Mit Ignazio Cassis wird ein Tessiner und ein Arzt Bundespräsident 2022. Aber er hat auch viele Kritiker, wie sein Wahlresultat zeigt.
SVP-Parteipräsident Marco Chiesa hofft auf etwas mehr Tessin in Bundesbern dank Bundespräsident Ignazio Cassis. - Nau.ch

Das Wichtigste in Kürze

  • Ignazio Cassis wurde mit «nur» 156 Stimmen zum Bundespräsidenten gewählt.
  • Es gibt viel Kritik an seiner Arbeit als Bundesrat.
  • Seine frühere Tätigkeit als Arzt könnte ihm im dritten Pandemie-Jahr nützen.

Die Bundesversammlung aus National- und Ständerat hat den Tessiner FDP-Bundesrat Ignazio Cassis mit 156 Stimmen zum Bundespräsidenten 2022 gewählt. Das ist ein mittelmässiges Resultat und widerspiegelt die zurückhaltenden Erwartungen an Cassis. Selbst der Umstand, dass mit Cassis ein ehemaliger Kantonsarzt die Schweiz durchs dritte Pandemiejahr führt, sorgt für wenig Enthusiasmus. Verschiedene Parlamentarier wollen lieber nichts ins Mikrofon sagen, aus Angst, allzu böse Worte zu wählen.

«Endlich Heft in die Hand nehmen»

Anders Mitte-Fraktionspräsident Philipp Matthias Bregy, der aber auch Klartext redet. Vom Bundespräsidenten Ignazio Cassis wünscht er sich das, was dieser heute auch versprochen hat. «Ich erwarte das, was er menschlich sehr gut kann: Dass er das Land zusammenhält und Spaltungen verhindert.»

Mitte-Fraktionschef Philipp Matthias Bregy hat eine klare Meinung von Bundespräsident Ignazio Cassis. - Nau.ch

Aber als Aussenminister müsse Cassis endlich das Heft in die Hand nehmen und seinen Job machen, fordert Bregy mit Nachdruck. SVP-Präsident Marco Chiesa hofft, dass Ignazio Cassis noch verstärkt die Themen Arbeitsmarkt und Grenzgänger in den Bundesrat hineinträgt. Als Tessiner kenne der neue Bundespräsident die Probleme einer Region am Rande der Schweiz gut.

Kritik an Ignazio Cassis, aber Hauptsache Tessiner

Cassis sei aber auch ein «Primus inter pares», ein Erster unter Gleichen, betont Chiesa. Als solcher müsse er die gesamte Schweiz vertreten.

Alain Berset Ignazio Cassis
Der neu gewählte Bundespräsident Ignazio Cassis, rechts, und der neu gewählte Vizepräsident Alain Berset posieren nach ihrer Wahl während der Wintersession der Eidgenoessischen Räte, am Mittwoch, 8. Dezember 2021, im Nationalrat in Bern. - Keystone

Die Stimmen gegen Cassis dürften vor allem von SP und Grünen gekommen sein. Sie kritisieren Cassis immer wieder heftig, die Grünen wollen ihm gar den Bundesratssitz abspenstig machen. Nationalrätin Greta Gysin, Grüne und Tessinerin, nimmt Cassis aber in Schutz. «Ich bin einfach froh, dass wir nach 22 Jahren wieder einen Tessiner als Bundespräsidenten haben.»

Grünen-Nationalrätin Greta Gysin begrüsst diw Wahl von Ignazio Cassis ins Bundespräsidium, weil er Tessiner ist. - Nau.ch

Sein Wahlergebnis sei zwar nicht brillant, aber dasjenige von Alain Berset ja auch nicht. Berset wurde mit 158 Stimmen zum Vizepräsidenten gewählt: «Damit muss man leben, wenn man Politik macht», findet Gysin. Cassis habe sicher auch Fehler gemacht, aber er werde vor allem in der Europapolitik bestraft für die Entscheide des Bundesrats.

Ein Arzt als Bundespräsident

«Es wird kein einfaches Jahr», prognostiziert Gysin angesichts der andauernden Pandemie. Dass Cassis als Arzt tätig war, helfe sicher beim Verständnis der Zusammenhänge, glaubt Mitte-Fraktionschef Bregy. Viel mehr aber auch nicht: «Als Bundespräsident hat er eine ganz andere Aufgabe.» Nämlich das Land durch die Pandemie zu steuern.

Ist es ein Vorteil, dass Bundespräsident Ignazio Cassis als Arzt tätig war?

«Er war unser Kantonsarzt», betont dagegen SVP-Präsident Chiesa, und das Tessin habe ja eine sehr heftige erste Welle erlebt. «Ich gehe davon aus, dass er die Probleme kennt und vernünftige Lösungen bringen wird.»

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