Markus Ritter: Soll Staat sagen, was wir in Zukunft essen (dürfen)?
Im Herbst stimmen wir über die Ernährungsinitiative ab. Bauernpräsident Markus Ritter schreibt, warum sie nicht halte, was sie auf den ersten Blick verspreche.

Das Wichtigste in Kürze
- Markus Ritter ist gewählter Präsident des Schweizer Bauernverbandes.
- Auf Nau.ch schreibt der Mitte-Nationalrat regelmässig Kolumnen.
- Heute schreibt Ritter über die Ernährungsinitiative.
Im September stimmen wir über die Initiative für eine sichere Ernährung ab, kurz Ernährungsinitiative genannt.
Diese verspricht Sicherheit, Nachhaltigkeit und mehr Unabhängigkeit. Klingt gut. Ist es aber nicht.
Denn: Was auf den ersten Blick vernünftig wirkt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als radikaler Umbau unseres Ernährungssystems – mit gravierenden Folgen für Versorgung, Preise und Wahlfreiheit.
Essen wie im Krieg
Die Initiative fordert einen Netto-Selbstversorgungsgrad von mindestens siebzig Prozent. In Zeiten globaler Krisen mag das verlockend klingen. Doch ein solcher Wert ist völlig unrealistisch.
Dieser Wert wurde letztmals im Zweiten Weltkrieg erreicht – während der «Anbauschlacht». Damals wurde jeder verfügbare Quadratmeter umgepflügt, um Kartoffeln und Getreide anzubauen.
Siebzig Prozent wären heute allenfalls mit modernsten Sorten und intensivster Bewirtschaftung erreichbar – trotz weniger Landwirtschaftsfläche und deutlich mehr Bevölkerung.

Aber zu welchem Preis? Mit einer Ernährung wie in Kriegszeiten: Kartoffeln, Getreide, Polenta für die Kalorien. Etwas Gemüse und Obst für die Vitamine. Fleisch? Kaum.
Poulet, Schwein oder Eier wären praktisch verschwunden. Milch und etwas Rind-, Schaf- oder Ziegenfleisch vielleicht am Sonntag. Wollen wir das wirklich?
Staat statt Speisekarte
Zudem kommt, dass dies alles nicht freiwillig passiert, sondern politisch verordnet wäre. Der Staat würde definieren, was produziert wird. Und somit indirekt auch, was auf den Teller kommt.
Gleichzeitig müsste er verhindern, dass die Bevölkerung stattdessen im Ausland einkauft. Ein massiver Eingriff in unsere Ernährung. Und in unsere Freiheit.
Ob vegan, vegetarisch, flexitarisch («flexibler Vegetarismus») – oder mit Fleisch: Die Entscheidung muss bei den Konsumentinnen und Konsumenten bleiben. Wahlfreiheit ist ein hohes Gut.
Höhere Preise und Einkaufstourismus
Die Initiative hätte spürbare wirtschaftliche Konsequenzen. Mehr Auflagen – auch für pflanzliche Kulturen: Lenkungsmassnahmen zur Angebotssteuerung oder tiefgreifende Umstellungen in der Produktion. Das alles kostet. Und höhere Produktionskosten bedeuten höhere Preise im Laden.
Besonders Familien mit kleinerem Budget würden das deutlich spüren. Gleichzeitig wächst der Anreiz, im Ausland günstiger und vielfältiger einzukaufen.

Mehr Einkaufstourismus, weniger Wertschöpfung in der Schweiz. Geschwächt würde am Ende die gesamte Land- und Ernährungswirtschaft.
Gefährliche Einseitigkeit
Die Schweizer Landwirtschaft ist vielfältig. Und sie ist standortgerecht. In Berg- und Hügelregionen ist Ackerbau oft kaum möglich. Dort sind Milch- und Fleischproduktion zentral.
Eine politische Einbahnstrasse hin zu rein pflanzlicher Produktion würde genau diese Betriebe massiv unter Druck setzen.
Unsere Landwirtschaft funktioniert im Einklang mit den natürlichen Gegebenheiten unseres Landes.
Diese Vielfalt ist ökologisch sinnvoll und wirtschaftlich tragfähig. Ideologisch motivierte Zielvorgaben hingegen helfen weder der Umwelt noch der Versorgungssicherheit.
Ja zur einheimischen Landwirtschaft
Natürlich muss sich die Landwirtschaft weiterentwickeln. Der Schutz von Klima und natürlichen Ressourcen ist wichtig. Ebenso eine sichere Versorgung.
Aber Fortschritt gelingt mit Innovation, Verantwortung und marktwirtschaftlichen Anreizen. Nicht mit staatlicher Menüplanung.
Und nicht vergessen: Jeder Einkauf ist eine Bestellung an uns Bauernfamilien. Jede und jeder hat es heute schon in der Hand, wie sich die Landwirtschaft weiterentwickelt.
Ein Nein zur Ernährungsinitiative ist deshalb kein Nein zur Nachhaltigkeit. Es ist ein Ja zu Augenmass. Ein Ja zur Wahlfreiheit. Und ein Ja zu einer starken, vielfältigen Schweizer Landwirtschaft.
Zum Autor
Markus Ritter (58) ist Nationalrat (Die Mitte) und gewählter Präsident des Schweizer Bauernverbandes.












