Genau. Weil man ja über mich sagt, dass ich es mit allen könne. Gewisse Dinge darf ich hingegen gar nicht mehr, juristisch gesehen. Wenn irgendwas suboptimal läuft, bin ich es mir gewohnt, direkt mit diesen Leuten zu sprechen.
Das werde ich nach Möglichkeit weiterhin tun, aber vor diesem Rollenwechsel habe ich durchaus Respekt.
BärnerBär: Ihre politische Karriere war nicht von A bis Z durchgeplant. Trotzdem ein Gedankenspiel für die Zukunft: Wenn Sie die vollen 16 Jahre Regierungsrätin sind, würden Sie den Job bis fast zur Pensionierung ausüben.

Trede: Nochmals: Ich will keine Sesselkleberin sein, auch nicht als Regierungsrätin.
BärnerBär: Zwei Amtszeiten sollten es allerdings schon sein.
Trede: Absolut. Schon nur, um überhaupt reinzufinden. Ich gehe von zwei bis drei Legislaturen aus.
BärnerBär: Und dann gehen Sie in Ruhestand?
Trede: Dann gehe ich in den Bundesrat (lacht augenzwinkernd). Nein, nein, da wäre ich dazu zu alt.
BärnerBär: Sie könnten die erste grüne Bundesrätin der Geschichte werden.
Trede: Solange das System so ist, ist das schwierig. Es ist kein Ziel, auf das ich hinarbeite.












