Dirigent Simon Rattle warnt vor Auswirkungen des Brexit auf Orchester-Betrieb
Der weltberühmte britische Dirigent Sir Simon Rattle befürchtet gravierende Auswirkungen des EU-Austritts Grossbritanniens auf den Orchester-Betrieb.

Das Wichtigste in Kürze
- Klassik-Star: EU-Austritt Grossbritanniens ist ein «fürchterlicher Fehler».
«Die praktischen Schwierigkeiten werden immens sein, denn es gab nie eine Planung für den Brexit», sagte der Klassik-Star, der lange in Berlin dirigierte, der Nachrichtenagentur AFP.
Der Chefdirigent der Londoner Symphoniker sieht derzeit keinen anderen Weg, als die Europa-Tourneen seines Orchesters zu kürzen, das bislang zwei von drei Konzerten im Ausland im europäischen Ausland spielt. Die Zollkontrollen für die Instrumente und das Ausfüllen von Formularen dauerten «im Durchschnitt 15 Stunden, was bedeutet, dass unser Reiseleben völlig anders sein wird», sagte Rattle.
«Vergangenen Freitag spielten wir in Frankfurt und am Samstag waren wir in Paris», berichtete der Dirigent. Hätten alle Instrumente inspiziert werden müssen, dann wären sie «auf keinen Fall» so schnell von einem Land ins andere gekommen, erläuterte Rattle sein Dilemma.
«Immer wenn wir Regierungsvertreter fragen, wie es mit der Mitnahme von Instrumenten von Land zu Land aussieht, lautet die Antwort: 'Wie bitte? Wir haben keine Ahnung'.» Das Orchester, dem Rattle seit 2017 vorsteht, habe jetzt drei oder vier Notfallpläne für jede Tournee. «Wir sind ein winziges Unternehmen unter Hunderttausenden, die von Europa abhängig sind», betonte der Dirigent.
Der 65-Jährige hatte vor seinem Engagement in London 16 Jahre die Berliner Philharmoniker geleitet und das Orchester zu einem der besten der Welt gemacht. Im Gespräch mit AFP machte Rattle kein Geheimnis daraus, dass er wohl nicht nach London zurückgekehrt wäre, wenn er gewusst hätte, dass der «fürchterliche Fehler» namens Brexit sein Heimatland in ein «selbstgebautes Kulturgefängnis» verwandeln könnte.
Das London Symphony Orchestra ist eines der führenden Orchester Grossbritanniens - und wohl das europäischste. Es «war von Anfang an vor hundert Jahren ein europäisches Orchester», sagte Rattle. Der erste Dirigent des Ensembles war der Deutsche Hans Richter. Die derzeitigen Musiker kommen aus 26 Ländern, darunter 18 europäische.
Zufällig war Rattle am Tag des Brexit-Referendums 2016 beim Orchester. «Die Menschen waren in Tränen aufgelöst. Wir konnten die Probe eigentlich nicht beginnen, bevor wir eine grosse Diskussion hatten», berichtete der Dirigent. Die älteren britischen Musiker seien am emotionalsten gewesen und entsetzt darüber, «dass wir bereit sind, uns selbst abzutrennen» von Europa.
Europa sei für ihn immer eine Inspiration und seine Heimat gewesen, betonte der Star-Dirigent, der mit der tschechischen Mezzosopranistin Magdalena Kozena verheiratet ist. «Meine Kinder sind Europäer, wir haben in Deutschland gelebt. Jeder hat erwartet, ein europäisches Leben zu führen.»














