Dass der Kanton Waadt alle Personen ab 18 Jahren zur Corona-Impfung zulässt, findet Mitte-Gesundheitspolitikerin Ruth Humbel positiv. Mit gewissen Fragezeichen.
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Die Waadtländer Regierungsrätin Rebecca Ruiz, rechts, spricht an der Seite von Béatrice Métraux, links, anlässlich der Einweihung des Impfzentrums im Montreux Music & Convention Centre (2M2C) - Keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Kanton Waadt lässt alle Erwachsenen zur Corona-Impfung zu.
  • Mitte-Gesundheitspolitikerin Ruth Humbel begrüsst dieses Vorpreschen im Grundsatz.
  • Der Bundesrat müsse auf die Einhaltung der Lieferverträge bei Pfizer und Moderna drängen.

Der Kanton Waadt vergibt jetzt Impftermine an alle Bevölkerungsgruppen über 18 Jahren. Die Kantonsregierung kündigte den Schritt im Montreux Music & Convention Centre an, welches neu auch ein Impfzentrum beherbergt. Üblicherweise finden dort Kongresse oder das Montreux Jazz Festival statt.

In anderen Kantonen könnte ob diesem Vorpreschen des bevölkerungsmässig drittgrössten Kantons durchaus Neid aufkommen. Immerhin könnte so ein 20jähriger Lausannois geimpft sein, bevor ein Basler Mitt-Fünfziger auch nur schon einen Termin erhält. Nau.ch hat Mitte-Nationalrätin Ruth Humbel gefragt, was sie, als Aargauerin und als Präsidentin der Gesundheitskommission, von den forschen Waadtländern hält.

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Die Aargauer Mitte-Nationalrätin und Präsidentin der Gesundheitskommission des Nationalrats, Ruth Humbel, spricht während der Online-Delegiertenversammlung ihrer Partei, am Samstag, 24, April 2021 in Bern. - Keystone

Nau.ch: Frau Humbel, der Kanton Waadt öffnet die Impftermine auch für die Gruppe «alle anderen». Finden Sie das korrekt oder riecht es nach PR-Aktion der Kantonsregierung?

Ruth Humbel: Grundsätzlich finde ich das sehr positiv, dass man sich sofort nach Registrierung auch impfen lassen kann. Was mich aber erstaunt ist: Wenn die Waadt rund um die Uhr impfen kann, woher haben sie dann die Impfdosen?

Pfizer Moderna Bundesrat Ruiz
Bundespräsident Guy Parmelin, die Waadtländer Regierungsrätin Rebecca Ruiz, Sabine Bruckner, Geschäftsführerin Pfizer Schweiz, Dan Staner, Vizepräsident und Europachef von Moderna und Bundesrat Alain Berset, von links, warten auf ihren Einsatz an einer Medienkonferenz zur Lieferung von Impfdosen und der laufenden Impfkampagne, am Donnerstag, 25. März 2021 in Bern. - Keystone

Nau.ch: Gemäss Gesundheitsdirektorin Rebecca Ruiz rechnet man mit grossen Impfdosen-Lieferungen. Zudem vergibt die Waadt Termine auch dann, wenn die zweite Impfdose noch nicht gesichert ist. Sie sind da etwas skeptisch?

Ruth Humbel: Das BAG hat seine Weisung ja geändert, nach dem Treffen des Bundesrats mit Pfizer und Moderna. Weil die Versorgungslage gut sei, müsse man nicht mehr die zweite Impfdosis bereits in Reserve haben. Aber seither gab es die Lieferverzögerung bei Moderna, angeblich wegen Fachkräftemangel bei der Lonza…

Nau.ch: …und trotzdem scheint es zumindest am Genfersee genug Impfstoff zu haben.

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Im Montreux Music & Convention Centre M2C2 (rechts) hat der Kanton Waadt neu ein Impfzentrum eingerichtet. - Keystone / m2c2.ch

Ruth Humbel: Wenn man sich auf die Versprechungen der Hersteller verlassen kann, dann ist die Strategie der Waadt auch richtig. Der Bundesrat sollte wirklich sehr darauf pochen, dass die Verträge auch eingehalten werden. Frau Kronig hat letzte Woche versprochen, dass diese Dosen jetzt im Mai kommen. Von daher ist die Stossrichtung der Waadt sicher gut.

Nau.ch: Gesundheitspolitisch und gesamtschweizerisch betrachtet: Machen solche kantonale Unterschiede Sinn? Sollten nicht zuerst Betreuungspersonen von Risikogruppen im Kanton Zürich geimpft werden, bevor gesunde und wenig gefährdete Waadtländer Studenten drankommen?

Ruth Humbel: Grundsätzlich erhalten die Kantone ihre Kontingente je nach Grösse der Bevölkerung und Altersstruktur. Aber die Leute müssen sich halt auch melden!

Uster Impfzentrum Coronavirus
Der Wartebereich des Impfzentrums in Uster ZH. - Spital Uster

Natürlich hat man ab einem gewissen Alter ein höheres Risiko, aber wir haben umgekehrt auch vermehrt Junge auf den IPS. So gesehen macht es nicht wirklich Sinn, wenn man jetzt noch gross die Altersgruppen differenziert. Wer sich früh damit auseinandersetzt und früh meldet, kommt schneller dran: Das ist ja dann auch wieder gerecht.

Nau.ch: Das hiesse aber, sie gehen davon aus, dass die kantonalen Unterschiede schnell kleiner werden bei der Umsetzung der Impfkampagne?

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Links ein Plakat der Impfkampagne zum Coronavirus, rechts BAG-Chefin Anne Lévy. - BAG/Keystone

Ruth Humbel: Ich gehe schon davon aus, dass es in anderen Kantonen jetzt auch schnell vorwärts geht. Es gibt ja auch vermehrt Arbeitgeber, die entsprechende Infrastrukturen zur Verfügung stellen. Hier im Kanton Aargau habe ich als 64-Jährige ohne Vorerkrankungen meinen Impftermin auch bereits. Sogar meine 30jährige Tochter hat schon einen Impftermin.

Jeder Tag, den man auf dem Weg zur Herdenimmunität gewinnt, ist wertvoll; die Taskforce geht von einem wirtschaftlichen Bonus von 25 Millionen aus. Zu den finanziellen kommen dann auch die gesellschaftlichen Aspekte: Je schneller man zurück in der Normalität ist und eine Perspektive hat, umso besser.

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