Alkohol auf Skipiste: Parlament sieht Promillegrenze kritisch
Massnahmen gegen Alkohol auf der Skipiste werden als nicht notwendig erachtet.

Das Wichtigste in Kürze
- Nachbarländer verhängen Massnahmen gegen zu viel Alkohol auf der Skipiste.
- In der Schweiz hätten solche Regeln einen schweren Stand.
- Sie seien auch gar nicht nötig, heisst es: Angeheiterte Skifahrer gebe es kaum.
Über 60'000 Verletzte gibt es auf Schweizer Pisten jährlich, überwiegend sind die Unfälle selbstverschuldet. Bei wie vielen Alkohol im Spiel war, dazu gibt es keine Statistik. In Österreich verzeichnet man aber immer mehr Unfälle mit Betrunkenen.
Massnahmen gegen Après-Ski-Exzesse
Auch in der Schweiz gehören sie zum Alltag: Die Skifahrer, die sich schon morgens um 10 Uhr in der Ski-Beiz einen Schnaps oder zumindest ein «Schümlipflümli» genehmigen. Es ist zu vermuten, dass es im Verlauf des Tages nicht bei diesem einen alkoholischen Getränk bleibt.

Italien kennt deshalb seit 2022 eine Promillegrenze von 0,5 auf der Skipiste. In Österreich gibt es verschiedene Massnahmen zur Eindämmung der Après-Ski-Exzesse. Sind auch in der Schweiz Regelungen auf der Piste oder beim Ausschank angezeigt?
Eher weniger als mehr Alkoholkonsum
Solche Forderungen hätten im Parlament einen schweren Stand. Dass überhaupt ein Problem besteht mit Alkohol auf der Skipiste, sehen wenn schon linke Parlamentarierinnen und Parlamentarier. Bei den Bürgerlichen dagegen winkt man ab.
«Vormittags beobachte ich das nicht», sagt etwa Mitte-Nationalrat Nicolò Paganini. «Am Nachmitttag sieht man das ab und zu, dass Leute angeheitert aus einer Skihütte kommen.» Er habe aber nicht das Gefühl, dass das zunehme. «Es wird erwiesenermassen immer weniger Alkohol konsumiert», sagt Paganini, der unter anderem auch Präsident des Schweizer Brauerei-Verbands ist.

«Das ist aber sicher auch unterschiedlich, je nach Skigebiet und Après-Ski-Angebot auf der Talabfahrt», schränkt Paganini doch noch ein.
Alkohol & Ski: «Wenn, dann an der Talstation»
Der Nidwaldner FDP-Ständerat Hans Wicki amtiert unter anderem auch als Verwaltungsratspräsident der Titlis-Bahnen und Präsident von Seilbahnen Schweiz. So kennt er sich von Berufs wegen aus beim Schneesport und bestätigt: «Es ist vieles anders als früher.»

Nämlich so, wie das Mitte-Paganini schildert: «Bei den Titlis-Bahnen beobachten wir eine dramatische Veränderung beim Alkoholkonsum: Viel weniger, und wenn konsumiert wird, dann unten an der Talstation.»
Auch hier, konstatiert Wicki, sei es anders als vor 20 Jahren: «Praktisch niemand fährt angetrunken heim. In einer Gruppe gibt es immer eine Person, die keinen Alkohol trinkt und die Gruppe nach Hause fährt.»

Mit zunehmend zugedröhnten Pisten-Rowdys sei aber nicht nur am Titlis Fehlanzeige: «Ich habe auch nicht via Seilbahnen Schweiz etwas gehört», betont Wicki.
Für Ü60 mittags ein Glas Wein – für Junge eher nicht
Passionierter Skifahrer ist auch Mitte-Nationalrat Andreas Meier. Und, gibt er unumwunden zu: «Ich nehme gerne am Mittag ein Glas Wein.» Als Weinbau-Unternehmer kennt sich der Aargauer damit gleichermassen aus.

