Arbër Bullakaj: «Oft ältere, weisse Herren, die gegen mich hetzen»
Seit Arbër Bullakaj im Bundeshaus sitzt, erlebt er mehr rassistische Angriffe. Aufgeben kommt für den Wiler SP-Nationalrat trotzdem nicht infrage.

Manche Nachrichten löscht man. Andere bleiben hängen. Und dann gibt es jene, die man irgendwann sogar mit nach Hause nimmt. Arbër Bullakaj kennt sie alle: Beschimpfungen, rassistische Sprüche, persönliche Angriffe.
Seit er im April in den Nationalrat nachrückte, habe sich die Situation stark verändert. «Ich bekomme, seit ich im Nationalrat bin massiv mehr solcher Kommentare als früher, als ich nur in Wil politisierte.»
Zunächst hielt Bullakaj den raueren Ton für einen Teil des neuen politischen Amtes. Er dachte, der Hass werde sich irgendwann legen. Tat er aber nicht.
Also fragte er einen anderen Parlamentarier, ob dieser ebenfalls mit einer solchen Flut an Beschimpfungen konfrontiert sei. Die Antwort war Nein, deutlich weniger.
Für Bullakaj eine Erkenntnis: «Da wurde mir klar: Der Hass richtet sich nicht nur gegen meine Politik. Es geht um meine Herkunft und darum, dass manche mir deshalb meine Zugehörigkeit zu diesem Land absprechen.»
Echte Profile, echte Menschen
Dabei hat er nichts gegen eine harte politische Auseinandersetzung. Im Gegenteil. Kritik gehört für ihn zum politischen Geschäft. «Ich nehme gerne Kritik an, das ist mir wichtig.»

Wenn ihm aber jemand vorwerfe, er habe das politische System nicht verstanden und gleichzeitig sage, er habe in der «Regierung» nichts verloren, werde es absurd. Er sei schliesslich Nationalrat und damit Teil der Legislative, nicht der Regierung.
Noch viel weiter gehen Kommentare, die ihm wegen seiner Herkunft die Zugehörigkeit zur Schweiz absprechen oder ihn als «Krebsgeschwür» bezeichnen. Bullakaj hat sich deshalb entschieden, den Hass nicht einfach zu ignorieren.
Mit seinem Video wollte er sichtbar machen, was sonst hinter Bildschirmen verschwindet. Denn die Verfasser seien keineswegs nur anonyme Internet-Trolle.
«Hinter den Profilen stecken echte Menschen», sagt er. Viele würden sogar mit ihrem richtigen Namen und ihrem echten Foto auftreten.
Besonders schlimm auf Facebook
Eine Plattform sticht für Bullakaj besonders heraus: Facebook. Dort sei die Situation «mit Abstand am schlimmsten». Auffällig sei für ihn auch, wer besonders häufig kommentiere.
«Oft sind es ältere, weisse Herren, die gegen mich hetzen – natürlich nicht ausschliesslich.» Einige Namen und Profile tauchen immer wieder auf. Menschen, die praktisch jeden seiner Beiträge kommentieren und immer wieder nachlegen.
«Die wird man nicht los.» Für Bullakaj ist deshalb auch die Plattform selbst gefordert. «Social Media ist kein rechtsfreier Raum.»
Facebook könne solche Kommentare nicht einfach stehen lassen. Es gehe um die Frage, wie eine Gesellschaft miteinander diskutiere und darum, was Politikerinnen und Politikern zugemutet werden soll.
Der Hass ist nicht nur digital. Bullakaj erhält auch Briefe an seine Privatadresse, einzelne sogar ohne Poststempel. «Das ist schon krass.»
«Noch lange zu kämpfen»
Am meisten beschäftigt Bullakaj allerdings nicht, was Fremde über ihn schreiben. Sondern der Gedanke, dass seine Kinder eines Tages erkennen werden, wie viel Hass Politikerinnen und Politikern – und ihrem Vater – entgegenschlägt, oft ohne jede sachliche Kritik.
Noch sind sie nicht in einem Alter, in dem sie die Kommentare über ihren Vater lesen würden. Doch genau davor hat er Respekt. Gleichzeitig will er verhindern, dass der Hass einzelner die Wahrnehmung der ganzen Gesellschaft bestimmt.
«Die grosse Mehrheit der Menschen ist nicht von Hass getrieben. Sie ist grösser als die Lauten.» Das ist für ihn auch der Grund, warum er selbst weitermacht. Denn ausgerechnet das Thema Rassismus war einst ein Auslöser dafür, dass Arbër Bullakaj überhaupt politisch aktiv wurde.
Nun erlebt er selbst, wie Menschen mit Migrationsgeschichte angegriffen werden, sobald sie öffentlich sichtbar werden. «Bei Menschen mit Wurzeln in Italien dauerte es auch lange, bis sie selbstverständlich als Teil der Schweiz angesehen wurden. Bei Menschen mit Wurzeln im Balkan hat sich viel verbessert, aber wir sind noch lange nicht am Ziel.»
Auch ans Aufhören gedacht
Und trotzdem: Ans Aufgeben denkt Bullakaj nicht wirklich. «In den vergangenen zwanzig Jahren habe ich einige Male daran gedacht, mit der Politik aufzuhören. Mindestens doppelt so oft habe ich mir aber gesagt: Ich höre nicht auf, denn ich liebe die Politik und möchte weitermachen. Seit ich Nationalrat bin, stellt sich mir diese Frage nicht mehr.»
Wie sehr ihn der Hass tatsächlich trifft, hat ihm der Videodreh selbst gezeigt. Die Beschimpfungen, die er sonst auf dem Bildschirm liest, wurden plötzlich laut ausgesprochen.
«Das war eine heftige Erfahrung, die ist mir eingefahren.» Auch die Menschen auf dem Bundesplatz hätten entsetzt reagiert. Nur einen Take habe man gebraucht.

Bullakaj war darüber nicht unglücklich. Denn die Erfahrung habe ihm nochmals deutlich gemacht, wie anders Worte wirken, wenn sie nicht als Kommentar auf einem Bildschirm stehen, sondern einem direkt entgegengeschleudert werden.
Und dann passierte genau das, was Bullakaj mit dem Video eigentlich sichtbar machen wollte: Unter dem Video erschienen erneut beleidigende Kommentare.
Ausgerechnet unter einem Beitrag über Hass im Netz. «Das ist schon extrem», sagt Bullakaj. Wirklich überrascht habe es ihn allerdings nicht.
Die Hoffnung bleibt trotzdem, dass die eigentliche Botschaft des Videos angekommen ist. Das Video wurde inzwischen über 200'000-mal angesehen.
Für Bullakaj ist das vor allem eine Chance, die Diskussion über Hass im Netz anzustossen. Seine Botschaft ist deutlich: «Eine Beleidigung ist keine Meinung.
Rassismus ist keine Meinung. Und das Internet ist kein rechtsfreier Raum.» Er wolle die Kommentare nicht zeigen, um ihnen noch mehr Aufmerksamkeit zu geben, sondern um das Wegschauen zu beenden.
Online-Hass sei kein Randproblem. Familien würden mitlesen, und gerade junge Menschen, die sich politisch engagieren wollten, müssten wissen: «Du bist nicht allein und du musst das nicht einfach hinnehmen.»
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst in den «Wiler Nachrichten» erschienen.








