Hälfte der Afghanen mit Zusage darf nicht nach Deutschland

Keystone-SDA
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Deutschland,

Fast die Hälfte von 2.308 Afghanen, die zum Zeitpunkt des Antritts der aktuellen deutschen Regierung mit einer Aufnahmezusage aus Zeiten der Vorgänger-Koalition in Pakistan lebten, soll nicht mehr nach Deutschland kommen dürfen.

Blick auf den Bundestag
Blick auf den Bundestag - AFP/Archiv

Das berichtet die «Neue Osnabrücker Zeitung» unter Berufung auf Antworten der Regierung von Kanzler Friedrich Merz auf eine parlamentarische Anfrage der Linken.

Demnach sind seit Antritt der Regierung von Christ- und Sozialdemokraten im Mai vergangenen Jahres 788 Afghanen nach Deutschland gereist, rund 410 weitere Personen befänden sich noch im Ausreiseverfahren. Die persönlichen Anhörungen, mit denen mögliche Sicherheitsbedenken ausgeräumt werden sollen, sind laut Regierung bis auf wenige Einzelfälle abgeschlossen. Die Antworten liegen der Deutschen Presse-Agentur (dpa) vor.

Viele afghanische Familien harren seit Monaten oder gar Jahren in Islamabad aus. Die nach den Parteifarben «schwarz-rot» genannte Koalition stoppte das Aufnahmeprogramm für besonders gefährdete Afghaninnen und Afghanen gleich nach ihrem Amtsantritt Anfang Mai.

Neben früheren Ortskräften deutscher Institutionen und ihren Angehörigen sollten über das Programm auch Afghanen aufgenommen werden, die Verfolgung durch die islamistischen Taliban fürchten müssen, etwa weil sie sich in der Vergangenheit als Anwälte oder Journalistinnen für Menschenrechte eingesetzt haben.

Dass trotz des Stopps einige der Betroffenen und ihre Angehörigen trotzdem Visa erhalten, liegt daran, dass in Deutschland Klagen angestrengt wurden, um ihre Einreise durchzusetzen. Nachdem etliche Menschen aus dem sogenannten Bundesaufnahmeprogramm Afghanistan erfolgreich auf Erteilung eines Visums geklagt hatten, wurden für diese Menschen und für Menschen mit ähnlich gelagerten Fällen wieder Einreisen nach Deutschland organisiert.

Die fluchtpolitische Sprecherin der Linksfraktion, Clara Bünger, kritisierte das Vorgehen der Regierung. «Dass die Bundesregierung die Hälfte der gefährdeten Afghaninnen und Afghanen, denen eine Aufnahme durch die Bundesrepublik Deutschland versprochen worden war, einfach fallen lässt, ist verantwortungslos, schäbig und menschlich unerträglich», sagte sie der «Neuen Osnabrücker Zeitung».

Die Betroffenen seien seit Jahren vor dem Hintergrund der geplanten Aufnahme in Pakistan mit deutscher Unterstützung untergebracht und versorgt worden, sagte Bünger. «Da kann die Bundesregierung doch nicht einfach behaupten, sie trage keine Verantwortung, und die Menschen dem menschen- und frauenverachtenden Willkürregime der Taliban überlassen.»

Unter den Menschen mit einer Aufnahmezusage beziehungsweise Aufnahmeerklärung aus den verschiedenen Afghanistan-Aufnahmeverfahren sind knapp 220 afghanische Staatsangehörige aus dem Verfahren für ehemalige Ortskräfte, etwa 60 afghanische Staatsangehörige, deren Namen auf einer «Menschenrechtsliste» stehen, knapp 600 Afghanen aus dem sogenannten Überbrückungsprogramm und etwa 1.000 afghanische Staatsangehörige aus dem Bundesaufnahmeprogramm für Afghanistan.

Die aktuelle deutsche Regierung hat die Migrationspolitik deutlich verschärft. Im Koalitionsvertrag der christdemokratischen Union (CDU und CSU) und der sozialdemokratischen SPD heisst es: «Wir werden freiwillige Bundesaufnahmeprogramme soweit wie möglich beenden (zum Beispiel Afghanistan) und keine neuen Programme auflegen.»

Betroffenen, die trotz Aufnahmezusagen aus Deutschland von Pakistan zurück nach Afghanistan abgeschoben werden, droht dort Schikane durch die Taliban. Nach einem ARD-Bericht führten Sicherheitskräfte am Sonntagabend eine Razzia in einem Gästehaus in Kabul durch, in dem unter anderem ehemalige Ortskräfte untergebracht sind. Einige seien stundenlang verhört und ihre Smartphones beschlagnahmt worden. Die Betroffenen wurden demnach gefragt, warum sie nach Deutschland hatten ausreisen wollen.

Aus Deutschlands Aussenministerium – dem Auswärtigen Amt in Berlin – hiess es auf dpa-Anfrage, der Regierung sei der Sachverhalt bekannt. Man stehe über einen Dienstleister mit vielen der aus den Aufnahmeverfahren im vergangenen Jahr von Pakistan nach Afghanistan Abgeschobenen in Kontakt. Soweit möglich würden die Menschen in Afghanistan zum Beispiel bei der Unterbringung unterstützt.

Die «wenigen verbliebenen Personen mit einer gültigen Aufnahmezusage» unterstütze die Regierung bei einer zügigen Rückkehr nach Pakistan, um von dort ausreisen zu können. «Dies erfolgt jedoch auf freiwilliger Basis und ohne Anerkennung einer Rechtspflicht.»

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