Promille-Kontrollen oder Ausschank-Begrenzungen: Massnahmen gegen Alkohol auf der Skipiste sieht Meier nicht als notwendig an. «Bei denjenigen, die gerne Alpin-Ski fahren, sehe ich nicht, dass da ein Alkohol-Problem wäre.»

Und die Jungen: Die tränken auch nicht mehr so viel Alkohol, ist Meiers Eindruck: «Das ist eher ein Problem, das sich von selbst löst.»
Für ihn ist indes klar: «Jeder Unfall ist blöd, vor allem, wenn andere betroffen sind. Aber ich habe nicht das Gefühl, dass wir die Polizei auf die Piste schicken müssen.»
Eigenverantwortung und angepasste Fahrweise
Am Mittag sich gemeinsam ein Glas Wein zu genehmigen, das sei nicht das Problem, findet auch Parteikollege Paganini. Aber: «Im Vollrausch auf die Piste zu gehen, das verurteile ich klar.»
Bei gesetzlichen Massnahmen wie einer Promillegrenze ist Paganini aber skeptisch: «Wenn der Staat Regeln aufstellt, die er nicht durchsetzen kann, ist das problematisch.»

Mit Blick auf andere in Italien geltende Vorschriften wie Helmpflicht und Geschwindigkeitsbegrenzung meint Paganini: Er plädiere für Eigenverantwortung und den Verhältnissen angepasste Fahrweise.
«Wenn jemand frühmorgens alleine auf der Piste 100 km/h draufhat, ist das von mir aus kein Problem. Aber wenn es massenhaft Leute hat und einige mit ihren Carving-Skis schnell und teilweise etwas unberechenbar unterwegs sind: Das ist wieder ganz etwas anderes.»
Gastrosuisse: Promillegrenze mit geringem Effekt
Haben die Branchen-Lobbyisten schlicht Bedenken wegen fehlender Einnahmen durch den Alkoholika-Verkauf. Oder dass Touristen ins Ausland abwandern kann, weil man es in der Schweiz nicht «lustig» haben kann? Gemäss der Einschätzung von Gastrosuisse scheinen solche Befürchtungen unbegründet.
In Schweizer Skigebieten gebe es keine vergleichbare, ausgeprägte Trinkkultur «wie gewisse ausländische Destinationen aufweisen», heisst es auf Anfrage. Die Gäste kämen daher in erster Linie wegen des Sports und der Erholung, und nicht wegen des Alkohols. «Traditionelle Getränke wie Schümlipflümli, Kafi Lutz oder Saurer Most gehören für viele zum Erlebnis dazu – nicht jedoch zwingend zum Skifahren selbst.»

Zwar sei der Alkohol in der Berggastronomie wirtschaftlich relevant. Aber aus den genannten Gründen hätte eine Promille-Grenze auf den Skipisten nur einen geringen wirtschaftlichen Effekt. Spezifische Zahlen habe man nicht, aber die Verteilung der Getränke dürfte in Skihütten ähnlich sein wie auf dem «nationalen Getränkezettel»: Alleine Heissgetränke und Wasser machen mehr als die Hälfte der Konsumationen aus.
FDP-Wicki: «Das Leben ist tödlich»
Entsprechend findet denn auch FDP-Ständerat Hans Wicki, von ihm aus könne man alles so weiterlaufen lassen. Und er zieht einen Vergleich zu bereits gemachten Erfahrungen mit Einschränkungen in der Berggastronomie: Die Terrassen-Schliessung lässt grüssen.
«Wir können ja auch zurückfallen in die Dummheiten, die wir während der Pandemie gemacht haben», so Wicki. «Der Staat ist wohl der zweitbeste Unternehmer.»
Auch deshalb gilt für Wick: Möglichst alles so laufen lassen, wie es ist. «Denen, die finden, alles zu verbieten mache das Leben ewig, sage ich: Das Leben ist halt immer noch tödlich.»












